Ein Monat - ein Buch

Oktober 2011: Emma Donoghue – Raum

„Raum“ war eines der ungewöhnlichsten Bücher, das ich 2011 las, vielleicht sogar eines der thematisch und stilistisch bemerkenswertesten Bücher überhaupt in meiner Leseliste. Nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder schreckliche Berichte von Vergewaltigern durch die Medien gingen, die ihre Opfer entführten und jahrelang einsperrten, wird hier ein solcher Fall geschildert – nicht aus Sicht des Täters, nicht aus Sicht des eigentlichen Opfers, sondern von einer dritten Person: dem Kind, das durch die Vergewaltigung gezeugt und von der gefangenen Mutter in ihrem Versteck zur Welt gebracht wurde. Für Jack existiert keine andere Welt außer diesem einem „Raum“, einer Art umgebauten Gartenlaube, wo der mittlerweile fünfjährige Junge mit seiner Mutter lebt und wo seine Freunde Trickfilmfiguren und eine Eierschalenschlange sind.

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Quelle: schweizer-illustrierte.ch

Da die Geschichte gänzlich in den Worten des kleinen Jungen erzählt wird, muss man sich das tatsächlich Geschehene anfangs etwas mühsam selbst zusammen reimen. Andererseits gibt es oft herzzerreißende Szenen, wenn die Mutter ihm beispielsweise erklärt, dass alles im Fernsehen gezeigte gar nicht existieren würde – sie bringt es nicht übers Herz, ihm von der Welt draußen zu erzählen, weil sie nicht weiß, ob Jack sie jemals sehen wird. Jeder Gegenstand im Raum hat fast eine eigene Persönlichkeit und Jack benennt sie, als gäbe es nur dieses eine Exemplar (z. B. „Ich liege auf Teppich“), und in seiner Welt ist dies ja auch so. Mutter und Sohn haben durch die räumliche Begrenztheit eine außergewöhnlich enge Beziehung und tägliche Rituale, sie machen z. B. zusammen Sport, lesen Bilderbücher und abends darf Jack, obwohl schon 5, noch immer an ihre Brust. Anschließend muss er zum Schlafen in den Schrank, weil am späten Abend der Entführer vorbeikommt. Er soll den Kleinen nicht sehen und umgekehrt auch nicht (sie nennen ihn „Old Nick“, im Englischen ein Synonym für den Teufel) und er bringt Lebensmittel sowie ab und zu kleine Extragaben, für die die Mutter aber sehr betteln muss, z. B. ein neues Buch für Jack. Für die selbst noch recht junge Frau ist es eine unheimliche Herausforderung, unter solchen Umständen ein Kind groß zu ziehen, es zu fördern und dafür zu sorgen, dass es geistig und körperlich nicht verkümmert. Vor Jack hatte sie bereit ein Baby, das jedoch starb. Heftige Zahnschmerzen machen sich ebenso oft bei ihr bemerkbar wie ihre verständlicherweise tiefen Depressionen und die Verzweiflung ob der ewigen Monotonie und Ausweglosigkeit ihrer Lage. Solche dunklen Stimmungen überschatten Jacks – man muss es so sagen – ansonsten glückliches Leben. Es ist geordnet, er hat seine Bezugsperson und weil er es nicht anders kennt, fehlt ihm nichts. Als seine Mutter irgendwann einen Plan entwirft, um mit seiner Hilfe einen Ausbruchsversuch zu unternehmen und Jack deshalb von der Außenwelt zu erzählen beginnt, kann er das zuerst gar nicht begreifen, wird regelrecht zornig und will auch nicht dorthin. Schließlich kann sie ihn doch überreden, sich erst krank und später tot zu stellen, sodass „Old Nick“ die vermeintliche Leiche, in einem Teppich eingewickelt, hinausbringt, um sie zu begraben. Der Moment, als Jack von seinem Pickup-Truck springt und aufmerksame Passanten den merkwürdigen Jungen (er hat langes blondes Haar und eine ganz helle Haut aufgrund des fehlenden Sonnenlichts) vor seinem Verfolger retten, ändert sein Leben von Grund auf. Seine Mutter wird mit ihrer Familie vereint, die er nicht kennt, und alles ist so neu und ungewohnt, dass sein Wunsch, in den vertrauten Raum zurückzukehren, nicht verwunderlich ist. Für seine Mutter ist die neue Situation mit der plötzlichen Freiheit, dem Medienrummel und den vielen Fragen zu ihrem Leben im Versteck auch alles andere als einfach…

Man muss dieses Buch lesen, die Zusammenfassung wird den vielen kleinen Details, die zur Monstrosität dieser ergreifenden Geschichte beitragen, nicht gerecht. Es ist unglaublich, mit welcher Disziplin und Fantasie sich Jacks Ma bemüht, damit ihr Sohn in dieser absoluten Ausnahmesituation so normal aufwachsen kann, wie das eben möglich ist – weil auch der Wahnsinn irgendwann zum Alltag wird. Jacks Sprache ist anfangs gewöhnungsbedürftig, in seine Sprache schleichen sich des öfteren Grammatikfehler, sie ist voller Onomatopoesie und (evt. unbeabsichtigten) Sprachspielen wie „Scherztabletten“ statt „Schmerztabletten“. Er ist eben nur ein fünfjähriger Junge, wenn auch sehr intelligent für sein Alter. Seine naive, unvoreingenommene Sichtweise lässt das Schreckliche (genau wie das für uns Selbstverständliche in der Außenwelt, die er erst nach und nach, ganz langsam, erforschen muss) nur stärker hervortreten. Ich habe „Raum“ verschlungen, darüber gelacht und geweint, und hege große Bewunderung für die Autorin, die sich so perfekt in ein Kind in einer solchen Lage hineinversetzen und ihm eine Stimme geben kann. Eine absolute Leseempfehlung.

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