Ein Monat - ein Buch

Mai 2000: Kirsten Boie – Mit Kindern redet ja keiner

Ein bewegendes, ungewöhnliches Buch für die Altersgruppe 10+ mit einem sensiblen Thema: Depression in der Familie. Die Krankheit ist ja weiter verbreitet als man oft annimmt, und Kirsten Boie schreibt über ein Mädchen, das damit klar kommen muss, dass ihre Mutter seit einem Umzug aufs Land nicht mehr dieselbe ist. Sie wird gereizter, zieht sich immer mehr zurück, schläft viel, vernachlässigt sich und den Haushalt und natürlich auch ihre Tochter Charlotte. Diese versteht zunächst nicht, was mit ihrer Mutter los ist, die früher immer fröhlich war und sich nun plötzlich so „unnormal“ verhält. Sie muss sich verstärkt um alles kümmern und erfindet Notlügen, um die Erkrankung vor Lehrern und Mitschülern zu verheimlichen. Eine Schlüsselszene ist, als die Mutter Charlotte unbedingt zu einer Schulaufführung begleiten soll, es bis in den Bus schafft, aber unterwegs immer nervöser wird und schließlich vorzeitig aussteigt. Das Mädchen ist wütend und schämt sich dafür, dass ihre Mutter so anders ist als alle anderen Mütter. Damit nimmt sie eine Position ein, die wohl die meisten Kinder in einer ähnlichen Situation durchmachen. Dazu kommt die Angst, dass man selbst an der Traurigkeit der Mutter schuld sein könnte, dass sie einen nicht mehr liebt. Trost findet Charlotte nur bei ihrem Hamster Rudi, der irgendwann auch tot in seinem Käfig liegt, und bei ihrer neuen Freundin Lule, bei der sie sich viel aufhält. Lules Mutter versucht ihr zu erklären, was es mit der Depression auf sich hat:

Mal hat man halt eine schlechte Phase. Da kann man nicht arbeiten wie sonst. Da liegt alles wie ein Berg vor einem. Ganz schwer und groß und grau. Und man denkt, dass man alles nicht schaffen kann, und dass es nie anders werden wird. Aber es geht vorbei, ganz bestimmt.

Nach einem Suizidversuch liegt Charlottes Mutter auf der Intensivstation und das Mädchen denkt mehr und mehr über den Tod und die Gründe nach, warum man nicht mehr leben will…

In meinen Augen ein sehr wichtiges Buch trotz des traurigen Themas, denn auch Kinder werden mit Krankheit und Tod konfrontiert und benötigen Erklärungen oder Gesprächsansätze – denn man sollte unbedingt über die Geschichte reden. Die Erzählperspektive eines Kindes ist ideal, um die Depression mit all ihren Symptomen und Umständen darzustellen, sodass Kinder sich gut in die schwierige Lage der Mutter und der Tochter einfühlen können: Charlotte berichtet, wie ihre Mutter sich verhält, ohne es wirklich zu verstehen oder Erklärungen abzugeben, natürlich aus einer sehr ich-bezogenen Perspektive, denn sie selbst leidet ja auch unter der Erkrankung der Mutter. Sie benötigt Hilfe von Erwachsenen (wie Lules Mutter), um die Gefühle ihrer Mutter irgendwie nachvollziehen zu können und gleichzeitig die Sicherheit zu erhalten, dass es nicht an ihr liegt.

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Quelle: zvab.com

Als älterer oder erwachsener Leser kann man sich aber sehr gut schon vorher in die junge Frau hineinversetzen, erkennt recht früh mögliche Auslöser der Depression und befürchtet die tragischen Folgen, die ja am Ende mit dem versuchten Selbstmord auch eintreffen. Ich wurde dadurch inspiriert, im Rahmen des Deutschunterrichts selbst eine Kurzgeschichte über eine depressive Mutter zu schreiben – ich hab sie noch, aber sie bleibt besser im „Giftschrank“. Kirsten Boie kann das so viel besser und das Buch bleibt im Gedächtnis als ein ernstes, aber ausgezeichnetes Kinderbuch. Rezensionen erwachsener Leser beschrieben es als zu traurig oder angsteinflößend für jüngere Kinder, ich war beim Lesen 12, also vielleicht eher das richtige Alter dafür. Und wie der Titel schon sagt: darüber reden, reden, reden, denn Kinder verstehen mehr als man denkt und es hilft nicht, sie „in Watte zu packen“, denn sie leiden am meisten darunter, wenn jemand so Fundamentales wie die eigene Mutter nicht mehr für sie da sein kann. Die Autorin schreibt dazu auf ihrer Homepage:

Schlimm ist aber, dass man über Depressionen und andere psychische Erkrankungen (so heißen alle Krankheiten, die nicht mit dem Körper zu tun haben, sondern mit den Gedanken und Gefühlen) oft gar nicht spricht, weil man sich schämt. Dabei weiß ich gar nicht, warum man sich mehr schämen muss, wenn man eine Depression hat, als wenn man einen Schnupfen, Halsweh oder ein Magengeschwür hat! (Für Schnupfen und Halsweh kann man ja manchmal sogar was, weil man nicht aufgepasst hat.) Für die kranken Menschen und ihre Familien wird alles dadurch nur noch viel, viel schwerer, wenn alle sie behandeln, als ob sie irgendwie ganz komisch sind.

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