Ein Monat - ein Buch

Februar 2006: Magriet de Moor – Erst grau dann weiß dann blau

Der Titel weckt schon Aufmerksamkeit, eine Aufzählung von Farben, geschrieben ohne Kommas (Anklänge an den spanischen Film „Dunkelblaufastschwarz“), und erst während des Lesens erfährt man, worauf sie sich beziehen. Der Roman erschien 1991 und machte die Autorin über die niederländischen Grenzen hinaus bekannt. Es geht darin um Magda, die eines Tages einfach verschwindet, ohne eine Nachricht zu hinterlassen oder sich noch einmal zu melden. Bis sie zwei Jahre später genauso unvermutet wieder auftaucht und keine Erklärung gibt, wo sie in der Zwischenzeit gewesen ist, einfach weitermacht wie vorher…

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Quelle: bookcrossing.com

Aus verschiedenen, wechselnden Perspektiven – die mitunter für Verwirrung sorgen, wenn der Leser nicht weiß, wer jetzt gerade „ich“ oder „er“ ist – erzählt die Autorin die Geschichte einer Ehe, der zwischen Magda und ihrem Mann Robert, für den sie ihr Studium aufgegeben hat und der sehr besitzergreifend ist. Das Gefühl, kein eigenständiges Leben zu führen, ist der Anlass für ihre unangekündigte Reise, bei der sie auf Spurensuche geht, immer weiter zurück in ihre Vergangenheit: erst in die Cevennen, dann nach Kanada und zurück nach Europa, bis sie schließlich ihren Geburtsort Brünn wiedersieht. Durch die neu gewonnenen Erfahrungen und Erlebnisse wird Magda selbstbewusster und lässt sich nach ihrer Rückkehr nach Holland nicht mehr wie früher von Robert dominieren (sie revanchiert sich z. B. auch für seine Affären). Der dadurch entstehende Konflikt führt schließlich zur Katastrophe. Magda kann die Frage beantworten, die sie sich selbst viele Jahre zuvor stellte, als bei ihrer Überfahrt nach Kanada an Bord ein kleines Kind stirbt:

Es war ein kräftiges, schönes Baby, mit einem ruhigen, sogar ein wenig trotzigen Gesicht. Unter den Augenlidern mit den Wimpern wusste es sehr gut zu verbergen, wie es war, tot zu sein […]
Erzähl es mir, bat ich das Baby leise. Stimmt es, dass alles erst grau wird, dann weiß, dann blau, und dass man dann zu den Sternen fliegt?

Der tragische Schluss bedrückte mich sehr und ich behielt den Satz mit den Farben lange im Kopf. Auch die parallelel gezeichnete Geschichte eines befreundeten Paars, das einen autistischen Sohn hat und trotzdem eine recht glückliche Ehe führt, ist sehr gut gelungen, quasi als Gegenentwurf, wie es zwischen Magda und Robert hätte sein können. Magriet de Moor ist eine ausgezeichnete Autorin, die auch geschichtliche Themen sehr gekonnt behandelt, wie man etwa an ihren Romanen „Der Virtuose“ über einen Kastratensänger im Italien des 17. Jahrhunderts oder „Der Maler und das Mädchen“ über Rembrandt und eines seiner Modelle erkennen kann. Eine empfehlenswerte und immer interessante Schriftstellerin.

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