Lieblingsbücher

Stephen King – It

Ich bin Fan von Stephen King, seit ich mein erstes Buch von ihm las, „Der Buick“. Das heißt nicht, dass ich bei einer Neuerscheinung gleich in den nächsten Buchladen laufe und das Ding kaufe, aber es gibt nur wenige Autoren, von denen ich über zehn Werke gelesen habe – schon weil viele gar nicht so produktiv sind – und er ist einer davon, gegenwärtig kenne ich 18 seiner Bücher, und da ist noch nicht mal die „Dark Tower“-Serie dabei. Es sind, abgesehen von H. P. Lovecraft, auch die einzigen Horrorgeschichten in meiner Lektüreliste, weil dieses Genre, auch im Film, sonst gar nicht mein Fall ist, aber für Kings Aliens, Vampire und sonstige Spukgestalten mache ich gern eine Ausnahme. Jahrelang waren keine Sommerferien komplett ohne mindestens eines seiner Bücher – weil man dann Zeit für stundenlanges Schmökern im Bett hat, immer noch mein bevorzugter Leseort – und der Höhepunkt dessen war ganz sicher „It“ im Jahr 2008, auf Englisch. Im Nachhinein stellte sich das als Glücksfall heraus, denn die deutsche Übersetzung, in die ich mal hineinschaute, war schauderhaft, die Kapitelreihenfolge z. T. geändert (!) und ganze Passagen ausgelassen, quasi eine Horrorstory ganz eigenen Sinnes für gelernte Übersetzer.*

Stephen King IT NEL 2nd edition 1987 paperback

Quelle: http://markwestwriter.blogspot.de

Here’s looking at you, Kid

Also „It“. Schon die ersten Seiten, in denen Bill Denbroughs kleiner Bruder mit Pennywise the Dancing Clown Bekanntschaft schließt – nicht zu seinem Vorteil, muss man sagen – ziehen den Leser mitten ins Geschehen. Das Interessante bei King ist auch die Verbindung zwischen den Büchern, sei es über Figuren oder über die Geografie. Die Städte des Bösen liegen alle dicht beieinander (Salem’s Lot, Haven, Castle Rock, Chester’s Mill…), alle in Maine, und Derry ist wahrscheinlich die berüchtigste von allen, da hier aller ca. 27 Jahre Kinder verschwinden oder andere schlimme Dinge passieren. Nur scheint das keinen wirklich zu interessieren, die Erwachsenen haben es irgendwie akzeptiert und versuchen nicht, dem Übel auf den Grund zu gehen, wahrscheinlich haben viele von ihnen an einem Punkt in der Vergangenheit Pennywise oder eine andere der vielen Erscheinungsformen von „It“ kennengelernt. Es müssen erst sieben Kinder, alle mehr oder weniger Außenseiter und an der Grenze zur Pubertät, während der Sommerferien 1958 zusammenkommen, um dem Treiben ein Ende zu setzen, oder es zumindest zu versuchen. Unsere Helden sind: Stan („The Man“, meine Lieblingsfigur aus unerklärlichen Gründen, leider muss er gleich zu Beginn des Buches, wenn die Figuren als Erwachsene von ihren Erinnerungen heimgesucht werden, Suizid begehen), Richie („Beep Beep“), Beverly, Bill, Ben, Mike und Eddie.

Maybe there aren’t any such things as good friends or bad friends – maybe there are just friends, people who stand by you when you’re hurt and who help you feel not so lonely. Maybe they’re always worth being scared for, and hoping for, and living for. Maybe worth dying for too, if that’s what has to be. No good friends. No bad friends. Only people you want, need to be with; people who build their houses in your heart.

„It“ ist, wie die meisten King-Romane, schön dick und somit hat man die Chance, die Charaktere ausgiebig kennen- und lieben zu lernen, der Abschied am Ende fällt umso schwerer (Tatsächlich zögerte ich diesen so lange wie möglich hinaus, indem ich die Seitenzahl pro Tag begrenzte, umgekehrtes Verfahren zu anderen Büchern). Die Idee des Autors, It für jeden anders erscheinen zu lassen je nach der schlimmsten Horrorvorstellung der Person, gefällt mir sehr gut, weil sie die unterschiedlichen traumatischen Erfahrungen eines jeden Menschen berücksichtigt. Wie so häufig ist die Bedrohung durch reale Personen fast noch schlimmer als durch das außerirdische It: Beverly wird von ihrem Vater geschlagen (und später von ihrem Mann), Eddie wird von seiner Mutter überbehütet und alle sieben Kinder zusammen von den drei „Schulrüpeln“ Henry, Victor und Belch gehetzt und drangsaliert – ganz zu schweigen von dem Psychopathen Patrick, der ein ziemlich grausiges Ende findet. Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt, wenn sich die Gruppe als Erwachsene in Derry erneut trifft, weil beim ersten Versuch It entgegen ihrer Hoffnung nicht besiegt werden konnte. Dass ihr alter Feind Henry, getrieben von It und entflohen aus der geschlossenen Anstalt, sie daran mit aller Macht zu hindern sucht, ist ein eher unnötiger Strang, weil die erzählerische Gegenwart (1985) an Spannung trotzdem nicht mit der Vergangenheit mithalten kann. Die parallele Darstellung der Wanderungen durch die Abwasserkanäle zu Its Lager, einmal als Kinder und einmal als Erwachsene, ist wiederum sehr gut gelungen, ebenso Mikes Forschungen zu früheren Vorfällen in Derrys Geschichte, wodurch er auf deren Zyklus von 27 Jahren kommt. Man sollte nur nicht den Fehler machen und das Buch nachts viertel drei lesen (hat da gerade etwas am Fenster gekratzt?), vor allem nicht die Szene, in der Bill und Richie in ein verlassenes Haus einbrechen und mit einem Werwolf konfrontiert werden. Aber gerade das lieben wir doch so an Horrorgeschichten: Diesen wohligen Schauer der Angst, während man sich sicher in seiner Komfortzone wähnt. Nach dem Lesen hatte ich trotzdem manchmal Angst, mich umzudrehen, wenn ich im Dunkeln draußen herumlief – vielleicht steht ja Pennywise unter der Laterne und winkt mir zu…

Ein Meisterwerk im Aufbau und in der Figurenentwicklung und -konstellation. Wenn King eines unglaublich gut beherrscht, dann die Beschreibung, wie das Grauen in den Alltag (oder in die Idylle der Sommerferien) einbricht, sich ins Leben einschleicht, sodass man es nie mehr vergessen kann. Aber er kann zur Abwechslung auch sonnige, fröhliche Szenen heraufbeschwören wie die direkt vor dem „apocalyptic rock fight“: Der sonst unauffällige Stan fängt an zu singen, „I’m so young and you’re so old, this my darling I’ve been told“, und legt eine glänzende Paul-Anka-Darbietung hin – wow. Auch das werde ich immer mit „It“ verbinden. Beep beep, Richie.

*Wie ich mittlerweile herausgefunden habe, ist die Übersetzerin unschuldig an der ganzen Misere: Sie erhielt ein unfertiges Manuskript für ihre Arbeit, das sich teilweise stark von Kings Endfassung unterschied. Seit 2011 gibt es eine vollständige Neuübersetzung, in der alle Schnitzer ausgebügelt sein sollen.

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