Ein Monat - ein Buch

November 2011: Eugen Ruge – In Zeiten des abnehmenden Lichts

Passend zum Titel las ich dieses Buch in einem Monat „des abnehmenden Lichts“, doch dies nur am Rande. Der Roman war nur wenige Wochen zuvor in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden und ich freute mich sehr, ihn gleich in der Bibliothek zu finden. Der Preis erwies sich als absolut gerechtfertigt, denn ich fand die Geschichte und Erzählweise sehr packend und vor allem hochinteressant. Es gibt zwar jede Menge Bücher und Filme über die DDR, aber darin kommt meistens nur eine bestimmte Zeit oder eine Sichtweise zur Sprache, und hier hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass aufgrund der mehreren Generationen im Roman ein komplexes und darum stimmiges Bild gezeichnet wird, von den Aufbaujahren bis zum Ende der 80er Jahre. Wie die Menschen den Weg von der Euphorie des Neuanfangs hin zur Ernüchterung und schließlich zur Abwendung vom System gingen. Stellvertretend dafür gibt es drei Hauptfiguren, aus deren Sicht die Handlung nicht-linear erzählt wird, es sind Momentaufnahmen ihres Lebens, Erinnerungen, Wendepunkte. Auch Nebenfiguren kommen zu Wort und ergänzen oder korrigieren das zuvor Erzählte.

Quelle: culturmag.de

Im Kern handelt es sich um die Geschichte der Familie Umnitzer. Zu Beginn des Romans, 2001, erfährt man, dass Alexander „Sascha“ Umnitzer an Krebs erkrankt ist und dies zum Anlass nimmt, nach Mexiko zu reisen, wo seine kommunistischen Großeltern einst während der Nazi-Zeit im Exil waren. Seine Eindrücke vom Land sind ein immer wiederkehrender Erzählstrang. Ein weiterer spielt 1989, als Wilhelm Powileit, Alexanders Großvater, seinen 90. Geburtstag feiert und sich die ganze Familie sowie alte Genossen noch einmal um den großen Ausziehtisch versammeln (nur wenige Tage später wird der 40. Jahrestag der DDR-Gründung begangen). Der starrsinnige und sich treu der Partei zugehörig fühlende Wilhelm wird zunehmend dement und bekommt die Feierlichkeiten nur sehr verzerrt mit, doch ohnehin hat seine Frau Charlotte an diesem Tag alle Fäden in der Hand, wie sie es schon immer getan hat. Da kommt es nicht gut an, dass Sascha an diesem Tag seine Eltern Kurt und Irina anruft mit der Mitteilung, in den Westen geflohen zu sein. Kurt ist der Sohn von Charlotte, der während der Stalin-Zeit jahrelang Gefangener in einem sibirischen Lager war, zusammen mit seinem Bruder Werner, der die Haft nicht überlebte. Trotz dieses Erlebens bleibt Kurt aber seiner Weltanschauung treu und macht später in der DDR als Wissenschaftler Karriere. Seine Frau Irina, die er in Sibirien kennenlernt, nimmt er mit nach Deutschland. Sie holt später noch ihre Mutter nach, die sich aufgrund ihres Alters nicht in dem neuen Land eingewöhnen kann, kein Deutsch spricht und für komische Szenen im Buch sorgt, als sie z. B. Wilhelm zum Geburtstag ein Glas eingelegte Gurken schenkt und er dies mit „gorosche“, dem russischen Wort für „Erbsen“ kommentiert (wobei er eigentlich „choroscho“, also „gut“ sagen möchte) oder als sie später ein russisches Lied anstimmt, in dem immer wieder die Wörter „wot kak“ („ach ja“) vorkommen, was die Anwesenden als „Wodka“ verstehen und begeistert wiederholen. Die unterschiedlichen Kulturen – und seine Affären – sorgen immer wieder für Konflikte zwischen Kurt und Irina, die schließlich zu trinken anfängt. Auch mit seiner Mutter Charlotte wird sie nicht warm und an Saschas Freundinnen bzw. seiner Ehefrau lässt sie kein gutes Haar. Eine vierte Generation wird schließlich von Alexanders Sohn Markus repräsentiert, der zur Wendezeit 13 ist und den somit wenig mit der DDR, aber auch mit seiner Familie (die Eltern sind geschieden) verbindet. Das einzige, was ihn an den Exilgeschichten seines Uropas interessiert, ist der ausgestopfte Hai, den Wilhelm angeblich selbst gefangen hat.

Die Charaktere sind überaus vielschichtig gezeichnet und dank der Erinnerungen und inneren Monologe kann man die Entwicklung jedes einzelnen, geformt durch individuelle Erfahrungen, sehr gut nachvollziehen, so merkwürdig sie einem auch erscheinen mag: Charlotte wird beispielsweise überzeugte Kommunistin – selbst angesichts ihres im Gulag ermordeten Sohnes -, weil sie in der Weimarer Republik als Frau keine Gleichberechtigung erfährt, während sie in der Partei und später im neugegründeten Staat Karriere machen kann und Anerkennung erhält. Trotzdem ist sie in dem ihr anerzogenen, traditionellen Frauenbild gefangen und ordnet sich Wilhelm unter, obwohl sie ihn insgeheim verachtet. Am Ende ihres Lebens vergiftet sie ihn schließlich mit Medikamenten, um die letzten Jahre endlich in Ruhe und Selbstbestimmung zu leben.

Die Art, wie die Schicksale der Familienmitglieder im Kleinen die großen historischen Ereignisse widerspiegeln, gefiel mir ausnehmend gut und insgesamt ist es ein intelligenter, anregender und niemals langweiliger Roman, der einem das Alltagsleben und die Befindlichkeiten der Menschen in der DDR näher bringt als es alle Geschichtsbücher vermögen. Eugen Ruge gelingt als Mitt-Fünfziger ein hervorragendes Debüt, in dem er auf seine eigene Historie und die seiner Familie zurückgreifen kann.  Jeder, der wie ich das Gefühl hat, über diese Zeit zu wenig zu wissen – aber hoffentlich auch jeder, der sie selbst erlebt hat – wird die Lektüre als wertvoll und wahrhaftig im Gedächtnis behalten. Wenn nicht als Historien-, dann zumindest als Familienroman der ganz besonderen Art.

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