Inspirationsquellen

Rolf Vollmann – Die wunderbaren Falschmünzer. Ein Roman-Verführer 1800 – 1930

Das ist er also, der Vollmann, mein Lotse durch die Literaturwelt wie für Gourmets der Guide Michelin. Für jedes der 131 Jahre gibt es einen Essay zu allen nennenswerten Romanerscheinungen des Jahres, dazu Geburtstage und Todesfälle von Autoren sowie dazwischengeschobene biografische Abrisse (mitunter auch mehrere parallel) zu Schriftstellern, die Vollmann offenbar besonders am Herzen liegen, die Mann-Brüder zum Beispiel oder George Sand oder Somerset Maugham.

Quelle: Booklooker

Der Autor, ein namhafter Germanist und Kritiker, hat alle besprochenen Bücher in seinem langen Leben selbst gelesen und weiß sie uns schmackhaft zu machen, er verführt wahrhaft zum Lesen. Man fühlt seine Leidenschaft für dieses oder jenes Werk – auf seine dringende Empfehlung las ich den „Titan“ sowie „Land der spitzen Tannen“ – und selbst eventuelle Berührungsängste mit den alten Meistern wie Wieland oder Tieck weiß er uns zu nehmen. Er spricht diese Ängste an, bekennt sich dazu, dass es ihm etwa bei „Eugen Onegin“ so ging oder bei Byron, aber diese Ängste völlig unnötig waren (und tatsächlich wurde ich so ermutigt, Puschkin zu lesen, eine sehr angenehme, überraschende Erfahrung). Kaum jemand sonst dürfte so viele Autoren wie Vollmann kennen und sämtliche so ganz und gar vergessene Werke wie „Die Epigonen“ von Immermann oder „Die Zauberer von Rom“ (ein Lieblingsbuch von Vollmann, das ich bislang erfolglos jagte) von Gutzkow. Völlig obskures Zeug, „Tagebuch eines Dorfküsters“ von Steen Steensen Blicher, „Waldemar der Sieger“ von Ingemann oder Sealsfields „Kajütenbuch“, die es wahrscheinlich nirgendwo mehr gibt, aber die dennoch auf meiner Liste gelandet sind. Denn natürlich konnte ich dieses Buch nicht lesen, ohne mir Notizen zu Vollmanns Empfehlungen zu machen, ich musste einen Zettel sogar ein zweites Mal schreiben, weil mir der erste vom Wind davongetragen wurde. Aber es hat sich definitiv gelohnt und wäre es nur, weil ich ohne Vollmann nie zu „Jettchen Gebert“ gekommen wäre, eines der besten Bücher, das mir seit langem untergekommen ist. Und so viele andere, Sue, Prus, Clarin, Eça de Queiroz – er hat meinen Horizont bedeutend erweitert. Das Beste ist aber, dass sich dieser „Romanverführer“ selbst fast wie ein Roman liest, wunderbar weitschweifig und voller beiläufiger Anekdoten, Querverweise und unnötigem Wissen (z.B., dass Charles Darwin am liebsten Trollope las). Natürlich ist Vollmann absolut subjektiv und dann ist man enttäuscht, weil er Theodor Storm so überhaupt nicht mag (dafür Wilhelm Raabe umso mehr, auch so ein halb vergessener) oder weil er dem einen oder anderen Werk mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, aber er tut es eben nicht, genau wie ich in diesem Blog nur über diejenigen Bücher schreibe, die mir gefallen, nicht die jeder liest.

Von den „Romanverführern“ gibt es eine Art Nachfolgeband, den „Romannavigator“, in dem er auf je einer Seite ein Werk aus jedem Jahr zwischen 1759 („Tristram Shandy“) und 1959 („Die Blechtrommel“) vorstellt. Da kamen noch ein paar Empfehlungen auf meiner Liste hinzu. Ein Glücksfall, dass es Rolf Vollmann gibt und dass er uns eine Karte erstellt hat durch den Dschungel der unendlich vielen veröffentlichten Romane – gut, nur bis 1930, aber damit ist eine lange und für den Roman entscheidende Periode abgedeckt. Unverzichtbar für alle, die sich auf Entdeckungsreise durch die Weiten der Literatur begeben wollen, der „Lonely Planet“ für alle Leseratten – nur besser geschrieben. Es wird noch lange dauern, bis ich die To-read-Listen abgearbeitet habe.

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2 Kommentare zu “Rolf Vollmann – Die wunderbaren Falschmünzer. Ein Roman-Verführer 1800 – 1930

  1. Da bin ich ja gespannt. Heute hat der Paketdienst den Verführer gebracht. Ich finde es nur etwas schwierig, einzelne Bücher zu finden (Wilhelm Meisters Lehrjahre?)

    • Das stimmt allerdings, manche Bücher sind tatsächlich nur noch antiquarisch zu finden (Romane von Pia Baroja y Nessi zum Beispiel) oder als teuren Print-on-demand.

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