Ein Monat - ein Buch

April 2012: Walter Moers – Die Stadt der Träumenden Bücher

Wer Bücher liebt, wird dieses Werk verschlingen. Ich wusste nicht, wie toll Walter Moers ist, bevor ich „Ensel und Krete“ las und mich sein Konzept total begeisterte: Nicht Walter Moers ist demnach der Autor, er übersetzt nur die Werke des Hildegunst von Mythenmetz, eines schreibenden Lindwurm aus Zamonien, dem sagenhaften Kontinent, wo alle Geschichten von Moers spielen (Karte ist stets im Buch enthalten). Sind in „Ensel und Krete“ nur vereinzelte Hinweise auf Mythenmetz‘ Biografie enthalten – vor allem im Anhang und den berühmten Mythenmetzschen Abschweifungen (zum Beispiel auf seine langjährige Fehde mit dem Kritiker Laptantidel Latuda, der ihm „mal die Schere spülen kann“) -, so geht es in der „Stadt der Träumenden Bücher“ um Mythenmetz selbst, seine Jugend und wie er dazu kam, Schriftsteller zu werden. Dazu braucht es nämlich das „Orm“, also eine Art göttliche Inspiration, und dieses Orm durchströmte den jungen Lindwurm zum ersten Mal in Buchhaim, quasi der Startschuss für seine lange Karriere, die ihn durch Höhen und Tiefen führte und ihn zum erfolgreichsten, meistgelesenen Autoren Zamoniens machte.

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Quelle: piper.de

Auf dem Titel ist ein lesender Buchling abgebildet.

Für Außenstehende mag Zamonien mit all seinen seltsamen Wesen, Orten und Ausdrücken verwirrend sein, aber durch Anmerkungen und vor allem zahlreichen Illustrationen von Moers selbst findet man sich sehr schnell zurecht, und die Bücher sind absolute Schmöker, zwar dick, aber ungeheuer fantasievoll, witzig, spannend und mit vielen Verweisen auf tatsächliche Schriftsteller und Romane – quasi ein Hohelied auf die Literatur und die Fantasie. Eigentliche Handlung des Buches ist, dass Hildegunst auf der Lindwurmfeste von seinem Dichterpaten Danzelot von Silbendrechsler ein Manuskript erhält, angeblich das Beste, das dieser je gelesen hätte. Auf Hildegunst macht es den gleichen Eindruck und so entschließt er sich, in die Bücherstadt Buchhaim zu gehen und den Urheber dieses Schriftstücks ausfindig zu machen. Dort angekommen, macht er die Bekanntschaft mit vielen merkwürdigen, zum Teil auch gefährlichen Einwohnern. Vor allem die Bücherjäger beeindrucken ihn, schrecklich aussehende, gepanzerte Abenteurer, die in den unterirdischen Katakomben der Stadt, in der unzählige alte Bücher lagern, nach besonders seltenen und wertvollen Exemplaren suchen, um diese an Liebhaber und Sammler zu verscherbeln. Dies ist eine wirkliche gefährliche Aufgabe, denn in den Katakomben hausen namenlose und schreckliche Wesen, die Bücher selbst sind auch nicht ganz ohne, und ohne Orientierung oder Karte verirrt man sich in diesem Labyrinth hoffnungslos und ist zum Tode verurteilt. So ergeht es Hildegunst, als er an den verbrecherischen Phistomeifel Smeik gerät, der augenscheinlich sein Freund und Helfer ist, ihn dann aber betäubt und im unterirdischen Labyrinth aussetzt. Nach langem und gefahrvollem Irrweg (wo er unter anderem in die Fänge einer Spinxxxxe gerät, einem echt ekligen Vieh – warum müssen in Büchern immer wieder Riesenspinnen vorkommen, mein ultimativer Albtraum?) kommt er in die Lederne Grotte, in der die Buchlinge wohnen, angeblich schreckliche Unholde, in Wirklichkeit völlig harmlose, ja geradezu knuffige Sonderlinge, von denen jeder das Gesamtwerk eines zamonischen Schriftstellers komplett memoriert hat und auch seinen Namen trägt. Diese Namen sind Anagramme, zum Beispiel ergibt „Ojahnn Golgo van Fontheweg“ Johann Wolfgang von Goethe, „Perla La Gadeon“ Edgar Allan Poe usw. Das Entschlüsseln der Namen ist ungemein reizvoll und macht geradezu süchtig! (Dieses Spiel wurde in der englischen Übersetzung angepasst – hallo Wamilli Swordthrow und Auselm T. Edgecroil!) Am Ende findet Mythenmetz im Labyrinth den sagenhaften Schattenkönig, Urheber des Manuskripts und ein weiteres Opfer von Smeik, und mit seiner Hilfe gelingt es ihm, wieder an die Oberfläche zu kommen und der Haifischmade ihre gerechte Strafe zukommen zu lassen, wobei gleich ganz Buchhaim in ein Flammenmeer aufgeht…

Es ist klar, dass Buchhaim und die Katakomben nicht nur Stoff für ein Buch ergeben, sodass der 2011 erschienene „Labyrinth der Träumenden Bücher“ nur die logische Fortsetzung der Geschichte ist, in der Mythenmetz nach vielen Jahrhunderten nach Buchhaim zurückkehrt. Und da dieser Roman an der spannendsten Stelle abbricht – als Cliffhanger sozusagen -, können wir  ein weitereres Buchhaim/Mythenmetz-Buch erwarten: „Das Schloss der Träumenden Bücher“, dessen Erscheinungsdatum leider auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

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Quelle: http://www.herrenzimmer.de

Mythenmetz in voller Pracht – ein gutes Beispiel für die sehr detailreichen und herrlichen Illustrationen von Moers.

Laut Wiki sei Moers mit „Die Stadt der Träumenden Bücher“ vielleicht der „paradigmatische postmoderne Roman“ überhaupt gelungen. Ich möchte mich dazu nicht positionieren, weil mir diese Beschreibung zu theoretisch ist, aber es ist absolut richtig, dass Moers mit seinem Buch weit mehr als ein Jugend- oder Fantasyroman gelungen ist, wie vielleicht der Einband oder die Aufmachung mit den vielen Illustrationen den Eindruck erwecken mag. Sonst würde er wahrscheinlich kein so breites Publikum ansprechen, der Roman hat quasi einen doppelten Boden: einmal als ganz normaler, wenn auch ungewöhnlich fabulierfreudiger Abenteuerroman, und dazwischen immer wieder die Anspielungen, Parodien und Querverweise auf ganz unterschiedliche Genres, die die Lektüre zu einem solch besonderen, bibliophilen Genuss machen. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf sein nächstes Buch und kann bis dahin nur sagen: Walter Moers lesen! Unbedingt!

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