Ein Monat - ein Buch

Oktober 2010: Stephan Puchner – Nebelheim

Als ich noch jeden Tag mit dem Bus 50 Minuten zur Uni gefahren bin, hatte ich natürlich immer ein Buch dabei, und an die Lektüre von „Nebelheim“ kann ich mich noch insofern gut erinnern, weil ich einer zufällig mitfahrenden Dozentin auf Englisch den Inhalt erzählte und davon schwärmte, wie gut es mir gefiel. Tatsächlich ist die Erforschung der Polarmeere in meinen Augen ein spannendes Thema (siehe „Die Entdeckung der Langsamkeit“ oder „Der Schrecken des Eises und der Finsternis“), umso mehr, da der Roman im 15. Jahrhundert spielt, als man noch an Meeresungeheuer und unbekannte Länder weit im Norden glaubte.

stephan-puchner

Quelle: faz.net

Der Kartenzeichner Nicolaus Swart will gar das Paradies selbst finden und überredet darum König Erich, Herrscher über Dänemark, Schweden und Norwegen, ihm dafür Schiffe zur Verfügung zu stellen. Jahre später kehrt der tot geglaubte Swart zurück nach Gotland, wohin Erich nach seiner Absetzung durch die Räte geflohen ist, schon auf dem Sterbebett liegend und mit seinem Schreiber Rikman als einzigen Gefährten. Dieser hegt immer mehr Zweifel an dem Bericht des Abenteurers über das herrliche Land „Nebelheim“ (und mit ihm der moderne Leser, der natürlich weiß, dass hinter dem ewigen Eis nicht plötzlich ein warmes und blühendes Land auftaucht). Dennoch steigt der Kartograf in der Gunst des Königs – der um seinen Ruf in der Nachwelt besorgt ist -, wird sein Berater und bringt das Land zum erneuten Wohlstand…

Die Erzählchronologie ist nicht immer linear, immer wieder werden Erinnerungen von Swart an seine Kindheit oder an seine Reise (für die er nicht die Entdeckung Edens, sondern andere, private Gründe hat) dazwischengeschoben und das historische Geschehen stimmt wohl nicht ganz mit dem des Romans überein. Auch wurde die besondere, altertümlich anmutende Sprache von einigen Lesern kritisiert. Diese ist aber wohl ein wesentlicher Grund dafür, dass ich das Buch so gern gelesen habe, sie gibt dem Ganzen eine authentische Atmosphäre und macht den Unterschied aus: Es ist keiner dieser üblichen Geschichtsromane aus den Bestsellerlisten über Huren, die wandern und Steinmetze, die Kathedralen bauen, sondern ein großartig geschriebenes, fesselndes Werk, zuweilen düster, am Ende ein trauriger Abgesang auf alle Utopien einer besseren Welt „irgendwo da draußen“. Wieder mal einer meiner Zufallsfunde (ich glaube, das Cover erregte als erstes meine Aufmerksamkeit – tatsächlich habe ich schon Bücher gelesen, nur weil mir der Umschlag so gefiel), die positiv zu überraschen wissen.

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