Ein Monat - ein Buch

August 2000: Tilde Michels – Freundschaft für immer und ewig?

Auf dieses Buch wurde ich in der Schule aufmerksam, weil sich ein Auszug daraus in unserem Lesebuch befand, das war noch zu Grundschulzeiten, glaube ich. Ich weiß noch, wie im Text das Jahr 1939 genannt wurde und die Lehrerin fragte, ob wir wüssten, was damals geschehen sei – ich meldete mich ganz stolz und sagte: „Beginn des 2. Weltkriegs“. Die Thematik des Buches interessierte mich und so war ich erfreut, es in der Kinderbibliothek zu finden.

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Quelle: amazon.de

Die Freundschaft im Titel wird zwischen den zwei Mädchen Susi und Esther Anfang der 1930er Jahren geknüpft und sogar mit einem Ring besiegelt. Dass Esther Jüdin ist, ist zu diesem Zeitpunkt für beide nicht weiter relevant. Natürlich bekommen sie zu Hause und auf der Straße die politischen Veränderungen mit und ein älterer Nachbarsjunge trägt voller Stolz die Armbinde mit dem Hakenkreuz und krakeelt rechte Parolen (wer ihm kontert, bekommt den Spruch „Dbddhkp“ zu hören – Abkürzung für „Dumm bleibt dumm, da helfen keine Pillen“). Doch insgesamt erleben sie eine schöne gemeinsame Zeit, bis es ihnen immer schwerer gemacht wird, zusammen zu sein, sei es durch die Schule oder durch die Eltern. – Unter folgendem Link findet sich ein Auszug aus dem Buch, in dem eine neue, nazitreue Lehrerin in die Klasse kommt und Esther sofort stigmatisiert wird, weil sie den Hitlergruß nicht mitmachen will. – Esthers Vater entdeckt, dass auf ihrem Freundschaftsring ein Hakenkreuz eingraviert ist und redet ein ernstes Wort mit seiner Tochter. Bald darauf emigriert die Familie Mendelsohn ins Ausland.

Diese bisweilen sehr traurige Geschichte ist ein ausgezeichneter Weg, um Kinder mit der Holocaust-Thematik und dem Dritten Reich bekannt zu machen. Vor allem wird deutlich, wie Menschen, die vorher Nachbarn und Freunde waren, plötzlich zu Feinden erklärt werden, ohne dass wirklich verständlich ist, was sie dazu macht (zumindest die unvoreingenommenen Kinder können es sich kaum erklären). Das Buch ist auch eine Zeitreise in eine Welt, die heutigen Kinder noch fremder anmuten muss als mir, die in den 1990ern aufgewachsen ist – ohne Internet und Handy scheint ein Existieren gar nicht mehr möglich zu sein. Beispielsweise kommt in einer Szene ein Pferdewagen mit einer Ladung Eisstangen für die damaligen Eisschränke angefahren, der Kutscher schlägt ein Stück der Stange ab und die Kinder stürzen sich auf die abgesplitterten Stückchen, um sie zu lutschen. Oder all die Kinderspiele wie Reifenschlagen, Gummihopse oder Hüpfekästchen…

Die Kinderbuchautorin und Übersetzerin Tilde Michels wurde 1920 in Frankfurt/Main geboren und erlebte somit die von ihr beschriebene Zeit hautnah mit. Ihr bekanntestes Buch ist vermutlich „Kleiner König Kalle Wirsch“. Sie verstarb im Jahr 2012.

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