Ein Monat - ein Buch/Lieblingsbücher

März 2001: Anne Frank – Tagebuch

Anne, meine Schwester. So nannte ich sie damals insgeheim für mich, denn irgendwie fühlte ich mich mit ihr (seelen)verwandt, was wahrscheinlich primär am Namen lag und dass sie sechs Tage vor mir geboren war, am 12. Juni, meinem ursprünglich errechneten Geburtstermin. Sie gab mir den entscheidenden Anstoß, ebenfalls ein Tagebuch zu führen, und ebenfalls an eine fiktive Freundin. Und manches, was sie schrieb, empfand ich genauso wie sie, wahrscheinlich machen alle Jugendlichen mehr oder weniger ähnliche Gefühle durch. Ansonsten hatten wir wenig gemein, ich war als Teenager nicht so hübsch, beliebt und extrovertiert wie Anne, geistig längst nicht so reif wie es ihre Einträge mit 14, 15 zeigen – und natürlich brauchte ich mich nicht in einem Hinterhaus zu verstecken. Trotzdem fühlte ich mich ihr in diesem Alter sehr nah, wie einer engen Freundin oder eben fast wie einer Schwester, die ich nie hatte.

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Quelle: amazon.com

Meine erste Begegnung mit Anne Frank und ihrer Geschichte war in einem Sachbuch zu ihr und den Hintergründen ihres berühmten schriftlichen Zeugnisses. Bis dahin kannte ich zwar ihren Namen, wusste aber ansonsten nichts über sie – nicht einmal, dass sie tot war. Diese Erkenntnis erschütterte mich dermaßen, dass ich Tränen vergoss. Das Vermächtnis der Anne Frank ist ja, dass sie der Nachwelt für immer einen Hass und eine Abscheu gegenüber den Nazi-Verbrechen und dem Holocaust eingeben kann, weil sie den zahllosen Opfern ein Gesicht und eine Stimme gibt, und dies geschah bei mir bereits mit 11. Seitdem wollte ich ihr Tagebuch lesen, und im Frühling 2001 war es endlich soweit. Ich war unglaublich froh, DAS Buch endlich in der Bücherei gefunden zu haben und Annes Geschichte in ihren eigenen Worten zu lesen. Wir behandelten es 1 ½ Jahre später auch in der Schule, und ich vertiefte mich zudem durch Bücher von Zeitzeugen wie Miep Gies oder Jacqueline van Maarsen, oder später durch eine Biografie über Anne weiter in dieses Thema, in ihr Leben. Ich wollte einfach so viel wie möglich über Anne erfahren, über das ganz normale Mädchen vor der Tagebuchzeit und auch über die wenigen Monate, die sie nach ihrer Entdeckung und Verhaftung noch zu leben hatte.

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Quelle: theguardian.com

Eines meiner Lieblingsfotos von Anne, als sie schon weniger der „quecksilbrige Backfisch“ war

Was bleibt ansonsten noch zu sagen? Es war seltsam, eine Zeit lang waren Anne und ich im gleichen Alter, unsere Leben verliefen quasi parallel und ich konnte anhand ihres Tagebuchs haargenau feststellen, was sie getan und gefühlt hat, als sie so alt war wie ich. Und dann, mit 15, musste ich sie plötzlich zurücklassen. Ihr war es nicht einmal vergönnt gewesen, ihren 16. Geburtstag zu erleben. Manchmal habe ich darüber nachgedacht, was im Falle ihres Überlebens gewesen wäre. Hätte sie ihr Tagebuch in dieser Form veröffentlicht oder in einer anderen, fiktiveren Form – oder sogar gar nicht, weil es ihr zu intim gewesen wäre? Vielleicht wäre sie eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden, vielleicht auch nicht – wir werden es nie erfahren. Alle Träume und Pläne, die Anne in ihren Briefen an Kitty für die Zeit nach dem Krieg schmiedet, wurden niemals wahr. Und wenn der Preis für ihre Berühmtheit ihr Tod gewesen ist, dann wäre es besser gewesen, ich hätte niemals diese „Schwester“ gehabt und keiner würde Anne kennen. Aber sie hat sich in ihrem Tagebuch ausdrücklich gewünscht, dass wir sie kennen, dass sie in unserer Erinnerung weiterlebt (noch ein Gefühl, das uns verbindet):

„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen,die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“

Nein, sie hat nicht umsonst gelebt, und in den Herzen ihrer Leser bleibt sie auch nach ihrem Tod lebendig. Anne, meine Schwester, viel zu lange habe ich dein Tagebuch nicht mehr in der Hand gehabt, ein Versäumnis, das bald nachgeholt werden muss. Du wirst immer in meinem Herzen bleiben, wie in denen aller Menschen, die je deine Zeilen gelesen haben und davon bewegt wurden.

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