Ein Monat - ein Buch

Juli 2011: Christoph Ransmayr – Der Schrecken des Eises und der Finsternis

Inhaltlich erinnert dieser Roman ein wenig an „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Stan Nadolny, zumindest wenn es um die Polarexpedition geht. Allerdings endet sie bei Ransmayr nicht in der Katastrophe und die Teilnehmer kehren glücklich in die Heimat zurück – nach Österreich-Ungarn. Wer hätte gedacht, dass auch die Donaumonarchie einmal ihre Fühler nach weit entferntem Territorium ausgestreckt hat, merkwürdigerweise aber nicht in Afrika oder Fernost, wie Deutschland, sondern hoch im Norden. Andererseits wusste ich, dass es in der Arktis das Franz-Joseph-Land gibt, doch wie die Benennung zustande kam, fragte ich mich nicht. Hier wird die Geschichte dieser Expedition, unter Einbeziehung von Originaldokumenten wie Berichten und Tagebüchern, erzählt und schwingt somit zwischen Dokumentation und Roman, Fiktion und Wahrheit. Das macht den Roman zu einer ungewöhnlich spannenden und gleichzeitig informativen Angelegenheit, denn in Abschweifungen wird dem Leser die Geschichte der Polarforschung nahe gebracht und zahlreiche Abbildungen illustrieren das Erzählte noch. Die Ereignisse werden von einem Nachfahren eines Mitglieds der damaligen Mannschaft gespiegelt, der sich auf ihre Spuren begibt und irgendwann im ewigen Eis verschwindet.

Quelle: lovelybooks.de

Die „Bibliothek“ der Süddeutschen Zeitung enthält einige gute Titel, auf die man sonst kaum aufmerksam geworden wäre

So bunt gemischt wie das damalige k. u. k. Reich war auch die Expeditionstruppe: Österreicher, Italiener, Ungarn, Slowenen finden sich darin. 1872 beginnt ihre Reise mit der Zugfahrt von Wien nach Bremerhaven, wo sie an Bord des Schiffes „Admiral Tegetthoff“ gehen. Ihr Ziel ist die Entdeckung der seit Jahrhunderten vergeblich gesuchten Nordostpassage, eine Route durch die polaren Gewässer von Russland nach Amerika (viele versuchten es auch anders herum durch die Nordwestpassage). Ihre erstmalige Durchquerung wäre ein enormes Prestige, doch bis dahin waren alle Versuche gescheitert und viele mussten ihren Wagemut mit dem Leben bezahlen. Um es vorwegzunehmen: Auch die Österreicher schaffen es nicht. Ihr Schiff wird vom Packeis eingeschlossen und sie erleben die lange Polarnacht, während sie langsam Richtung Norden driften (später konstruierte Nansen die stabile „Fram“, um sich genau diesen Effekt für einen Vorstoß zum Pol nutzbar zu machen). Dabei entdecken sie auch die Inselgruppe, die sie zu Ehren des Kaisers „Franz-Joseph-Land“ nennen. Im kurzen Polarsommer kommt das Schiff nicht wie erhofft frei und eine zweite Überwinterung wird unumgänglich.

Das Eis, das der Winter unter ihr Schiff gepresst hat, liegt an manchen Stellen in einer Mächtigkeit von neun Metern, ihre Wasserlöcher sind tief wie Brunnen, und alle Versuche, den Schoner wieder an den Meerespiegel zu bringen, führen schließlich zu einer solchen Schräglage der Tegetthoff, dass sie sich an Deck bewegen wie auf einem Berghang und Orasch, der steirische Koch, flucht, er könne keinen Topf mehr überstellen. Die Tegetthoff liegt wie ein Wrack in einer Werft aus Eis; sie müssen den Rumpf mit Balken abstützen, um nicht zu kentern.

Einige Männer wagen die Erkundung einer der entdeckten Inseln, die kärglich bewachsen sind und auch sonst wenig Reiz haben.

Sieben Zentner wiegt ihr Schlitten. Ihre Arbeit ist kein Ziehen, sondern ein Zerren und Reißen an der Last, eine erschöpfende Einübung in die Qual, die sie auf dem Rückzug nach Europa erwartet. Immer wieder müssen sie ihr Gefährt entladen – die Kochmaschine, das Zelt, die Petroleumfässer, den Proviant, müssen alles Stück für Stück fortschaffen, um wenigstens mit dem leeren Schlitten über die Eishöcker, die Hummocks zu kommen. Manchmal bahnen sie sich ihren Weg mit Spitzhacke und Schaufel. Das Eis ist wie Stein […] Für die Nacht graben sie sich ins Eis, spannen ihr Zelt über die Grube, und Schneestürme decken ihre Unterkunft zu. Dicht aneinandergedrängt, liegen sie dann in ihrem Gemeinschaftsschlafsack aus Büffelfell und fluchen und klagen, bis Payer sie anherrscht. Wenn sie sich am Morgen erheben, glauben sie zu zerbrechen; das Büffelfell ist hart wie ein Brett und das Zelt durch die Kondensation und Vereisung ihrer Atemluft eine schimmernde Höhle. (Quelle)

Erstmals gelingt es ihnen, den 82. Breitengrad zu überqueren. Bei den vielen Entbehrungen ist es ein Wunder, dass nur einer von ihnen, der Maschinist Otto Kreisch, stirbt. Ihr Weg zurück ist ein unglaublicher Überlebenskampf, denn sie müssen das eingeschlossene Schiff zurücklassen und sich in Booten, teils rudernd, teils übers Eis ziehend, nach Nowaja Semlja durchschlagen. Man bekommt einen großen Respekt vor dieser Leistung, fragt sich aber gleichzeitig, woher ihr Wille und ihre Faszination für die Arktis kommen, um dermaßen an die physischen und psychischen Grenzen zu gehen, unter Einsatz ihres Lebens. Ist es reine Entdeckerlust, die Suche nach Ruhm und unbekanntem Gebiet, um weiße Flecken von der Karte zu tilgen und sich darauf womöglich noch mit dem eigenen Namen zu verewigen? Das Austesten der eigenen Belastbarkeit und des „Kicks“, wie ihn moderne Bergsteiger verspüren mögen?

Ich kann das Buch vorbehaltlos empfehlen, es ist eine gelungene Verbindung von Fiktion und Tatsachenberichten und zeigt einmal mehr, unter welchen Opfern die Menschen sich durch unwirtlichste Gebiete kämpften, um ein möglichst vollständiges Bild unserer Erde zu erhalten, auf dass die Nachwelt davon profitieren möge.

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