Ein Buch - mehrere Monate

Charles Dickens – Little Dorrit

Okay, ich habe bemerkt, dass eine zusätzliche Kategorie unumgänglich wird, nämlich für Bücher, die ich über einen längeren Zeitraum und nicht in einem bestimmten Monat gelesen habe. Weil sie einfach zu dick waren oder weil ich viel Zeit dafür hatte (wenn sie nicht ausgeliehen sind, hat man ja keinen Druck, schnell fertigzuwerden). Dieser Roman ist ein klassischer Fall dafür, ich begann damit im Herbst 2010 und wurde dann im Februar des nächsten Jahres fertig. „Little Dorrit“ kam aus dem Bücherschrank meines Vaters oder besser gesagt, seines Vaters, der Englisch an der Oberschule unterrichtete und viele Klassiker sein Eigen nannte, darunter einiges von Dickens, Thackeray, auch Ruskin, Oscar Wilde und Shaw waren darunter, nicht zu vergessen P. G. Wodehouse und längst vergessene Romane der 1920er und 1930er. Die Bände waren oft nicht mehr im besten Zustand, die hauchdünnen Seiten und über die Jahre zusammengeschrumpften Lesebänder neigten dazu, ab- und einzureißen. Aber am Ende kommt es auf den Inhalt an und der bescherte mir in diesem Fall viele schöne Lesestunden auf Omas Couch und sogar unter dem Weihnachtsbaum!

„Little Dorrit“ zählt zu Dickens weniger bekannten Werken, aber es ist genauso spannend und wendungsreich wie „Bleak House“ oder „Great Expectations“. Der Handlungsort ist auf jeden Fall außergewöhnlich, spielt es doch zum guten Teil in einem Schuldgefängnis, dem Marshalsea, wo William Dorrit mit seiner Familie wohnt – ohne Aussicht, seine Schulden bezahlen zu können, muss er auf unbestimmte Zeit dort bleiben, und seine drei Kinder sind bei ihm, denn das Gefängnis ist sozusagen ihr Zuhause, ein anderes kennen sie nicht (mehr). Die Kinder dürfen allerdings das Gefängnis jederzeit verlassen, müssen nur zur Schließzeit wieder zurück sein, sonst bleiben sie draußen für die Nacht. Das passiert einmal dem jüngsten Kind, Amy, von allen nur „Little Dorrit“ genannt, sodass sie durch das nächtliche, nicht ungefährliche London streift. Sie hat ein mütterliches, fürsorgliches Wesen, kümmert sich um den Vater, den „Haushalt“ und um Maggie, eine obdachlose, geistig behinderte Frau, die Amy liebevoll „Little Mother“ nennt. Auch trägt das Mädchen durch Näharbeiten zum dürftigen Familieneinkommen bei. Bei dieser Arbeit lernt sie Arthur Clennam kennen, der nach längerer Zeit im Ausland zu seiner Mutter in London zurückkehrt und ein Familiengeheimnis aufklären möchte, das ihm sein Vater auf dem Sterbebett nicht ganz mitteilen konnte. Seine Mutter, ein im Rollstuhl sitzender Haustyrann, weigert sich, ihm Auskunft zu geben. Jede Person, auch Arthur, behandelt sie mit Kälte und Unfreundlichkeit, mit Ausnahme von Little Dorrit. Arthur vermutet darum, dass das Mädchen oder ihr Vater in das Geheimnis verwickelt sein könnten und versucht, der Familie zu helfen. Mit seiner Unterstützung stellt sich heraus, dass William Dorrit tatsächlich der Erbe eines Vermögens ist und so nach zwanzig Jahren endlich das Schuldgefängnis verlassen darf. Doch das ist erst die Hälfte einer Geschichte, die wie die meisten Dickens-Werke zu komplex ist, um in wenigen Zeilen nacherzählt zu werden.

Quelle: http://www.cui.org.uk/NIPS/GBIssues/2012/20120619dickens_LittleDorrit.jpg

Sogar auf die Briefmarke haben es Arthur, Little Dorrit und Maggie geschafft.

Es gibt eine Vielzahl von Charakteren, etwa eine völlig verängstigte Frau in Mrs Clennams Haushalt, die sich erst am Ende von ihrem schrecklichen Ehemann befreien kann. Oder die wunderschöne, sehr verwöhnte Minnie Meagles, in die sich Arthur verliebt, bevor er erkennt, dass ihr Herz schon vergeben ist und sie in einem Akt bitterer Entschlusskraft aufgibt:

Why should he be vexed or sore at heart? It was not his weakness that he had imagined. It was nobody’s, nobody’s within his knowledge; why should it trouble him? And yet it did trouble him. And he thought—who has not thought for a moment, sometimes?—that it might be better to flow away monotonously, like the river, and to compound for its insensibility to happiness with its insensibility to pain.

Eine sehr traurige Szene, natürlich wird die Ehe der jungen Frau mit ihrem falschen Traummann dann äußerst unglücklich. Ein geachteter, aber depressiver Unternehmer bringt sich um und die Pleite seiner Bankgeschäfte führt dazu, dass sich plötzlich Arthur im Marshalsea wiederfindet – nicht ohne die treue Little Dorrit natürlich, die ihn liebt (Wie könnte sie nicht, er ist so ein guter, gütiger Mensch!), was er die längste Zeit nicht bemerkt. Am Ende sind alle mehr oder weniger glücklich – falls sie nicht tot sind –, alle Geheimnisse aufgedeckt und man selbst um eine gute, vielschichtige Geschichte reicher. Ich liebe seitenstarke Bücher, weil man bei ihnen mehr Zeit und Gelegenheit hat, die Charaktere durch und durch kennenzulernen und sie während des Lesens ganz vertraut werden, sodass man an ihrem Wohl und Wehe höchsten Anteil nimmt. Und kaum einer schreibt solche Bücher besser als Dickens, er ist zweifellos einer meiner Lieblingsautoren.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s