Ein Monat - ein Buch

Mai 2010: Martin Suter – Lila, Lila

Mit diesem Buch verbinde ich das trinationale Neiße-Filmfestival, bei dem ich die Ehre hatte, als Übersetzer bzw. Einleser tätig zu sein, eine spannende Aufgabe. 2010 übernahm ich diese Aufgaben für einen polnisch/tschechischen Film, „Operacja Dunaj“, über einen polnischen Panzer, der aus Versehen in einem tschechischen Dorf landet. Eine Vorstellung war am Vormittag und ich beschloss, am Abend zuvor in Zittau feiern zu gehen, dann bei einer Freundin zu übernachten und am nächsten Tag in das Dorfkino zum Einlesen zu fahren. Klappte alles wie am Schnürchen, ich hatte eine tolle Nacht und schlief ausgezeichnet im fremden Bett – die Freundin war allerdings gerade abwesend. Und dort, auf der Matratze in einem kleinen WG-Zimmer, las ich „Lila, Lila“, schlürfte Tee aus einer großen Tasse (eher eine Schale, vergleichbar der bol, wie sie die Franzosen zum Frühstück benutzen) und fühlte mich pudelwohl. Das Buch trug dazu bei, es ist wirklich nicht schlecht und ich dachte schon, ich hätte in Suter einen neuen guten Autor gefunden… Bis ich dann „Der Koch“ las und so enttäuscht war, dass ich von einer weiteren Lektüre seiner Werke Abstand genommen habe. Der Schweizer ist allerdings ein Stammgast in den deutschen Bestsellerlisten. „Lila, Lila“ wurde sogar verfilmt, mit Daniel Brühl, Henry Hübchen und Hannah Herzsprung in den Hauptrollen.

„Das ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden.“

Der Inhalt lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass sich David, ein schüchterner Kellner, in die Literaturstudentin Marie verliebt, die ihn aber kaum beachtet, bis er zufällig in einem Nachttisch vom Antiquariat ein Manuskript für einen Roman (mit dem Titel „Lila, Lila“) findet, das er als seines ausgibt und Marie zum Lesen gibt, um sie mit seinen schriftstellerischen Künsten zu beeindrucken. Das gelingt so über die Maßen gut, dass sie nicht nur ein Paar werden, sondern Marie ihn auch überredet, das Manuskript bei einem Verlag einzureichen. So beginnt eine Kettenreaktion, die David nicht mehr stoppen kann, will er nicht seine Lüge aufdecken und dadurch Marie verlieren. Das Buch wird ein großer Erfolg und David sonnt sich im Ruhm des aufstrebenden Jungautors – bis sich eines Tages ein abgehalfterter Kerl namens Jacky bei ihm vorstellt und behauptet, er hätte in Wahrheit „Lila, Lila“ geschrieben. Für sein Stillschweigen verlangt er einen Anteil am Gewinn, und David stimmt zu. Doch Jacky wird mit der Zeit immer aufdringlicher und David gerät zusehends in Erklärungsnot. Außerdem warten sowohl Marie als auch sein Verleger auf sein nächstes Werk…

Quelle: goodreads.com

Der Roman bietet nicht nur eine Liebesgeschichte – oder zwei, nimmt man die in Davids plagiiertem „Lila, Lila“ hinzu –, sondern auch eine gute Satire auf den Literaturbetrieb, in dem Autoren genauso schnell hochgejubelt wie später wieder fallen gelassen werden. Außerdem stellt er die Frage: Wie weit geht man, um eine angebetete Person für sich zu gewinnen? David ist schließlich, trotz seiner Beziehung mit Marie, nicht glücklich, weil er ständig in Angst leben muss, dass die Lüge auffliegt, auf die ihre Liebe aufbaut. Und Jacky, vor dem er solche Angst hat, ist in Wirklichkeit auch nur ein geschickter Hochstapler. Ja, man muss das Blenden nur richtig lernen, dann kann man weit damit kommen. Ein kurzweiliges Buch für Zwischendurch, das ich aber vielleicht schon wieder vergessen hätte, wäre da nicht dieses Bild in meinem Kopf von mir auf der Matratze an einem perfekten Samstagvormittag.

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