Ein Monat - ein Buch

November 2004: D. H. Lawrence – Lady Chatterley

Puh, wie schreibt man über ein solches Buch, ohne die Grenzen der Sittlichkeit und eigenen Scham zu verletzen? Wir sind zwar keine kleinen Mädchen mehr, die bei dem „Wort mit den drei Buchstaben“ Kicheranfälle bekommen, aber es ist auch kein Thema, worüber man mal eben so beim Mittagessen spricht (kommt natürlich darauf an, mit wem man am Tisch sitzt). Während meiner Auslandszeit kannte ich jemanden, der in diesem Bereich noch recht unerfahren und ängstlich war und bei einem gemeinsamen Bibliotheksbesuch kramte ich für diese Person „Lady Chatterley“ heraus. Ich weiß nicht, ob es etwas geholfen hat, aber ich glaube, dass man auf jeden Fall auf den Appetit gebracht wird. Und das ist ja schon mal keine schlechte Bewertung für ein Buch. Es mag nicht den Sex-Ratgeber ersetzen, aber die anschaulichen und detaillierten Beschreibungen sind vor allem für jüngere Menschen recht interessant und inspirierend. Also war ich mit 16 genau im richtigen Alter dafür. Obwohl ich es seitdem nicht mehr gelesen habe, kann ich mich noch gut an die einzelnen Szenen erinnern – was vielleicht daran liegt, dass ich damals bestimmte Stellen mehr als einmal las.

Quelle: http://www.blogcitylights.com

Von allen Einbänden, die man bei der Suche nach „Lady Chatterley’s Lover“ angezeigt bekommt (ganz zu schweigen von anderen Bildern), gefiel mir dieses im Jugendstil am besten

Wer die Geschichte noch nicht kennen sollte: Constance (oder Connie), mit einem adligen, leider im 1. Weltkrieg versehrten und dadurch impotenten Mann verheiratet, wird von diesem ermutigt, sich einen Liebhaber zu suchen. Es war allerdings nicht gedacht, dass ihre Wahl nach einer kurzen, unbefriedigenden Affäre mit einem Schriftsteller auf den Wildhüter Oliver Mellors fallen würde – auch Constance versteht ihre anfänglich widerstrebende Faszination für diesen ungehobelten, einfachen Kerl nicht. Neben dem heftigen sexuellen Zusammenprall gibt es also auch noch einen Clash of Classes/Cultures. Und beide verlieben sich mehr, als sie das ursprünglich planten. So sehr, dass sowohl die mittlerweile schwangere Constance als auch ihr Liebhaber die Scheidung einreichen (Oliver hatte noch eine Frau, mit der er jedoch längere Zeit keinen Kontakt mehr hatte), um anschließend gemeinsam zu leben.

Lawrence verstand das Buch „als Plädoyer für eine Balance zwischen Geist und Körper“ – weg von den reinen Kopfmenschen, hin zur Sinnlichkeit. Connies Leidenschaft wird geweckt, als sie den Wildhüter besucht und ihn bei einfachen, körperlichen Beschäftigungen beobachtet: Holz hacken, essen, waschen. Hatte sie vorher fast ausschließlich Umgang mit Intellektuellen, kommt sie nun zum ersten Mal in Kontakt mit einem „einfachen“, erdverbundenen Menschen, der sie daher umso besser in alle Geheimnisse der körperlichen Liebe einweisen kann. Natürlich ist das klischeehaft, aber so war nun einmal Lawrence‘ Philosophie und in den 1920ern lag er damit sicher stark im Trend (ich denke da an die Wandervogelbewegung – wie eine Freundin so schön sagte: „Die einen wandern, die anderen…“), obwohl der eigentliche Skandal erst nach seinem Tod 1930 entstand. In Großbritannien war die unzensierte Fassung bis 1960 nicht erhältlich, dies wurde nur durch ein vom Penguin Verlag angetrengtes Gerichtsverfahren aufgehoben. In dieser Zeit war das Buch erstmals auch in (West-) Deutschland allgemein erhältlich. Zum Zeitpunkt des Erscheinens einer ersten deutschen Übersetzung rezensierte Tucholsky „Lady Chatterley“ und fand es ungenügend, zu banal und bei weitem nicht so skandalös wie erwartet:

Es langt nicht. Es wird nirgends gezwinkert, nirgends, das ist eine große Leistung – aber es langt nicht. Einmal treibt die Frau mit dem Förster jenen kleinen Fetischismus, der normal ist … die Szene wirkt nicht unappetitlich, sie wirkt ein wenig albern. Das sei so in Wirklichkeit? Dann fehlt hier aber viel. Und es ist sehr bezeichnend für das künstlerische Unvermögen Lawrences, dass er jene Nacht, in der die Frau wirklich zur Frau wird, nicht beschreiben kann. Die ersten Sätze sind gut: »In der kurzen Sommernacht lernte sie so viel. Sie hatte gedacht, eine Frau würde dabei sterben vor Scham. Statt dessen starb die Scham« – aber dann wird es ganz banal, ganz trivial, ganz Leihbibliotheksroman. »So! Also so war das! Das war das Leben!« Du lieber Gott – Kompliziert wird die Sache noch dadurch, dass der Übersetzer die Sprache des Försters, der im Original einen mittelenglischen Dialekt spricht, mit einer Art Gebirgsbayerisch wiedergegeben hat. Und in dieser Mundart nun erotische Eindeutigkeiten … es ist etwas Furchtbares. Ob das nun an dieser Sprache liegt oder an meinem Ohr … Neulich haben sie mir ein Buch über den bayerischen Dialekt zugeschickt. Ich habe es nicht besprochen; vielleicht habe ich für diesen Charme, Berlin anzuflegeln und gleichzeitig neckisch eine Besprechung zu erbitten, nicht das richtige Verständnis. Jedenfalls: die Partien des Försters habe ich nicht ohne eine leichte Übelkeit gelesen. Dazu kommt, dass Lawrence nicht viel von den sieben Arten der Liebe weiß; sein erotisches Repertoire ist noch kleiner als das der Natur.

Ja, ja, Dialektübersetzungen sind so eine Sache, das weiß ich nur allzu gut, und bei falscher Anwendung hat das Ergebnis die von Tucholsky beschriebene Wirkung. In späteren Ausgaben wurde dieser Schnitzer jedenfalls behoben (allerdings verstand ich damals nicht – und weiß es noch immer nicht recht – was Oliver meint, wenn er von einer „guten Fud“ spricht, sollte es im Original „good fuck“ heißen?). Und heutzutage, in unserer ach so aufgeklärten Zeit, lässt ein Buch wie „Lady Chatterley“ wahrscheinlich nicht einmal mehr Teenager erröten. immerhin haben wir jetzt „Shades Of Grey“, das vielleicht  diese Aufgabe erfüllt. Aber seinen Platz als Klassiker der Erotikliteratur hat „Lady Chatterley“ auf jeden Fall sicher. Was ich auch noch empfehlen kann: „Fanny Hill – Memoiren eines Freudenmädchens“. Über 200 Jahre älter als Lawrences Buch, doch seinerzeit ebenso skandalös, da an bestimmten Stellen ebenso explizit. Enjoy.

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