Lieblingsbücher

Hunter Davies – Die Beatles – A Hard Day’s Night

Der 13. November ist mein ganz persönlicher Feier- und Gedenktag: Es ist der Tag, an dem ich mir 2002 die Beatles-Biografie von Hunter Davies aus der Bücherei auslieh, womit mein Dasein als Beatles-Fan begann – ein absolut prägendes Erlebnis, das mein Leben veränderte und definierte. Ich liebe es, diese Geschichte zu erzählen: Wie ich mir zwei Tage zuvor im Sportunterricht beim Basketball den kleinen Finger anbrach und somit einen Gipsverband an der Hand trug. Wie an dem bewussten Mittwoch noch eine kurzfristige Sitzung der Schülerzeitungsredaktion einberufen wurde, ich leichte Halsschmerzen hatte und trotzdem noch unbedingt in die Bücherei musste, weil etwas abzugeben war. Oh, und ein Geschenk für eine Schulfreundin musste ich auch noch kaufen. Alles in allem ein grauer Tag, der unvermuteten Glanz erhielt. Nun war ich schon länger um diese Biografie in orangefarbenem Pappeinband geschlichen, traute mich aber nie so recht, sie mitzunehmen. Ich hatte die Beatles im Sommer davor für mich entdeckt, wie gut sich zu ihren Songs tanzen lässt, welch gute Laune man davon bekommt. Trotzdem war es fast eine Mutprobe, das Buch auszuleihen. Diese frühe Teenagerphase, wo einem alles peinlich vorkommt, und in meinem Alter war es doch total uncool, sich für so eine Oldiesband zu interessieren… So dachte ich damals jedenfalls und das war auch der Grund, weshalb ich mich lange nicht zu meinem Fan-Dasein bekannte, zumindest nicht meinen Mitschülern gegenüber. Eine Zeit lang schrieb ich z. B. überall, ob auf meine Federtasche oder auf meine Hand, die Initialen PJGR und jeder rätselte, was sich wohl dahinter verbergen mochte. Nur meine Familie und mein Tagebuch bekamen somit die Auswüchse meiner ganz privaten Beatlemania mit, die ich zwischen 2003 bis ca. 2005 (Zitat aus der Biografie von Fan Sandy Stewart: „Ich schenkte ihm drei Jahre meines Lebens“) erlebte. Mit Freudentaumeln, wenn ein Lied im Radio gespielt wurde – weshalb ich ständig davorhing – und Wutausbrüchen, wenn ich ein solches verpasste. Ein Foto von ihnen lag des Nachts unter meinem Kopfkissen. Auf dem Nachhauseweg sang ich ihre Songs und ihretwegen wünschte ich mir meinen ersten CD-Player. „Mein Freunde“, wie ich sie bald nannte, im Fernsehen zu sehen, war das Schönste, was es gab, vor allem Paul, den ich anbetete und den ich 2004 in meinem allerersten Konzert sah (und vor Aufregung zitterte). Oh ja… Ich pflegte damals zu sagen: „Wenn ich einmal „A Hard Day’s Night“ [den Beatles-Film von 1964] gesehen habe, kann ich in Frieden sterben“ – ein treffliches Motto, sollten mich einmal Suizidgedanken plagen. Denn ja, natürlich waren die pubertären Jahre keine einfache Zeit für mich, wie für kaum jemanden, und deshalb war ich unendlich dankbar, dass ich diese Band gefunden hatte, die meine Jugend glücklicher machte, mir eine ganze Welt voller unbekannter und großartiger Musik schenkte, meine Liebe zur englischen Sprache weckte (wer weiß, ob ich ohne sie meinen jetzigen Beruf ergriffen hätte) und mir nicht zuletzt dabei halfen, meine eigene Persönlichkeit zu formen, selbstbewusst zu meinen Leidenschaften zu stehen und mich dadurch von anderen abzugrenzen. Denn irgendwann traute ich mich, stolz zu bekennen: „Ja, ich bin ein Beatles-Fan“ – da hatte ich dann ein Bild in meiner Federtasche und in meinem Spind. Und all dies begann also mit Hunts Buch, der ersten und einzigen autorisierten Beatles-Biografie…

9783854450894

Quelle: jpc.de

Es war einfach so, dass mich kein Buch zuvor so begeisterte, dass ich je so fasziniert war von einer Geschichte wie von dieser über vier (eigentlich sechs, wenn man Pete und Stu dazu zählt) Burschen aus Liverpool, die sich aufmachten, die Welt zu erobern. Das Ausgangsmaterial ist natürlich grandios, aber erst Hunter Davies‘ Stil machte daraus eine Reise zurück in die 60er, einen riesigen Lesegenuss, von dem ich nicht genug bekam. Aus diesem Buch habe ich die Grundlagen meines mittlerweile großen Beatles-Wissens und eine Handvoll herrlicher Zitate dazu. (Zum Beispiel von Jim McCartney, der sich ein Neugeborenes irgendwie anders vorstellte und von Paul enttäuscht gewesen sein muss: „Als ich nach Hause kam, habe ich zum ersten Mal nach vielen Jahren geweint“ – oder vielleicht vor Glück? Dagegen sagte Sandy, der US-Fan: „Ich empfand ihn einfach als unglaublich schön“ – sie sprach mir aus dem Herzen.) Die Originalausgabe von 1968 erzählt im ersten Teil ihre Laufbahn, von der Kindheit und Jugend in Liverpool über die spannende, wilde Zeit in Hamburg bis zum Durchbruch, dem weltweiten Wahnsinn, den kräftezehrenden Touren und schließlich dem Rückzug ins Studio. Im zweiten Teil wird der Prozess des Songschreibens (der Autor war z. B. dabei, als „Getting Better“ oder „With A Little Help From My Friends“ entstanden) und während der Studioaufnahmen beleuchtet, Freunde, Weggefährten und Eltern werden interviewt und es wird quasi eine Bestandsaufnahme der Situation 1967 gemacht, die aber zum Erscheinungspunkt ein Jahr später schon wieder veraltet war. Eben solche Momentaufnahmen finden sich auch in den vier Interview- und Porträtkapiteln in dritten Teil, wo der Autor jeden der Musiker zu Hause besucht und z. B. einen typischen Abend „chez Lennon“ beschreibt. Paul philosophiert über verschiedene Lebensphasen („Jetzt sind wir A plus bunte Hemden, irgendwann ist man A plus tot“) und George zeigt durch ständige Wiederholung des Worts „ficken“, wie sinnentleert und darum überhaupt nicht anstößig es eigentlich ist. Wenn man die Beatles-Story schon in- und auswendig kennt, ist dieser Teil sicher der interessanteste, weil er widerspiegelt, was die Beatles in dieser Zeit (ca. der Entstehungsperiode von „Sgt. Pepper“ und der Maharishi-Phase) dachten und womit sie sich beschäftigten.

Quelle: rebuy.de

Die von mir so vergötterte Ausgabe war aus den 1990ern und enthält eine längere Einleitung sowie ein Nachwort aus den 80ern, mit vielen Hintergrundinformationen dazu, wie das Buch entstand und was Davies alles nicht reinschreiben durfte (Groupies, Drogen, Brians Epsteins Homosexualität…) bzw. was er auf Geheiß diverser Personen ändern sollte – Johns Tante Mimi etwa bestand auf den Schlusssatz „Den ganzen Tag war er fröhlich.“ im Kapitel über Johns Kindheit, weil sie diese Zeit besonders verklärte. Mittlerweile wurde ein weiteres Update nötig, sodass der letzte Stand von 2002 ist. Dies ist die Ausgabe, die ich zu Hause habe, obwohl ich offen gestanden lieber die ältere, orangefarbene hätte, schon wegen des vertrauten Umschlags. Vielleicht kaufe ich sie mir noch eines Tages antiquarisch. Der Autor, Hunter Davies, hat übrigens ein breites Themengebiet, u. a. ist er großer Fußballfan und verfasste eine Biographie über Paul Gascoigne, aber auch eine über William Wordsworth, und sein Buch „Lists: An Intriguing Collections of Facts and Figures“ klingt ebenfalls sehr spannend. Ein Wort muss noch zu den Übersetzern gesagt werden, die gute Arbeit geleistet haben: Johns witzigen Artikel über die „dubious Origins of Beatles“, der 1961 im „Mersey Beat“ erschien, fand ich auf Deutsch noch lustiger – „Zitat! Jungchen, kauf dir eine Bassgitarre und du hast ausgesorgt!“ oder „Kurz darauf verhaftete die Gestapo meinen kleinen Freund George Harrison, weil er erst 12 und in Deutschland noch nicht wahlberechtigt war.“ Allerdings musste ich mich erst an den Jugend-Slang der 60er gewöhnen und wusste z. B. nicht, was „Zähne“ sind (nicht die im Mund). So könnte ich noch stundenlang weiterschreiben über mein Lieblingsbuch, denn das ist es wohl, zumindest das, welches mein Leben am meisten verändert hat. Auch wenn meine Liebe für Paul irgendwann an Intensität verlor und ich entdeckte, dass andere Interpreten auch großartige Musik machen, werden die Fab Four immer meine Nummer Eins bleiben. Seit jenem magischen November 2002 sind die Beatles meine große, ewige Konstante im Leben. Amen.

NB: 2005 sah ich zum ersten Mal „A Hard Day’s Night“ und seitdem viele weitere Male, sodass ich jetzt theoretisch beruhigt sterben könnte… Aber keine Angst, es gibt noch so viel mehr, was ich erleben möchte!

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