Ein Monat - ein Buch

Juni 2001: Scott O’Dell – Vogelmädchen

Die Geschichte der Rocky Mountains-Überquerung durch Meriwether Lewis und William Clark 1804-1806 war mir aus dem „Atlas der großen Entdecker“ bestens bekannt, ein Buch, das ich immer wieder mit Begeisterung las. Ihre Expedition gehört zu den Gründungsmythen der USA, weil sie erstmals den Westen des Kontinents bis zum Pazifik erkundeten und damit den Grundstein für dessen spätere systematische Besiedelung legten. Scott O’Dell machte daraus einen Jugendroman, in der eine wichtige Teilnehmerin der Tour im Mittelpunkt steht: Die Indianerin Sacajawea, die als Dolmetscherin und einheimische Führerin von unschätzbarem Wert für das Gelingen des Unternehmens war. Ihr zu Ehren wurde ein Fluss in Montana benannt, der Sacagawea River, und entlang der damaligen Strecke finden sich Skulpturen oder Monumente, die an die Indianerin erinnern.

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Quell: amazon.de

Sacajawea (oder Sacagawea) bedeutet „Vogelmädchen“, daher der Titel des Buchs. Sie war vom Stamm der Schoschonen, wurde jedoch von einem anderen Stamm entführt und später mit einem kanadischen Trapper namens Toussaint Chabonneau verheiratet, der sie im Spiel gewann und nicht sonderlich gut behandelte. Mit ihm hatte sie einen Sohn, der während der Reise zur Welt kam und den Captain Clark sehr ins Herz schloss – er nannte ihn „Pompey“, sie „Meeko“; sein richtiger Name war Jean-Baptiste. Eine Frau und ein Kind in einer Gruppe von Männern war für andere Indianer ein gutes Zeichen, dass diese Fremden nichts Böses wollten und erleichterte das friedliche Weiterkommen des Expeditionsteams erheblich. Der Weg führte sie auch zurück zu Sacajaweas eigenen Stamm, sodass es ein herzliches Wiedersehen gab. Am Ende erhält sie von Clark sogar das Angebot, mit nach St. Louis zu kommen, damit ihr Sohn eine gute Ausbildung erhält, doch lehnt sie ab – obwohl sie offensichtlich in den Weißen verliebt ist, doch werden ihre Gefühle nicht erwidert. Hier wie an anderen Stellen macht sich natürlich die Fiktion bemerkbar, denn „Vogelmädchen“ ist zwar detailgetreu, aber trotz allem ein Roman. Sacajawea beschreibt die Expedition aus ihrer Sicht, sie sieht das Land und seine Bewohner mit anderen Augen als die Entdecker. Scott O’Dell gelingt es sehr gut, uns mit der Kultur und der Sichtweise der Indianer bekannt zu machen und liefert gleichzeitig ein akkurates Bild von dieser nicht ungefährlichen Reise durch die damals noch unberührte Wildnis, bei der auch erstmals der berühmte Yellow Stone Park vermerkt wurde.

Quelle: cyclotram.blogspot.co.uk

Sacajawea weist den Weg – Statue zu ihrem Gedenken im Washington Park, Oregon

Dieses Buch hat für mich persönlich noch eine große Bedeutung, weil ich damals, im Sommer 2001, beschloss, wie mein großes Vorbild Anne Frank ein Tagebuch in Form von Briefen an eine fiktive Freundin zu führen. Und diese Freundin taufte ich: Sacajawea. Wann immer ich heute also mein Tagebuch aufschlage und einen neuen Eintrag schreibe, beginne ich mit „Liebe Saca“, „Liebste Sacaja“ oder so ähnlich. Ich richte mich dabei nicht an die historische Figur, aber irgendeinen Namen musste ich ja wählen, und ich fand diesen zu dem Zeitpunkt sehr schön und ungewöhnlich, es war eine Laune und dabei ist es geblieben. Auf diese Weise werde ich den Roman immer in Erinnerung behalten.

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