Ein Monat - ein Buch

November 2000: Charles Dickens – Oliver Twist

Erinnert sich noch irgendjemand an die gleichnamige Trickfilmserie, in der Oliver Twist ein weiß-braun gefleckter Hundejunge war? Das war wahrscheinlich meine erste Begegnung mit dieser Geschichte, bevor ich mir den Roman aus der Jugendbibliothek auslieh, natürlich die DDR-Ausgabe von 1983 mit den detailreichen Illustrationen von Klaus Ensikat (wo zum Beispiel die Teile eines Webstuhls in der Zeichnung benannt sind).

Oliver-Twist1

Quelle für die Vorder- und Rückseite der Buches:
http://kidpix.livejournal.com/1382417.html

Als Vignetten sind verschiedene Charaktere des Romans abgebildet

Dass mir „Oliver Twist“ gut vertraut war, machte sich später bei einem Essay für die Lancaster University bezahlt, als ich den Protagonisten als gutes Beispiel für die Darstellung des Waisenkindes und arbeitenden Kindes anführen konnte. Er muss ja nach seiner Bitte um mehr Haferschleim – ein unerhörtes Vorkommnis im Leben des Büttels und Mrs Mann – das Kinderarbeitshaus verlassen und soll erst bei einem als gewaltättig bekannten Schornsteinfeger arbeiten, kommt dann jedoch zu einem Bestatter in die Lehre, bis er es auch dort nicht mehr aushält und flieht. Dickens versucht mit seiner Schilderung der schauderhaften Lebensumstände dieser armen Wesen, Mitleid in einer mitleidlosen Zeit zu wecken, als Kinderarbeit, zumal von Waisen, noch als normal angesehen wurde und die Kinder v. a. stets so behandelt wurden, als wären sie selbst schuld an ihrem Los und müssten dankbar sein für jeden kleinsten Bissen, den man ihnen zukommen lässt. Ihre absolute Schutzlosigkeit macht sie zu willkommenen Opfern jeder Art von Ausbeutung und Gewalt. Der unschuldige Oliver gerät bei seiner Flucht nach London nur zu leicht in die Fänge von Fagin und seiner Bande von Taschendieben, stellt sich aber glücklicherweise so schlecht an, dass er prompt ertappt und zum ersten Mal zu gutherzigen Leuten kommt (erst Mr Brownlow, später die wunderhübsche Miss Rose Maylie). Nur hatten in der Realität sicher die wenigsten Straßenkinder dieses Glück, realistischer ist da das Schicksal des „Artful Dodger“, der am Ende in die Verbannung nach Australien geschickt wird. Die geradezu märchenhafte Entdeckung, dass Oliver in Wirklichkeit der Sohn eines Gentlemans ist und entsprechend wieder in die noble Gesellschaft aufgenommen wird, ist zwar schön, aber auch zu schön um wahr zu sein. Vielleicht ziehe ich deshalb die späteren Romane von Dickens vor, die eher auf einer melancholischen Note enden, wie „Martin Chuzzlewitt“ oder „Hard Times“, wo die Guten und die Bösen weniger grell gezeichnet sind und am Ende auch für die Guten nicht nur eitel Sonnenschein herrscht. Auch liegt es womöglich an der Tatsache, dass ich den Roman mit 12 las und ihn deshalb als Jugendbuch einschätze (der Titelheld ist schließlich auch noch jung), dass ich ihn mir seitdem nicht mehr zu Gemüte geführt habe und auch nicht unbedingt die Absicht dazu habe – es sei denn im Rahmen meiner in ungewisser Zukunft geplanten Anschaffung, einer Dickens-Gesamtausgabe. Dann werde ich sicher auch diese Geschichte noch einmal lesen, die Bücher sollen ja nicht unangerührt im Schrank verstauben. Immerhin war „Oliver Twist“ meine Einführung in das Werk dieses Autors, den man nicht hoch genug schätzen kann.

Oliver-Twist2

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