Ein Buch - mehrere Monate/Lieblingsbücher

Margaret Mitchell – Gone with the Wind

Dieses Buch wird für immer mit meinen vielleicht schönsten Sommerferien verbunden sein. Die Ingredienzen dafür waren: zuallervorderst das „Blue Album“ der Beatles; dann mein nagelneuer Laptop, dank dessen ich endlich „A Hard Day’s Night“ auf DVD sehen konnte; Jimi Hendrix und „Are You Experienced?“; das abendliche Ritual, die Lesung der „Buddenbrooks“ im Radio zu hören und dabei ein 1000-Teile-Puzzle zu machen – alles ergab so ein endloses, sommerliches Gefühl, die Tage gingen dahin in süßem Nichtstun und ich hatte genug Zeit, um mich durch dieses in grünes Leder gebundene Buch zu lesen. Lange hatte ich mich dagegen gewehrt, wollte nur den Film sehen und nicht diesen Kitschroman lesen, den mein Vater mir immer zuschanzen wollte, er hatte wohl in seiner Jugend einen ähnlich herrlichen Sommer damit verbracht. Aber dann war er einfach im „Gesamtbelohnungspaket“ für das Zeugnis mit drin, zusammen mit Wachsmalkreide (hmm, für einen 17-jährigen Teenager…) und einem silbernen Ring mit Gingkoblatt, den ich seitdem am Daumen trug, bis ich ihn leider, leider vor drei Jahren verlor. Auch er ist nun „gone with the wind“…

Die Romanverfilmung ist ja ein zeitloser, ikonenhafter Klassiker, aber die Vorlage ist in meinen Augen ein noch größerer Genuss. Scarlett O’Hara ist, ähnlich wie Becky in „Vanity Fair“, eine Frau, die man bewundern muss, aber sie zu mögen ist kaum möglich. Dafür ist sie viel zu berechnend, eiskalt setzt sie ihre Schönheit und ihre Wirkung auf Männer ein, um an Geld zu kommen und dadurch ihr geliebtes Tara, den Landbesitz ihres Vaters, zu retten. Dabei ist sich Scarlett nicht zu schaden, sich die Finger schmutzig zu machen (an den Händen erkennt Rhett, wie es um sie bestellt ist, als sie ihn um Geld bittet), und ihre Sägemühle leitet sie selbst, was für einiges Aufsehen sorgt. Sie tut einfach alles, was eine Dame nicht tut, tanzt mit Rhett, obwohl sie Witwe ist, verliert häufig die Contenance, ist eigenwillig und mutig wie eine Löwin. Melden sich Skrupel, tut sie diese mit „Fiddle-dee-dee“ ab. Wie passt es dann zusammen, dass diese starke Frau die ganze Zeit nach Ashley heult, dass es kaum zum Aushalten ist? Wie blind kann man sein, um nicht zu merken, dass dieser lebensuntüchtige Mann, der Gedichte liest und Ausdrücke wie „Götterdämmerung“ kennt, so gar nicht zu ihr passt?! Und als sie es dann endlich merkt und erkennt, dass sie in Wirklichkeit zu Rhett gehört – da ist dieser all der vergeblichen Bemühungen um ihre Liebe überdrüssig: „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ Dumm gelaufen. Die Beziehung zwischen Scarlett und Rhett ist ein klassisches Beispiel dafür, wie sich zwei Menschen das Leben schwer machen können, weil sie sich so ähnlich sind, dass sie unwillkürlich zueinander hingezogen werden, aber trotzdem nicht gemeinsam glücklich werden, weil der eine immer etwas anderes will als der andere. In dieser Hinsicht beweist Rhett wirklich einen unglaublichen Langmut, und alle von Scarlett verschmähte Liebe richtet er später auf Bonny, ihre gemeinsame Tochter. Erst deren tödlicher Reitunfall sowie Scarletts Fehlgeburt infolge einer Handgreiflichkeit mit Rhett machen seinen Gefühlen endgültig den Garaus; vielleicht hat er sich auch nur überzeugt, dass es keinen Sinn mehr macht, noch weiter um diese starrsinnige Frau zu kämpfen: „You’re so brutal to those who love you, Scarlett. You take their love and hold it over their heads like a whip. “

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Quelle: pinterest.com 

Anstatt der sattsam bekannten Filmbilder ein Foto der Autorin mit ihrem Meisterwerk

„Gone with the Wind“ hat noch so viele weitere Aspekte, auf die hier unmöglich alle eingegangen werden kann. Einer ist natürlich die Sklaverei und die Befreiung der Sklaven infolge des Bürgerkriegs, ein anderer der Bürgerkrieg selbst. „The Yankees are coming!“, diesen Satz findet man häufiger im Mittelteil der Handlung, analog zu „Die Russen kommen“ hierzulande am Ende des zweiten Weltkriegs. Da ich zum Zeitpunkt der Lektüre relativ wenig über den Civil War wusste (daran hat sich bis heute nicht viel geändert), konnte ich nicht einmal die Farben zuordnen – aha, die „Yankees“ hatten also blaue Uniformen, die Konföderierten graue. Und wer hat noch mal wo gekämpft, gewonnen und verloren? Da es hier aber eher um die Folgen des Krieges, um Gefühle angesichts von Tod, Zerstörung und dem Ende einer Ära geht, also universale Dinge, sind die genauen historischen Hintergründe weniger von Bedeutung. Mit Scarlett zusammen las ich die Listen der Toten, in der Angst, einen bekannten Namen zu finden, wie etwa den der Tarleton-Zwillinge, diese zwei übermütigen Verehrer Scarletts, mit denen sie in der ersten Szene des Romans auf der Veranda sitzt. Mit Scarlett erleben wir die Belagerung und Einnahme Atlantas durch die Soldaten der Nordstaaten. Und durch ihre Augen sehen wir die Sklaven, nicht mit moralischer Hinterfragung, sondern als etwas ganz natürliches, Scarlett kennt es nicht anders und nimmt es hin, wie Menschen später die zunehmende Ausgrenzung der Juden hinnahmen. Einige dargestellte Charaktere, wie Mammy oder Prissy, sind loyale Haussklaven, die sich ihrer Tätigkeit und Behandlung nach kaum von anderen, weißen Dienstboten unterscheiden und deshalb auch nach dem Krieg bei „ihrer“ Familie bleiben. Die auf dem Feld arbeitenden Sklaven hingegen nutzen ihre gewonnene Freiheit nur allzu gern, weshalb die Bewirtschaftung von Tara bei Scarletts Rückkehr völlig darniederliegt. Einer von ihnen, Big Sam, kommt Scarlett immerhin zu Hilfe, als sie von einem anderen ehemaligen Sklaven angegriffen wird, denn die alte Verbundenheit bleibt nach wie vor bestehen und verschwindet nicht einfach so. Man darf Mitchells Roman nicht als Verherrlichung der alten Zustände sehen, eher als nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der alles klarer strukturiert war und jeder seinen vorgesehenen Platz in der Gesellschaft hatte; diese Klarheit wird durch das Chaos des Kriegs für immer zerstört und Scarletts unbeschwertes Leben als behütete „Southern Belle“ wird vom nackten Überlebenskampf verdrängt. Manche, wie ihr Vater und ihre zwei Schwestern, zerbrechen daran, aber diese temperamentvolle, katzengleiche Frau ist wild entschlossen, niemals aufzugeben: „After all, tomorrow is another day“ lautet dann auch der letzte Satz des Romans – ein Zeichen dafür, dass es für sie immer irgendwie weitergehen wird.

Die Lektüre nahm damals ganz schön viel Zeit in Anspruch, es war das erste richtig dicke Buch, das ich auf Englisch las. Und dann dieser seltsame Slang der Sklaven, wie wenn Mammy beispielsweise sagt: „Young misses whut frowns an‘ pushes out dey chins an‘ says ‚Ah will‘ an‘ ‚Ah woan‘ mos‘ gener’ly doan ketch husbands.“ Da musste ich mich erst mal reinlesen, doch nach und nach wurde es besser. 31 Seiten pro Tag, und doch ging der Roman, wie auch die Sommerferien 2005, viel zu schnell vorbei. Ich versuchte, diese Tage mithilfe einer billigen Einwegkamera festzuhalten, aber die Bilder waren meist katastrophal schlecht belichtet und wurden deshalb teilweise nicht einmal entwickelt. Und das alles ist nun auch schon wieder acht Jahre her. Everything’s gone with the wind.

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