Ein Buch - mehrere Monate/Ein Monat - ein Buch

Victor Hugo – Les Misérables

Was soll nur rauskommen, wenn man schon mit 14 einen solchen Brocken wie „Die Elenden“ verdauen muss? Es war eines der ersten Bücher, die ich aus der Erwachsenenbibliothek nach Hause schleppte: Meine Neugier wurde bereits in der 6. Klasse geweckt, als eine Englisch-Lehrerin Werbeflyer für das Londoner Musical als Mitbringsel verteilte. Den langen Streifen mit der Zeichnung eines geschundenen Kindergesichts vorne drauf benutze ich noch heute als Lesezeichen (die gleiche Abbildung wie auf den Büchern, siehe Foto). Und natürlich wollte ich wissen, was sich dahinter verbarg, was hatte das Kind mit den Aufständischen auf der Barrikade zu tun, deren Foto auf der Rückseite zu sehen war? Und dann diese Worte in einer fremden Sprache, „Les Misérables“, die ich damals nicht einmal richtig aussprechen konnte… So lieh ich mir die drei Bände nach und nach aus und begann, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Es war einer der ersten „ernsthaften“, für Erwachsene geschriebenen Romane, den ich las, komplex und vielseitig, mit Pathos, Abschweifungen und Schilderungen geschichtlicher Ereignisse, von denen ich zu dieser Zeit noch keine Ahnung hatte (die zahlreichen französischen Aufstände, die Schlacht von Waterloo…).

Quelle: catiliane.blogspot.com

Auf der Suche nach passenden Bildern trifft man auf interessante, verwandte Blogs

Aber Hugo hatte mich gleich mit dem ersten Kapitel über einen „guten Bischof“ gepackt – gute Menschen in der Literatur rühren mich immer, wie z. B. Dobbins aus „Vanity Fair“ oder Arthur aus „Little Dorrit“ -, der den flüchtigen Galeerensträfling Jean Valjean bei sich aufnimmt, was dieser ihm mit dem Diebstahl zweier silberner Leuchter dankt. Die vergebende Güte des Bischofs bewirkt eine umfassende Reue und Bekehrung von Jean. Er arbeitet sich unter falschem Namen von ganz unten hinauf zum Fabrikbesitzer und Bürgermeister von Montreuil-sur-Mer (was für ein Name, man lasse ihn sich langsam auf der Zunge zergehen). Dann wird seine wahre Identität entdeckt und er muss fliehen, nicht ohne vorher der sterbenden Fantine, einer Arbeiterin aus seiner Fabrik, versprochen zu haben, ihre uneheliche Tochter Cosette aus den Fängen des Gastwirts Thénardier in Montfermeil (noch so ein schöner Name) zu befreien. Fantine hatte ihm ihr Kind zur Pflege gegeben, nachdem sie der Vater des Kindes sitzen gelassen hatte, kann aber den wachsenden Geldforderungen der Pflegefamilie nicht nachkommen, bei der die kleine Cosette wie eine Sklavin arbeiten muss. Valjean erscheint dem Mädchen in ihrem Elend wie ein rettender Engel, der sie mit einer heißersehnten Puppe beglückt und mit sich nach Paris nimmt, wo er sie wie seine eigene Tochter aufzieht. Die ganze Zeit müssen sie sich vor dem hartnäckigen Polizisten Javier verstecken (Valjean entkommt einmal mit knapper Not aus einem Nonnenkloster, wo er als Gärtner arbeitet), der den entkommenen Sträfling noch immer erbarmungslos verfolgt. Diese Unverhältnismäßigkeit angesichts der Verbrechen von Jean Valjean – er hatte Brot für seine Familie gestohlen – und der dragonischen Strafe, die ihn für immer brandmarkt, egal was er später Gutes tut, zieht sich durch das ganze Buch. Jahre später verkompliziert sich alles, als sich die nun zur Frau heranwachsende Cosette in den Revolutionär Marius verliebt, der mit seinen Freunden von der Gesellschaft „Les Ami de l’ABC“ während der Junirevolution 1832 kämpft. Aber nicht nur Cosette, auch eine Tochter von Thénardier, der mit seiner Familie ebenfalls nach Paris gekommen ist, hat sich in Marius verliebt. Ihr Bruder, der kleine Gavroche (eine Ikone der Elendsliteratur) ist als Straßenjunge in den Revolutionskämpfen verwickelt, während ihr Vater, ein Bösewicht vor dem Herrn, Rache an Valjean und Cosette nehmen will. Sein Plan schlägt fehl, doch Valjean muss den verwundeten Marius von den Barrikaden retten und es kommt zum Showdown zwischen ihm und Javert in der Kanalisation …

Es ist eines der Werke, die ich irgendwann noch einmal lesen will, weil man mit den Jahren viel vergisst. Die Erinnerungen an die erste Begenung damit, mein Lächeln über den Bischof von Digne, während ich in die Bettdecke eingewickelt unter dem fahlen gelben Schein der Glühbirne die ersten Seiten erkundete, können davon nicht verdrängt werden. Ganz sicher sehe ich mir aber nicht dieses unsägliche Musical an, das in diesem Jahr erschien (ich hasse Musicals, in meinen Augen sind das Opern für Arme; und allgemein können Bühnen- oder Filmadaptionen nie die Komplexität dieses Buchs einfangen). Wenn ich nur eines aus dem Buch gelernt habe, dann dass die Schlacht von Waterloo an meinem Geburtstag stattfand. Wie viel Detailtreue allein in der Schilderung dieses Tages steckt, wie genau Hugo analysiert, dass allein der schlammige Boden den Franzosen den Sieg kostete, ist wohl nur mit Tolstoi und „Krieg und Frieden“ vergleichbar – und einzig für ein kleines Detail in der Handlung (das Aufeinandertreffen von Thénardier mit Marius‘ Vater in der Nacht danach auf dem Schlachtfeld), das mit weit weniger Aufwand daherkommen könnte. Aber dann wäre er ja nicht Victor Hugo, und wenn einer meine Leidenschaft für dicke, sich weit verzweigende Romane geweckt hat, dann er. Seine Beschreibung der „elenden“ Zustände der Armen, die unweigerlich zu Verbrechen getrieben werden, finden sich auch bei Eugène Sue und Dickens, aber für mich waren sie damals gänzlich neu und umso erschreckender. Das Schicksal von Cosette und Fantine bewegt einen ebenso, wie man die Taten von Thénardier und seiner Frau verdammt und den Tod des kleinen Gavroche betrauert. Es gibt einem viel Stoff zum Nachdenken, ein intuitives Verstehen sozialer Zusammenhänge und menschlicher Verhaltensweisen und nebenbei eine ganz und gar nicht langweilige Lehrstunde in französischer Geschichte. Harter Tobak für 14 Jahre, was soll danach eigentlich noch kommen?

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s