Ein Monat - ein Buch

August 2008: Håkan Nesser – Kim Novak badete nie im See von Genezareth

Welch ein verführerischer, interessanter Titel! Man fragt sich sogleich, was Kim Novak – ein Hollywoodstar und Sexsymbol der 50er Jahre – mit dem See Genezareth zu tun hat, den man mit dem Neuen Testament und Palästina verbindet. Dieser Zusammenhang klärt sich dann rasch, denn tatsächlich handelt es sich nicht um die echte Kim Novak, sondern um die Lehrerin Ewa Kaludis, die wegen ihrer Schönheit mit der Schauspielerin verglichen wird. Und Genezareth heißt ein Ferienhaus am Ufer des schwedischen Möckeln-Sees, in dem eben jene Ewa nie eintauchte. Die Geschichte wird im Rückblick von Erik erzählt, der als Jugendlicher seine Ferien dort verbrachte und in einen Mordfall verwickelt wurde.

                                                        Quelle: bookcrossing.com

Ewa Kaludis ist Vertretungslehrerin an Eriks Schule und natürlich sind alle Jungen in sie verliebt (in einer herrlichen Szene kommt sie auf ihrer Puch, einem Motorroller, auf den Schulhof geknattert und ein Schüler fällt glatt in Ohnmacht). Ihr Verlobter ist ein Handballspieler, der wegen seines harten Schusses „Kanonen-Berra“ genannt wird. Recht bald lernt Ewa Eriks älteren Bruder Henry kennen, einen Journalisten und coolen Typen, und die beiden werden ein Paar, sodass Erik immer wieder auf Ewa trifft, während er mit seinem Bruder und seinem Kumpel Edmund Urlaub in Genezareth macht. Kanonen-Berra ist über Ewas neue Liebe selbstverständlich nicht erfreut, sie muss Schläge von ihm einstecken und er taucht auch in Genezareth auf, um Henry zu bedrohen. Am nächsten Tag wird seine Leiche unweit des Hauses gefunden und die Polizei konzentriert ihre Arbeit natürlich auf Henry, der als Rivale und aus Rache für Ewas Misshandlung allen Grund hatte, Berra umzubringen. Die beiden Halbwüchsigen Erik und Edmund beobachten dies alles scheinbar nur, aber es wird im Laufe des Krimis immer offenbarer, dass höchstwahrscheinlich einer der beiden der wahre Täter war. Ihre Aussagen vor der Polizei sind widersprüchlich, doch obwohl Henry kurz in Untersuchungshaft genommen wird, kommt er aus Mangel an Beweisen wieder frei. Der fast schon idyllische Sommer – zwar nicht ganz, denn Eriks Mutter liegt mit Krebs im Krankenhaus –, mit langen, ereignislosen Tagen im, um und auf dem See, wird von den Ereignissen überrollt. Jahre später, als Erik längst erwachsen ist, trifft er zufällig erneut auf Ewa und dieses Mal kommen sie tatsächlich zusammen.

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Quelle: prisma.de

Die umwerfende Ewa Kaludis

„Kim Novak“ ist für mich der perfekte Sommerkrimi, wobei er von der Erzählweise weniger ein echter Krimi als vielmehr eine Coming-Of-Age-Story ist, denn in Ewa finden beide Jungen die erste (unerwiderte) Liebe und ihr sexuelles Begehren wird geweckt. Dies, der nahende Tod seiner Mutter und das Geheimnis um den Mord setzen quasi eine Zäsur in Eriks Leben und markieren den Übergang vom Kind zum Mann. In einer Rezension fand ich die interessante Umschreibung als „modernes Tom Sawyer-Märchen mit Nebenbeitodesfolge“. Auch wird am Ende der Täter nicht überführt, man könnte nur vermuten, dass es Edmund war, denn er war in der Mordnacht außer Haus und übergibt Erik kurz vor seinem frühen Tod einen Brief, möglicherweise sein Geständnis. Als Ewa Erik fragt, ob er den Namen des Mörders kenne, flüstert er ihr diesen ins Ohr – sehr geschickter und gemeiner Schluss, Herr Nesser. An dieser Stelle möchte ich auch die Verfilmung erwähnen, die ich allerdings nicht gesehen habe, und die Lesung von Dietmar Bär, die mir einige Zeit nach der Lektüre die Handlung wieder ins Gedächtnis rief, wo sie seitdem in der Schublade „Beste Krimis überhaupt“ steckenblieb. Offenbar ist das Buch an manchen Schulen Pflichtlektüre und wird von den Schülern als „langweilig“ (siehe Link oben) beschrieben, aber vielleicht kann man diese Jugenderinnerungen nur schätzen, wenn man seine Zeit als 14-jähriger längst hinter sich hat oder in den 60ern groß geworden ist – bin ich zwar nicht, aber ich kenne diese endlosen, heißen und verdösten Teenager-Sommer sehr gut, nur Kim Novak lief mir damals nie über den Weg.

Hier noch ein Textauszug vom Anfang des Buches:

„Weil es ein richtig schöner Maiabend war, ging ich nach dem Essen zu Benny hinüber. Benny war wie immer auf der Toilette, deshalb saß ich zunächst einmal mit seiner schwermütigen Mutter in der Küche.
„Wie geht es deiner Mutter?“, fragte sie.
„Es wird ein schwerer Sommer“, antwortete ich.
Sie nickte. Holte ihr Taschentuch aus der Kitteltasche und putzte sich die Nase. Bennys Mutter war während des Sommerhalbjahres immer mal wieder allergisch. Sie hatte Heuschnupfen, so hieß das. Wenn ich genauer darüber nachdenke, glaube ich, sie hatte das ganze Jahr über Heuschnupfen.
„Das hat mein Vater gesagt“, fügte ich hinzu.
„Ja, ja“, sagte sie. „Kommt Zeit, kommt Rat.“
Zu der Zeit lernte ich, dass Erwachsene so zu reden pflegten. Nicht nur mein Vater sprach so, man musste so sprechen, damit man überhaupt dazu gehörte, um zu zeigen, dass man schon trocken hinter den Ohren war. Seit meine Mutter ernsthaft krank geworden und ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte ich mir die wichtigsten Floskeln eingeprägt, damit ich sie nach Bedarf anwenden konnte.
Es kommt, wie es kommt.
Jeder Tag bringt neue Sorgen.
Es könnte schlimmer sein.”

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