Ein Monat - ein Buch

Januar 2005: Thoman Mann – Buddenbrooks

Das Buch fand ich damals interessant, aber nachdrücklich ins Gedächtnis eingegraben hat es sich erst durch die epische Lesung von Gert Westphal, die ich zwei Mal im Radio verfolgte, während der Sommer 2005 und 2009. Seine sonore Stimme habe ich noch gut im Ohr, ob er nun die gute Seele Ida Jungmann, die kleinwüchsige Sesemi Weichbrodt oder den jovialen Konsul Peter Döhlmann spricht. Falls die Lesung einmal auf einem Kanal gesendet wird, kann ich sie nur wärmstens empfehlen.

buddenbrooks

Quelle (und einen Klick wert): https://www.abebooks.de/blog/index.php/2014/09/16/20-kultige-buchcover/

Die Originalausgabe von 1903

Der vollständige Titel von Manns Roman, wofür er 1929 den Nobelpreis erhielt, lautet „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“. Das passte natürlich perfekt in das dekadente Zeitalter um die Jahrhundertwende, sorgte aber auch für einen ziemlichen Skandal, nicht zuletzt, da das Buch als Schlüsselroman gelesen werden konnte und der Autor auf die eigene Familiengeschichte zurückgriff. Wahrscheinlich sind ihm deshalb die Charaktere so lebendig geraten, dass man sie während der Lektüre fast wie die Mitglieder der eigenen Familie zu kennen meint: Thomas, der Erbe des Unternehmens, der sich dieser Aufgabe mit Ernst und Strenge widmet (wie auch der Erziehung seines Sohnes Hanno) und im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Christian seine Jugendsünden rasch hinter sich lässt, einschließlich des schönen Blumenmädchens Anna, die später im Angesicht seiner aufgebahrten Leiche eine wirklichere Trauer zeigt als seine Familie. Der emotionale, künstlerische und hypochondrische „Krischan“ dagegen scheint nie richtig erwachsen zu werden, sodass er z. B. in der Szene an Heiligabend besser Hannos Freude an seinem Geschenk, einer Opernkulisse aus Papier, verstehen kann als alle anderen. Seine launigen Geschichten von seinen Reisen erfreuen die meisten Zuhörer (Thomas ausgenommen) wie den Leser, seine amourösen Abenteuer mit halbseidenen Damen nicht minder – wahrscheinlich liegt es an seiner immer mitschwingenden Melancholie, ja fast manischen Depression, dass ihm keine Frau lange widerstehen kann. Dann Toni, die Schwester von Thomas und Christian, die kein Glück mit Männern hat, seit sie ihrer Jugendliebe Morten für den berechnenden Bankrotteur Grünlich entsagte. Dass sie in München mit dem urigen Bayern Permaneder nicht glücklich wird, kann ich bestens nachvollziehen. Wie geschickt Mann in ganz beiläufigen Sätzen durchscheinen lässt, dass Toni Morten ein Leben lang nicht vergisst („Wenn es ein Junge wäre, so wüsste ich einen sehr hübschen Namen“), ist geradezu herzzerreißend. Generell ist diese sommerliche Episode in Travemünde meine liebste im Buch:

Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht … Darf ich das nicht… bekräftigen …?« Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die Maßen.

Desweiteren die schon erwähnte Ida Jungmann, die Generationen von Buddenbrooks auf ihren Knien schaukelt. Die pietistische, altjüngferliche Schwester Clara, die einen Pfarrer aus Riga heiratet. Die dicke Klothilde, die sich allein durch ihren unersättlichen Appetit auszeichnet. Gerda, Thomas‘ Frau, die vielleicht, vielleicht auch nicht eine Affäre mit einem Musikerfreund hat und mit ihrer blassen Schönheit und ihrer musikalischen Ader wie nicht von dieser Welt scheint. Und schließlich Thomas‘ Sohn und zukünftiger Erbe Hanno, der tatsächlich nicht für das raue Leben und vor allem nicht für die Geschäftswelt gemacht ist – er, der leidenschaftlich gern auf dem Klavier fantasiert und den bereits eine Gedichtrezitation emotional so mitnimmt, dass er vor Tränen nicht weiterkann, sehr zum Ärger seines Vaters. Die Beschreibung eines Schultags Hannos gibt uns ein Bild vom Schulwesen im Kaiserreich und wie enorm der Leistungsdruck und die strengen Maßnahmen der Lehrer waren. In diesem System ist Hanno schlichtweg überfordert, er kann und will sich dem nicht unterordnen und so gibt er sich nur allzu willig dem einen Ausweg allen Leids hin, als er an Typhus erkrankt:

Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: In die fernen Fieberträume, in die glühende Verlorenheit des Kranken wird das Leben hineingerufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heißen Wege erreichen, aufdem er vorwärts wandelt, und der in den Schatten, die Kühle, den Frieden führt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig höhnische Mahnung zur Umkehr und Rückkehr vernehmen, die aus jener Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurückgelassen und schon vergessen hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefühl der feigen Pflichtversäumnis, der Scham, der erneuten Energie, des Mutes und der Freude, der Liebe und Zugehörigkeit zu dem spöttischen, bunten und brutalen Getriebe, das er im Rücken gelassen: wie weit er auch auf dem fremden, heißen Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben. Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneigung bei der Stimme des Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erinnerung, dieser lustige, herausfordernde Laut, daß er den Kopf schüttelt und in Abwehr die Hand hinter sich streckt und sich vorwärts flüchtet auf dem Wege, der sich ihm zum Entrinnen eröffnet hat … nein, es ist klar, dann wird er sterben.

So ist die Buddenbrooks-Dynastie dann an ihr Ende gelangt, genau wie Hanno es durch einen Strich unter den Stammbaum in der Familiebibel vorweggenommen hat: „Ich dachte, es käme nichts mehr…“ Wie gesagt, mit 16 fand ich „Catcher In The Rye“ witziger und interessanter als Mann, durch die Lesung ist mir der Roman aber sehr ans Herz gewachsen und vielleicht werde ich ihn irgendwann wieder zur Hand nehmen, denn ein Klassiker ist und bleibt er, und zwar mit Recht so – wahrscheinlich einer der wenigen deutschen Romane von Weltrang (und er ist einfacher zu lesen als „Der Zauberberg“, nebenbei bemerkt).

 

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