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September 2010: Gustave Flaubert – Salammbô

Meistens kennt der Otto Normal-Leser von Flaubert nur “Madame Bovary”, dieses lebens- und liebeshungrige, egozentrische Opfer allzu vieler romantischer Ideen. Ich grabe aber gern ein wenig tiefer und stieß dadurch auf „Salammbô“, einen unglaublich dekadenten historischen Roman, der im alten Karthago zur Zeit des Feldherrn Hamilkar Barkas spielt (für alle, die sich mit den Punischen Kriegen nicht so auskennen: ca. 240 v. Chr.). Sein Sohn war der berühmte Hannibal – nicht der Kannibale, sondern der mit den Elefanten – und seine Tochter eben jene titelgebende Salammbô. (NB: Im Deutschen wird ihr Name „Salambo“ geschrieben, aber ich ziehe die französische Schreibweise vor, sie sieht exotischer aus.)

Quelle: http://www.leninimports.com

So stellte sich der großartige Jugendstilkünstler Alphonse Mucha die phönizische Prinzessin vor.

Nachdem der erste Punische Krieg gegen die Römer zu Ende ist, kann Karthago seinen Versprechungen an die zahlreichen Söldner nicht nachkommen, die für die Seemacht gekämpft haben. Sie zerstören während eines Gelages den prächtigen Garten Hamilkars. Seine Tochter versucht, den Mob zu beruhigen, erscheint wie eine Göttin unter den Männern und einer von ihnen, Matho, verliebt sich bei ihrem Anblick unsterblich in sie. Er wird später zum Anführer des Söldneraufstands, als sie Karthago belagern, angestachelt von dem schlauen, entflohenen Sklaven Spendius. Er und Matho rauben den heiligen Schleier der Göttin Tanit, der die Stadt beschützen und jedem Frevler den Tod bringen soll. Nun, anscheinend klappt dies bei Matho und Spendius nicht so gut. Salammbô als Dienerin der Göttin fühlt sich verpflichtet, den Schleier aus dem Lager der Söldner zurückzuholen, auch um das Kriegsglück wieder auf Karthagos Seite zu bringen, nachdem die zusammengewürfelte, ungeordnete Armee der Söldner Hamilkars Truppen eingekesselt haben. Es gelingt ihr, nicht ohne zuvor in Mathos Armen zu landen, und am Ende kehrt sich das Geschick tatsächlich gegen die Aufständischen. Ihr Ende ist qualvoll, werden sie nicht gekreuzigt, lässt man sie verhungern und verdursten oder wirft sie hungrigen Löwen zum Fraß vor. Dem Anführer Matho behält man die Ehre vor, von der Bevölkerung Karthagos in Stücke gerissen zu werden. Salammbô schluckt vor ihrer Hochzeit Gift als Strafe, dass sie den heiligen Schleier berührt hat.

Wenn ich den Roman als „dekadent“ bezeichne, dann liegt das an den unglaublich farbenfrohen Beschreibungen der Pracht und des Überflusses, der im Palast vorherrscht, an den kostbaren und exotischen Gewändern der Prinzessin, auch an dieser mysteriösen Atmosphäre in den Tempeln und wie Salammbô die Mondgöttin Tanit anbetet oder in ihren Kult eingeweiht wird.

Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert und nach der Sitte der kanaanitischen Jungfrauen hochgetürmt. Es ließ sie größer erscheinen, als sie wirklich war. An den Schläfen festgesteckte Perlenschnüre hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie ein aufgesprungener Granatapfel glühte. Auf der Brust trug sie einen Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt wie das Schuppenkleid einer Muräne. Ihre diamantgeschmückten Arme traten nackt aus der ärmellosen schwarzen Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war. Zwischen den Knöcheln trug sie ein goldnes Kettchen, das ihre Schritte regelte, und ihr weiter dunkelpurpurner Mantel aus fremdländischem seltenen Stoffe schleppte hinter ihr her.

Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern halb erstickte Akkorde, und wenn diese Musik schwieg, vernahm man das leise Geklirr des Goldkettchens und das taktmäßige Klappen der Papyrussandalen Salambos.

Niemand kannte sie bis dahin. Man wusste nur, dass sie zurückgezogen in frommer Andacht lebte. Soldaten hatten sie manchmal nachts auf dem flachen Dache des Palastes gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln qualmender Räucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag. Der Mondschein hatte sie blass gemacht, und etwas Göttliches umwob sie wie leiser Duft. Ihre Augen schienen über das Irdische hinweg in weite Fernen zu schauen. Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten eine kleine Lyra aus Ebenholz.

Auf der anderen Seite hat man die Gelage der Söldner, die im ersten Kapitel eine pure Freude am Zerstören haben und später trunken von ihrem Sieg sind. Krass hervor sticht die rohe Gewalt, auf welch grausame Weise etwa die Aufständischen bestraft werden (man zwingt eine Gruppe zum Beispiel dazu, gegeneinander wie Gladiatoren zu kämpfen, doch auch die Sieger müssen anschließend sterben) und wie bereitwillig (mehr oder weniger) die Karthager ihre Kinder dem Gott Baal opfern, in der Hoffnung, dass er sich gnädig zeigen werde. So wandert eines nach dem anderen in den Ofen – um ein Haar auch der kleine Hannibal, nur ist sein Vater so schlau, statt seiner einen Sklavenjungen als seinen Sohn auszustaffieren. Dies alles sind sehr eindrückliche Szenen, die man geradezu mit allen Sinnen empfindet. Salammbô hat trotz ihrer scheuen und keuschen Art (zumindest bis Matho daherkommt) eine Verführungskraft, die sie fast auf eine Stufe mit Salome stellt, und zahlreiche Gemälde und Opern wurden von ihr inspiriert. Der Roman ist bis ins Detail recherchiert (vergleichbar mit Bolesław Prus‘ „Pharao“) und hat eine geradezu hypnotische Wirkung, die man nie vergisst. Ein großes Werk, kalt und schön wie die Sichel des Mondes.

Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich die vier Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen Sande nieder, der – ein zweiter Himmel – mit goldenen Sternen besät war. Sie drückte die Ellbogen an die Hüften, streckte die Unterarme waagerecht vor, öffnete die Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht voll ins Angesicht schien, und sprach:

»O Rabbetna … Baalet … Tanit!« Das klang wie Klagelaute, gedehnt, wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis … Astarte … Derketo … Astoreth … Mylitta … Athara … Elissa … Tiratha…. In deinen Symbolen … in der heiligen Musik … in den Furchen der Äcker … im ewigen Schweigen … und in der ewigen Fruchtbarkeit…. Herrin des düsteren Meeres … und der blauen Gestade … o Königin des Feuchten … sei mir gegrüßt!«

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