Ein Buch - mehrere Monate/Ein Monat - ein Buch/Einmal und nie wieder

Mai 2005: James Joyce – Ulysses

Mein ultimatives Hassbuch. „Der Mann ohne Eigenschaften“ war auch schlimm, aber wenigstens schrieb Musil seinen Roman in einem formal verständlichen Stil, wechselte nicht ständig den Texttyp, versuchte nicht, „Die Odyssee“ an einem Junitag 1904 in Dublin nachzuspielen – und das Ergebnis wird auch nicht immer als unglaublich geniales Meisterwerk der modernen Literatur gefeiert. All dies und noch viel mehr machte „Ulysses“ zur mühseligsten Lektüre, die ich je erlebt habe. Gut, vielleicht war ich mit 17 zu jung dafür, hatte keine Geduld, war nicht genügend experimentierfreudig, whatever. Andererseits, wenn ein Buch wirklich gut ist, dann sollte man doch in jedem Alter einen Zugang dazu finden, wenn nicht über die Sprache, dann über die interessante Handlung, spannungsvolle Charaktere etc. Zumindest darf man aber ein einigermaßen lesbares Buch erwarten, wo man nicht ständig stolpert bzw. unablässig geistige Bocksprünge vollbringen muss. Denn dann bleibt der Spaß auf der Strecke und Lesen soll ja primär ein Hobby, eine Entspannung sein. „Ulysses“ war nicht das erste und nicht das letzte Buch, bei dem dies nicht zutraf, aber hier war die Unlust am größten – ich musste zwischen ersten und zweiten Band eine Pause einlegen und nur mein Stolz ließ mich das Werk beenden. Bei mir ist es so, dass ich manches nur lese, um sagen zu können: Ja, kenne ich. Weil es irgendwie zur Bildung dazugehört, genau wie man in meinen Augen bestimmte klassische Musikstücke gehört haben, an bestimmte Orte gereist sein sollte…

Aber ich schweife ab. Vielleicht ist für alle Noch-Nichtleser eine knappe Inhaltsangabe nötig: Der Roman deckt einen kompletten Tag (den 16. Juni 1904, seitdem „Bloomsday“ genannt) im Leben des Dubliner Anzeigenhändlers Leopold Bloom sowie des jungen Stephen Dedalus ab. Und zwar ganz ausführlich, vom Klogang über ein Begräbnis und einen Flirt am Strand bis hin zum nächtlichen Besäufnis und Bordellbesuch. Der Roman schließt mit dem berühmten „Monolog der Molly Brown“, in dem Leopolds Frau auf über 50 oder mehr Seiten ihren Gedanken nachhängt, während sie im Bett liegt und nicht einschlafen kann. So überlegt sie beispielsweise, ob sie ihren Geliebten (oder ihren Mann? Oder beide?) mit einer Intimrasur überraschen sollte. Bloom kommt nach seiner Odyssee durch Dublin erst am frühen Morgen heim. Ein Ausschnitt aus diesem Nachhausekommen liest sich folgendermaßen:

„Welche Handlung führte Bloom beim Eintreffen an ihrem Bestimmungsort aus?“
„Auf der Haustreppe der 4. der äquidifferenten ungeraden Nummern, Eccles Street Nummer 7, führte er mechanisch die Hand in die Gesäßtasche seiner Hose, um den Wohnungsschlüssel herauszuholen.“
„Befand dieser sich dort?“
„Er befand sich in der entsprechenden Tasche der Hose, welche er am vorvorangegangenen Tage getragen hatte.“
„Warum wurde er hierdurch doppelt zum Zorn gereizt?“
„Weil er vergessen hatte und weil ihm einfiel, daß er sich zweimal gemahnt hatte, nicht zu vergessen.“
„Welche Alternativen boten sich nunmehr dem vorsätzlich und (respektive) schlüssellosen Paar?“
„Rein oder Nichtrein. Klopfen oder Nichtklopfen.“ (Quelle)

Es soll wohl Parallelen zum Homer-Text geben, so würde die Episode mit Circe der Bordellszene entsprechen und Molly wäre Penelope, die zu Hause auf ihren Gatten wartet (seine Rückkehr nach Ithaka durch den vergessenen Schlüssel erschwert). Das habe ich bei der Lektüre aber aus Unkenntnis nicht beachtet. Der Lesefluss wird in meinen Augen noch durch die wechselnden Textsorten erschwert. So ist ein Kapitel in Form von Zeitungsmeldungen verfasst, das Wachsen eines Kindes im Mutterleib spiegelt sich in einer sprachlichen Entwicklung wider, der Besuch im Rotlichtmilieu ist als Theaterstück geschrieben – nahezu unverständlich – und Mollys Gedankenstrom besteht quasi aus einem einzigen unendlichen Satz. Man muss sich darauf einlassen, man muss Zeit mitbringen und Freude an Sprachspielen haben. John Lennon liebte das Buch, Johnny Depp trägt ein anderes Joyce-Werk, „Finnigan’s Wake“, stets bei sich. Mir tut es von Herzen leid, dass sich unsere Präferenzen da nicht überschneiden, aber ich werde keinen neuen Versuch unternehmen. Mag ihn lesen, wer lustig ist, ich bin fertig mit Joyce.

NB: Einer, der es jahrelang immer wieder versucht hat und am Ende erfolgreich, sogar beglückt bis zu den letzten Worten gelangt ist („and then I asked him with my eyes to ask again yes and then he asked me would I yes to say yes my mountain flower and first I put my arm around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will YES.“), beschreibt seine Erfahrung in einem Blog. Vielleicht sollte ich mich doch noch einmal daran wagen, wenn ich Rentner bin und nichts Besseres zu tun habe…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s