Ein Monat - ein Buch

Dezember 2011: Daniela Krien – Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Dieses Buch las ich kurz nach einem anderen DDR-Roman, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, sodass ich mich für die letzten Monate 2011 fest in jener Epoche, der Wendezeit, befand. Obwohl im Unterschied zu „Zeiten des abnehmenden Lichts“ der Roman von Krien die Zeitgeschichte eher am Rande berührt. Es geht im Kern um die heftige Liebe zwischen einem jungen Mädchen und einem älteren Mann, wie sie überall und zu jeder Zeit geschehen könnte.

Quelle: literaturhaus-muenchen.de

Die Handlung ist in einem kleinen Dorf unweit der deutsch-deutschen Grenze angesiedelt. Aus der Ich-Perspektive erzählt die sechzehnjährige Maria vom Sommer 1990, den sie mit ihrem ersten Freund, Johannes, erlebt. Ihre Familienverhältnisse sind nicht die besten, weshalb sie mit Johannes auf dem Dreiseitenhof seiner Eltern wohnt, wo drei Generationen unter einem Dach leben und arbeiten. Sie genießt das heiße Wetter und liegt lieber mit Dostojewskis „Brüder Karamasow“ im Schatten oder in der Kammer unterm Dach bzw. hilft Johannes‘ Mutter im Haushalt mit, statt in die Schule zu gehen. Hinter den Bahnschienen in einiger Entfernung liegt der Henner-Hof, der namensgebende Besitzer ist um die 40 und ein Eigenbrötler, der von den übrigen Dorfleuten eher gemieden wird. Aber auf Maria macht er einen seltsam faszinierenden Eindruck und das hübsche, braungebrannte Mädchen mit dem langen schwarzen Zopf merkt bei zufälligen Begegnungen, dass sie auch Henner nicht einerlei ist. So kommt es, wie es kommen muss: Die beiden beginnen eine heimliche Affäre. Obwohl Maria noch mit Johannes zusammen ist (er entscheidet sich in dieser Zeit, Fotograf zu werden, und widmet seiner Freundin weniger Aufmerksamkeit als früher) und ihn wirklich gern hat, sind ihre Gefühle für Henner heftiger, die Beziehung leidenschaftlicher, aber auch obsessiver. Ihr wird schnell bewusst, dass sie die einzige Bezugsperson von Henner ist, sodass sich eine gegenseitige Abhängigkeit entwickelt, über die Maria keine Kontrolle mehr hat. Sie befindet sich in einem Zwiespalt zwischen zwei Männern, in einem Übergangsprozess, wo sie noch nicht weiß, was eigentlich werden soll – genau wie das Land, in dem sie lebt (einmal fährt sie mit Johannes in die BRD hinüber, ein surreales Erlebnis für Maria). Und als sie endlich eine Entscheidung fällt, kommt es zu einem Unglück, das niemand vorhergesehen hat…

Der Erzählton ist schnörkellos, unverblümt und beschwört mit wenigen Worten die Atmosphäre dieses Sommers auf dem Land herauf sowie die emotionalen Höhen und Tiefen, die das Mädchen durchmacht, und die fast schon zu viel für ihr Alter sind. Genauso ist Henner eigentlich zu viel für sie, zu grob und mit einer Lebensgeschichte, die sein Verhalten zwar erklärt, aber nicht einfacher macht. Maria wird in diesem Sommer erwachsen, und selbst wenn der Schicksalsschlag am Romanende sie hart trifft, zweifelt der Leser nicht daran, dass sie gestärkt aus der Geschichte hervorgehen wird. Und wenn sie damals über das Geschehene schweigen musste, so ist nun dieses „irgendwann“ gekommen, um davon zu erzählen. Das Buch ist nicht allzu dick, um die 250 Seiten – gern hätten es noch mehr sein können, denn es ist so spannend und gut lesbar, dass man kaum davon wegkommt. Eine unbedingte Empfehlung und, wie erwähnt, in Kombination mit Eugen Ruges Buch gelesen, bietet es eine ganz neue Sichtweise auf das Leben am Ende der DDR, wahrgenommen von einem anfänglich naiven Mädchen, das tausend andere Dinge im Kopf hat außer die politischen Umwälzungen und uns deshalb den Alltag in dieser Zeit umso näher bringt. Und eine Liebesgeschichte wie diese liest man auch nicht allzu oft, ohne Kitsch und ohne falsche Scham, stark empfunden und unvergesslich.

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