Ein Monat - ein Buch

März 2004: Stephen King – Das Mädchen

„Was tun Sie, wenn Ihre Windschutzscheibe kaputt ist?“ – Ja, was kann man da nur tun? Dieser Jingle aus „Das Mädchen“ hat sich in meinem Kopf festgesetzt und manchmal singe ich es zu einer erdachten Melodie vor mich hin, wie es Trisha im Buch macht, während sie sich immer tiefer in den Wäldern Maines verirrt. Keine klassische Horrorgeschichte mit Aliens oder übersinnlichen Erscheinungen, wie man sie sonst von King kennt, sind es dieses Mal ganz reale Bedrohungen durch Hunger, Durst und wilde Tiere, gegen die das 9-jährige Mädchen kämpfen muss. Dazu ist der Roman mit ca. 300 Seiten auch recht dünn für King-Verhältnisse. Statt Schockermomenten wird der Leser existenziellen Ängsten, empfunden von einem hilflosen Kind, ausgesetzt.

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Quelle: frombooksparadise.com

Eigentlich will Trisha nur einen Moment von ihrer Mutter und ihrem Bruder weg, von deren ständigen Streitereien sie genug hat, die auch auf der kleinen Familienwanderung nicht aufhören. Doch die kleine Abkürzung entpuppt sich als fataler Weg in die Irre. Neun Tage dauert ihr Verschwinden und sie legt dabei eine viel längere Strecke zurück, als die Suchtrupps vermuten. Ihre einzige Ausrüstung dafür sind ein paar kleine Snacks, eine Limoflasche, ein Regenponcho, ein Gameboy und ein Walkman, mit dem sie auch Radio hören kann. So kann sie immerhin an einem Abend das Baseballspiel mit ihrem Lieblingsspieler Tom Gordon verfolgen (der Originaltitel lautet darum „The Girl Who Loved Tom Gordon“) und erlebt dabei einen Sternschnuppenregen. Doch dieser kleine Glücksmoment wird kontrastiert von den ewigen Angriffen durch Mücken und Wespen sowie Trishas verzweifelten Versuchen, ihren Hunger und Durst mit Beeren und Bucheckern zu stillen (sie schafft es sogar, einen Fisch zu fangen, den sie dann roh verzehrt), was zu Erbrechen und Durchfall führt. Außerdem leidet sie zunehmend an Halluzinationen, fühlt sich vom „Gott der Verirrten“ verfolgt und beginnt, Stimmen zu hören oder sich mit Tom Gordon zu unterhalten, der sie schließlich tatsächlich auf ihrer Suche nach einem Weg zurück in die Zivilisation zu begleiten scheint. Und am Ende ist es eben dieser Tom Gordon, der ihr hilft, den Kampf mit ihrem gefährlichen Verfolger zu bestehen, bevor sie endlich gefunden wird.

Als Leser fragt man sich, ob man an Trishas Stelle überlebt hätte, inwieweit man physisch und psychisch für einen solchen Überlebenskampf gerüstet ist. Für mich war es damals einfach nur eine weitere spannende Geschichte, bei der nicht sicher war, ob sie gut ausgehen würde. Was für deutsche Leser ein wenig störend sein könnte, sind die zahlreichen Verweise auf Baseball und dessen Taktiken und Würfe, die für Amerikaner kein Problem sein dürften, hier aber weniger bekannt sind. Aber so ist das bei übersetzten Büchern eben, dass die Einbürgerung nicht immer ganz einfach ist und diese kleine EInschränkung ist wirklich das einzige, was es an dem Roman zu meckern gibt. Wer mal einen anderen King kennenlernen möchte – oder wer ihn noch immer für einen mittelmäßigen Schreiberling von Gruselschund hält -, dem sei „Das Mädchen“ aufs Herzlichste empfohlen.

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