Ein Monat - ein Buch

Juli 2000: Ursula Krause (Hrsg.) – Der geheimnisvolle Reisende

Ein Sammelband aus DDR-Zeiten mit Kriminalgeschichten aller Couleur und Herkunft. Bekannte Gestalten wie Sherlock Holmes, Arsène Lupin (Der „geheimnisvolle Reisende“ des Titels) und Pater Brown dürfen nicht fehlen, daneben Klassiker wie E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ oder Poes „Das Geheimnis der Marie Rôget“ mit Charles Auguste Dupin, dem ersten Detektiv der Literaturwelt. Auch Autoren, die sonst mit anderen Genres berühmt wurden, sind hier zu finden, etwa Honoré de Balzac (in seiner Geschichte „Das rote Gasthaus“ lernte ich das Wort „somnambul“ für „schlafwandeln“ – sehr nützlich) oder Anton Tschechow („Das schwedische Zündholz“) oder selbst Friedrich Schiller mit seinem „Verbrecher aus verlorener Ehre“. Insgesamt sind es etwa 50 Erzählungen, mal mehr, mal weniger kriminell, aber stets sehr spannend und vielfältig – obwohl sie überwiegend im 19. oder frühen 20. Jahrhundert geschrieben wurden, aus verständlichen Gründen sind natürlich viele russische oder osteuropäische Autoren darunter. Doch tut das dem Lesevergnügen keinen Abbruch und ich kann dieses Konvolut nur sehr empfehlen, denn dank der Kürze vieler Geschichten kommt man schnell ins Schmökern und ich persönliche liebe klassische Kriminalgeschichten mehr als die heutigen Krimis und Thriller mit psychopatischen Mördern oder den gerade angesagten Provinzkommissaren, die bevorzugt im Alpengebiet ermitteln. Außerdem wurde ich dazu angeregt, mir weitere Literatur der Herren Conan Doyle, Poe und Chesterton zu Gemüte zu führen, was nicht zu meinem Schaden sein sollte.

Quelle: zvab.com

Quelle: zvab.com

Eine Geschichte ist mir damals besonders nahe gegangen und im Gedächtnis geblieben: „Die Lady Macbeth von Mzensk“ von Nikolai Leskow, Dmitri Schostakowitsch hat eine gleichnamige Oper dazu komponiert. Es ist im Grunde das alte Lied: Eine junge Ehefrau langweilt sich und ist darum nur allzu anfällig für die Werbungen eines Knechtes, der ein bekannter Frauenheld ist. Blind vor Leidenschaft lässt sie sich erst dazu hinreißen, ihren Schwiegervater und später gemeinsam mit ihrem Liebhaber den Ehemann sowie den Neffen umzubringen, um an das Erbe zu kommen und heiraten zu können. Die Taten werden entdeckt und das Paar zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Katerina liebt ihren Sergej noch immer und geht im Lager lieber barfuß, damit er warme Wollsocken tragen kann. Doch er hat an ihr längst das Interesse verloren und bandelt mit der nächsten an, die Katerina verhöhnt und von Sergej die Socken bekommt. Die rasend eifersüchtige Katerina tötet daraufhin die Rivalin und sich selbst in einem reißenden Strom. Ich war bestürzt über die Radikalität dieser „Lady Macbeth“, die alles ausräumt, um mit ihrem Geliebten zusammen zu sein, nur um von diesem auf das Schmählichste verlassen und verraten zu werden. Ihre Reaktion und ihr Wahnsinn sind dann nur allzu verständlich und folgerichtig.

Die Illustrationen möchte ich noch erwähnen: Sie stammen von Uwe Häntsch, der – ist es zu glauben – in Mittelherwigsdorf zur Welt kam! Sein Zeichenstil ist häufig in Jugend- und Abenteuerromanen zu finden, die in den 80er Jahren in der DDR erschienen, so auch in Jules Vernes „Die Kinder des Kapitäns Grant“.

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