Ein Monat - ein Buch

Februar 2005: Max Frisch – Homo faber

Schon die erste Seite dieses Romans irritierte mich – ich stolperte über das Wort „Zopilot“. Was bitte schön sollte das sein, war es ein Rechtschreibfehler und es handelte sich um „Zoopiloten“? (Andererseits ergab das auch keinen Sinn, was machten Piloten im Zoo?) Irgendwie kam ich dann darauf, dass sich hinter dem Namen eine Geierart verbirgt. Von dieser kleinen Anfangsschwierigkeit ließ ich mich jedoch nicht weiter stören und entdeckte ein Buch, das mich noch heute zum Schwärmen bringt. Ich habe „Mein Name sei Gantenbein“ probiert und nicht verstanden, seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr mit Frisch, aber „Homo faber“ ist ausgezeichnet.

Quelle: g-rav.de

Der Titel bezieht sich zum einen auf das anthropologische Bild des „arbeitenden“, „handwerkerisch tätigen“ Menschen, den „homo faber“. Nun haben wir es im Roman zum anderen auch mit einem Menschen namens Faber zu tun, Walter Faber, ein Ingenieur mit einer sehr rationalen, nüchternen Sicht aufs Leben.

Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. […] Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genügt mir. (Quelle)

Eine Notlandung in der mexikanischen Wüste (wo er die Zopilote sieht) und das anschließende Auffinden eines alten Freundes, der sich erhängt hat, sind die ersten Hinweise auf Risse in seinem Weltbild. Besagter Freund Joachim hatte Faber einst seine Jugendliebe ausgespannt und geheiratet, was den nun 50-jährigen noch immer beschäftigt – zumindest insofern, als er vor einer Ehe mit seiner derzeitigen Partnerin in New York zurückschreckt. Ohne sie unternimmt er per Schiff eine Reise nach Europa und lernt unterwegs die junge, lebenslustige Sabeth (ein weiterer Name, der mich irritierte, er leitet sich schlicht und einfach von Elisabeth ab) kennen. Unwillkürlich fühlt sich Faber von ihr angezogen und verliebt sich in sie. Nach einem ersten Abschied treffen sie sich in Paris wieder und Faber begleitet Sabeth auf ihrer Fahrt nach Athen, wo sie ihre Mutter besuchen möchte. Bei der Ankunft in Athen stellt er dann fest, dass er die Mutter sehr gut kennt: es ist eben jene Jugendliebe Hanna, die ihn vor über 20 Jahren verließ. Zwar wusste er, dass sie zu dem Zeitpunkt schwanger gewesen war, doch glaubte er, sie würde abtreiben und tatsächlich ließ Hanna auch Sabeth stets in dem Glauben, ihr Ehemann Joachim sei ihr Vater. Vielleicht will Faber es auch nicht wahrhaben, jedenfalls begreift er erst viel zu spät, dass er ein inzestuöses Verhältnis mit seiner eigenen Tochter eingegangen ist… Die Geschichte endet in der unvermeidlichen Katastrophe, die Faber die Nichtigkeit seines bisherigen Weltbilds vor Augen führt und ihn gleichzeitig zwingt, sein Leben zu ändern – nicht zuletzt deshalb, weil er am Schluss mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird.

Dies alles hält Faber in der Ich-Person in Berichten, Tagebucheinträgen und Rückblenden fest, mitunter ist die chronologische Abfolge nicht ganz klar, doch überwiegend erhält man eine schnörkellose Aufzeichnung des Geschehens. Im Gegensatz zu anderen Büchern „ernsthafter“ Autoren (ich denke da an Hesse oder Lenz) fand ich „Homo faber“ sehr leicht zu lesen, nie langweilig und außerordentlich interessant. Frisch zeigt wieder einmal, wie blind man sein kann, wenn man nur will – der alte Spruch „Liebe macht blind“ stimmt nur bedingt, es ist immer eine aktive (möglicherweise unbewusste) Entscheidung, nicht nachzufragen oder nicht nachzudenken, wenn man sich in einem irrationalen Zustand wie Verliebtsein befindet Die schicksalhafte Verkettung von Zufällen, an die Faber bislang nicht geglaubt hatte, erinnern fast an eine griechische Tragödie (am offensichtlichsten natürlich an „Ödipus“), die mich in ihrer Wucht und Dramatik sehr faszinierte. Vermutlich blieb sie mir deshalb bis heute so gut im Gedächtnis.


Eine Szene aus der Verfilmung von Volker Schlöndorf, mit Julie Delpy als Sabeth und Sam Shepard als Faber

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