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Per Olov Enquist – Der Besuch des Leibarztes

Enquists Buch unterscheidet sich fundamental von den üblichen 08/15-Historienromanen, sowohl vom Stil als auch von der Erzählweise, die zwar alle Details fiktiv ausschmückt, sich aber eng an die gesicherten Fakten hält und so ganz geschickt Roman und Sachbuch miteinander verknüpft, was eine große Spannung und einen starken Sog erzeugt. Man muss Enquist dankbar sein, weil er die großartige und tragische Geschichte des Johann Friedrich Struensee aus der Vergessenheit holt und uns mit diesem Menschen bekannt macht, der so viel wollte und doch nur scheitern konnte. Zudem erleben wir eine grandiose Charakterstudie anhand des geistig zurückgebliebenen dänischen Königs Christian VII und eine wunderbar zarte, sinnliche Liebesgeschichte zwischen Struensee und der dänischen Königin.

Quelle: goodreads.com

Mit besten Empfehlungen von Elke Heidenreich

Damit wäre der Plot bereits zusammengefasst. Struensee, ein gebürtiger Hallenser und Armenarzt in Altona, das damals zu Dänemark gehörte, kommt an den dänischen Hof als Leibarzt von Christian VII. Der kindliche, psychisch labile König überlässt das Regieren seinen Ministern, die diesen Zustand natürlich freudig ausnutzen. Struensee wird zum Vertrauten des Königs, der ihm das Ausüben aller Staatsgeschäfte anvertraut, bis dahin, dass er im Namen des Königs Gesetze unterzeichnen und erlassen kann. Der von Rousseau und Diderot beeinflusste Arzt möchte diese Freiheit nutzen, um Ideen der Aufklärung durchzusetzen, darunter Entmachtung des Adels, Abschaffung der Folter und der Leibeigenschaft, Presse- und Meinungsfreiheit, Reform des Schulwesens  und der Armenfürsorge – für seine Zeit revolutionäre, nie dagewesene Ansätze. Das Volk reagiert aber längst nicht so begeistert, wie man meinen könnte, denn die „Revolution von oben“ verläuft viel zu schnell und zu rigoros, sodass viele die Ideen dahinter nicht verstehen. Wahrscheinlich wäre Struensee sowieso nicht damit durchgekommen, aber seine Affäre mit der Königin Caroline Mathilde, mit der er eine Tochter hat, konnte als Achillesferse verwendet werden, um ihn nach einem Putsch unter Leitung des Staatsministers Guldberg und der Königinmutter anzuklagen und hinzurichten. Der erste Satz des Buches verweist bereits auf dieses Ende:

Am 5. April 1768 wurde Johann Friedrich Struensee als Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. angestellt und vier Jahre später hingerichtet.

Man kann diesen großen Idealisten nur bewundern. Er fasziniert durch seine Menschlichkeit, seine Größe, die nicht zuletzt Christian VII. deutlich spürte. Der König war vermutlich nicht so geisteskrank, wie ihn alle behandelten, und wusste recht genau, warum er Struensee nicht nur sein Reich, sondern auch seine Frau anvertraute. Ganz nebenbei erhält der Leser eine erstklassige Geschichtsstunde zu Dänemark im 18. Jahrhundert, von dem man als Nicht-Däne ja nicht allzu viel weiß (bei Enquist lernte ich, dass alle Könige immer abwechselnd entweder Frederick oder Christian heißen).

Johan_Frederik_Struensee

Quelle: Wikipedia

Eine ungewöhnlich schöne Nase hatte der Leibarzt…

2012 erschien ein Film über Struensee, „Die Königin und der Leibarzt“ mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle (er hat Charme, aber ich hätte mir dennoch jemand Hübschen für die Rolle gewünscht…):  sehenswert, aber nicht so gut wie Enquists Roman. Ein außergewöhnliches Buch, ein Lesegenuss, dem man sich langsam hingeben sollte – so wie die Königin Struensee anweist, sich bei ihrem ersten sexuellen Aufeinandertreffen zu bewegen…

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