Ein Monat - ein Buch

Februar 2010: Richard Ellmann – Oscar Wilde

Die definitive Wilde-Biografie. Anders als so manches ähnliche Standardwerk aber kein bisschen langweilig, nur sehr umfassend und mit gründlichster Quellenarbeit – der Anhang ist enorm – , sodass sich alle nachfolgenden Forscher nunmehr auf einzelne Aspekte In Wildes Leben und Werk konzentrieren können. Ich musste dieses Buch natürlich lesen, solange ich noch in Lancaster war und Zugang zur Library hatte, also nutzte ich meine nicht übermäßig vorhandenen zeitlichen Ressourcen vor meiner Abreise Ende Februar, um mich in Ellmanns Buch zu vertiefen, das ihm 1989 posthum den Pulitzerpreis einbrachte.

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Ich hatte einen Oscar bei mir im Regal (Und „Titanic“. Und die Beatles. Und die Stuttgart-Tasse, auf dass sie nicht von Unwürdigen entweiht würde.)

Oscars Biografie war mir schon durch mehrere andere Bücher vertraut, u. a. „Oscar’s Books“, „The Wilde Years“ und „Oscar Wilde für Eilige“. Bei Ellmann werden nun wirklich all die herrlichen Anekdoten, Mythen und Legenden rund um den berühmten Iren zusammengetragen und richtig gestellt – bis auf die Behauptung, Wilde wäre an Syphilis gestorben, was von dessen Enkel Merlin Holland heftig bestritten wird.

Im Grunde ist es eine große, dramatische Geschichte und ich bin jedes Mal wieder bestürzt, wenn das Verhängnis in Form des Marquis of Queensberry – Lord Alfred Douglas‘ Vater – auf Oscar hereinbricht und die Geister, die er selbst rief, nicht mehr von ihm lassen wollen, bis er gebrochen und krank aus dem Gefängnis entlassen wird und drei Jahre später in Paris stirbt (im Zimmer mit der hässlichen Tapete). Meine Trauer um die Kunst, die uns dadurch verwehrt blieb, ist nur mit der Trauer um John Lennons viel zu frühes Ende vergleichbar. Und so sind alle Bücher über Oscar Wilde auch traurige Bücher. Aber gleichzeitig lasse ich mich immer wieder allzu gern faszinieren von diesem Genius, und Auszüge aus Briefen oder Gesprächen beweisen, dass er nicht nur in seinen literarischen Werken geistreich sein konnte: „With your money and my brain, we could have gone so far“, beklagt er sich gegenüber einer Dame, die seinen Eheantrag ablehnte. Man erfährt viel über seine Familie: der Vater war ein berühmter Dubliner Augenarzt und Archäologe, von dem der Sohn die Kunst des Geschichtenerzählens lernte. Seine Mutter schrieb unter dem Namen Speranza patriotische Gedichte und Erzählungen. Sein älterer Bruder Willie war journalistisch tätig, ansonsten herrschte zwischen den Brüdern nicht die größte Liebe (er starb sogar noch vor Oscar, an Folgen von Alkoholismus). Dann kommen die Uni-Jahre, sein Debüt in der Londoner Gesellschaft mit aufsehenerregendem Kleidungsstil und seine erfolgreiche Vortragsreise durch die USA („I have nothing to declare but my genius“). Die Ehe mit Constance, die zwei Söhne, der Erfolg mit seinen Theaterstücken in den 1890ern und gleichzeitig diese eine, berüchtigte Beziehung zu Bosie Douglas, dessen Vater Wilde im Glauben, unantastbar zu sein, wegen Verleumdung verklagte – der Anfang vom Ende, sein selbstgeschaufeltes Grab, wie sich herausstellen sollte.

Quelle: theatlanticwire.com

May you find some comfort here on Père Lachaise

Ich stand da, an jenem Grab, um das jetzt so eine hässliche Plexiglasscheibe ist, damit man es nicht mehr küssen kann… Ob dem Ästheten so etwas gefallen hätte? Die Biografie kann uns den Menschen Oscar Wilde näher bringen, allein die ewige Faszination kann auch sie nicht erklären. Are you still looking at the stars, my friend?

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