Ein Monat - ein Buch

Mai 2006: Fjodor M. Dostojewski – Schuld und Sühne

Vor einigen Jahren gab es einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Die Frau mit den fünf Elefanten“. Darin ging es um die Übersetzerin Swetlana Geier, die Dostojewskis Romane – wegen ihres Umfangs „Elefanten“ genannt werden – ins Deutsche übertragen hat, eine Art Lebensaufgabe. Mein erster Elefant war im Frühling 2006 „Schuld und Sühne“, das neuerdings auch „Verbrechen und Strafe“ genannt wird (analog zum englischen Titel „Crime and Punishment“), was zwar näher am Original ist, aber die schöne Alliteration kaputt macht. Meine mir selbst gestellte Aufgabe lautete, die ca. 750 Seiten über die vier freien Tage zu Himmelfahrt (Wochenende mit eingerechnet) zu lesen. Ich weiß nicht mehr, warum ich es damals so eilig hatte, Tatsache war jedenfalls, dass ich es schaffte.

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Quelle: amazon.de 

Der gute alte Aufbau-Verlag: schlichter (aber pinker!) Einband, denn auf den Inhalt kommt es an

Ich brauchte einige Zeit, bis ich mir diesen Namen merken konnte: Raskolnikow. Rodion Romanowitsch Raskolnikow, ein Student in St. Petersburg, hat obskure Allmachtsphantasien. Sein Idol und Vorbild ist Napoleon, und gleich ihm glaubt er von sich selbst, eine Art Übermensch zu sein, der jede mögliche Untat ausüben kann, ohne sich wirklich schuldig zu machen. Seine Armut und gleichzeitige geistige Überlegenheit geben ihm in seinen Augen das Recht dazu, „gewöhnliche“ Menschen zu seinen Zwecken zu benutzen. So plant er den Mord an einer alten Pfandleiherin, deren Leben ihm wertlos und deren Reichtum für ihn bestimmt scheint. Der Plan wird immer mehr zu einer zwanghaften Vorstellung und schon da merkt der Leser, dass es mit Raskolnikows Verstand nicht zum Besten steht. Schließlich führt er die Tat aus, bringt mit einem Beil die Alte um und erschlägt auch ihre zufällig dazukommende Schwester, ein unschuldiges, zurückgebliebenes Wesen. Infolgedessen verschlimmert sich sein Wahn immer mehr, er bekommt Fieber und verfällt in ein mehrtägiges Delirium. Sein Gewissen plagt ihn weit mehr, als er das vor dem Mord glauben wollte. Unruhe und Schuldgefühle treiben ihn hinweg von allen Menschen und ziehen die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters Porfirij auf sich. Dessen hartnäckige Versuche, ihm die Tat nachzuweisen und Raskolnikows Schauspielerei, als er den Unschuldigen markiert, entwickeln sich zu einem psychologischen Katz- und Mausspiel, das dem Täter mehr und mehr zusetzt, obwohl es keine direkten Indizien gibt, die ihn überführen könnten. Erst die gutherzige und fromme Prostituierte Sofja, in die sich Raskolnikow später verliebt, kann ihn davon überzeugen, sich zu stellen. Sie folgt ihm nach Sibirien, wo er seine Strafe in einem Arbeitslager abbüßt. Ihre Liebe und seine Bekehrung zum christlichen Glauben stellen eine tatsächliche Erlösung (auch von all den fixen Ideen in seinem Kopf) dar.

Der Autor musste selbst in seiner Jugend aufgrund revolutionärer Umtriebe etliche Jahre in einer sibirischen Strafkolonie verbüßen, was er später in seinem Werk „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ verarbeitete. Wie Raskolnikow fand er später zum Glauben. Sofern gibt es einige autobiographische Züge im Roman, was vielleicht zu seiner andauernden Bedeutung und Einstufung als „Klassiker“ beigetragen hat. Wer auf psychologische Spannung und Einsichten in die Gedanken eines Halbwahnsinnigen steht, kommt hier voll auf seine Kosten. Auch Milieustudie, vor allem der ärmeren Schicht, wird hier großgeschrieben. Tatsächliche Handlung gibt es dafür, abgesehen von dem Mord, wenig, der meiste Teil spielt sich in Raskolnikows Kopf ab oder beschreibt seine Beobachtungen, beispielsweise wenn er den Trunkenbold Marmeladow kennenlernt (Sofja ist seine Tochter und geht nur anschaffen, weil die Familie wegen seines Lebenswandels Hunger leidet), er fiebernd durch die Straßen wandert oder seine Mutter und Schwester zu Besuch kommen. Dementsprechend war es keine Leichtigkeit, „Schuld und Sühne“ in vier Tagen durchzuackern – aber es lohnt sich, und da dicke russische Romane ohnehin zu meinen Lieblingen gehören, machte es mir nichts aus. Anschließend las ich noch zwei weitere „Elefanten“: „Die Brüder Karamasow“ und „Der Idiot“. Die zwei verbliebenen, „Die Dämonen“ und „Der Jüngling“ werden sicher eines Tages auch noch hinzukommen.

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