Lieblingsbücher

Jerome D. Salinger – Der Fänger im Roggen/The Catcher In The Rye

Eine uninspirierte Wahl für ein Lieblingsbuch. Ja ja, das Kultbuch, das früher wegen ein paar Kraftausdrücken auf dem Index stand und das heute keine mehr lesen will, weil es mittlerweile in der Schule behandelt wird. Meine Klasse hatte es leider nicht, aber eine andere im gleichen Jahrgang und meine Freundin mochte es überhaupt nicht. Ich hatte es zum ersten Mal 2004 auf meiner Liste, auf Deutsch, und blieb ziemlich unbeeindruckt. Aber beim nächsten Mal, 2005, las ich das Original – und seitdem zähle ich „Catch catch rye rye“, wie ich es liebevoll nenne (frag mich nicht, wieso) zu meinen absoluten Lieblingen. Es ist einfach furchtbar witzig, die Sprache ist absolut großartig, und Holden Caulfield, der Junge, der nicht erwachsen werden will, um kein „phony“ zu werden – wer könnte sich nicht ein Stück weit mit ihm identifizieren? Leute, lest das Ding, es ist ja nicht mal sehr dick – aber lest es auf Englisch. No kidding.

Es ist wirklich die Sprache, die mir das Buch so wert macht. Man muss es laut lesen, um Holdens unermüdlichen, mal zornigen, mal nachdenklichen Redefluss im Ohr zu haben, seine immer wiederkehrenden Ausdrücke wie „Boy, I got depressed“ oder „That killed me“ oder „I swear to God“. „Sonuvabitch“ war ein Wort, was ich zunächst gar nicht verstand oder richtig aussprechen konnte. Die hippe Jugendsprache von 1950 klingt natürlich schon wieder veraltet, aber Holdens Gefühle und seine Haltung gegenüber der Gesellschaft, der Welt der Erwachsenen sind nach wie vor aktuell. Natürlich muss man nicht alles an ihm gut finden, z. B. dass er schon zum 4. Mal von einer Schule fliegt, weil seine Noten schlecht sind. Dass er so viele Lügen erzählt, egal ob einer Mutter im Zug oder diversen Mädchen, die er aufzureißen versucht. Überhaupt dieser ganze pubertär-sexuelle Kram, der einen Großteil seiner Gedankenwelt einnimmt und zu seltsamen Reaktionen führt, wenn Holden beispielsweise glaubt, sein Lehrer, bei dem er übernachtet, wöllte ihn verführen – er denkt viel über vermeintliche oder tatsächliche Schwule nach. Da kommt auch seine Paranoia durch, von der er nicht zu wenig hat. Aber die guten Aspekte überwiegen bei Weitem, denn der Roman hat einfach viel zu viele göttliche Szenen: Im Internat mit seinem sportlichen Mitbewohner und Mädchenliebling Stradlater (ein „slob“, außen hui und innen pfui – wichtige Vokabel, wie man sehr viele davon lernt), der sich an eine Freundin von Holden ranmacht, oder mit „Ackley-Kid“, dem ekligen, nervigen Nachbarn. Später in New York in einer Bar, als er mit zwei Mädchen tanzt und behauptet, gerade Gary Cooper gesehen zu haben, um sie etwas aufzumischen. Von seinem Hotelzimmer beobachtet Holden Leute in anderen Zimmern, in seinen Worten alles „Perverse“, zu denen Stradlater gut passen würde: „He would be the king of that place!“ Seine Konversationen, egal ob mit Nonnen, ehemaligen Freundinnen oder Zuhältern, sind gleichfalls ein Vergnügen. Er trifft einfach ständig auf Leute, auch in seinem Alter, die ihm verlogen und falsch vorkommen, so wie er nicht werden möchte. Der einzige Halt ist seine Schwester Phoebe, die er bewundert und verehrt, weil sie klug ist und trotzdem noch ganz und gar Kind. Holden träumt davon, Kinder vor dem Erwachsenwerden zu bewahren, sie als „catcher in the rye“ zu fangen, bevor sie in den Abgrund fallen. Sein Trip durch New York scheint ihn am Ende in eine Nervenanstalt zu bringen, aber das ganze Buch hat schon etwas von Irrenhaus, als wäre Holden der einzig Gesunde unter all den Verrückten.

Das bislang letzte Mal, dass ich „Catcher In The Rye“ las, war in Lancaster im Januar 2010 – bizarrerweise starb genau zu dieser Zeit J. D. Salinger… Natürlich besteht kein kausaler Zusammenhang, ich fand es nur ein merkwürdiges Zusammentreffen. Übrigens ist dies auch das Lieblingsbuch von Mark David Chapman, verflucht sei sein Name, das er bei der Ermordung John Lennons bei sich hatte. Also vielleicht wirklich nur etwas für die Irren, die mit der Welt nicht klar kommen, insbesondere nicht mit dem Verlust der Unschuld und Kindheit. Denen jedes „Fuck you“, an eine Wand oder sonst wo hingeschmiert, zu viel ist. Die sich Sorgen um die Enten auf dem Teich im Central Park machen, wenn es Winter und kalt ist. Die sich nachts aus dem Internat davonmachen, um mal eben nach New York zu fahren, und mit ihrem Abschiedsgruß das Haus aufwecken:

Sleep tight, ya morons!

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Ein Kommentar zu “Jerome D. Salinger – Der Fänger im Roggen/The Catcher In The Rye

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