Ein Monat - ein Buch/Lieblingsbücher

April 2004: Michael Ende – Die unendliche Geschichte

Okay, der Buchtitel ist eine Lüge. Die Geschichte ist natürlich nicht unendlich, wir können höchstens annehmen, dass sie in Phantásien immer weitergeht, auch wenn davon nichts mehr geschrieben steht. Definitiv eines der besten Kinder- und Jugendbücher, hat sich dieser 1979 erschienene Roman zu einem echten Klassiker entwickelt, wobei die Popularität in den 80ern durch die Verfilmung noch einmal angekurbelt wurde. Ende mochte die Filmversion nicht (trotz der seinerzeit sehr beeindruckenden Spezialeffekte, die zum Teil noch in der Bavaria Filmstadt bewundert werden können) und nannte sie „Die unsägliche Geschichte“. Zitat Wiki: „Der Autor war entsetzt über das gigantische Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik. Er fühlte sich in seiner Ehre als Schriftsteller, Künstler und Kulturmensch tief verletzt.“ Aufgrund des vielen Inhalts deckt sie auch nur die Hälfte des Buches ab, also Bastians Lesen und Atréjus Reise bis zu dem Moment, da Bastian nach Phantásien kommt. Seine gesamte Entwicklung dort, die ich unglaublich traurig und anrührend fand, wurde ausgeklammert bzw. in einem 2. Teil, allerdings sehr verfremdet, aufgenommen (diese Infos habe ich aus Wikipedia, gesehen habe ich den Film nie, nur der Titelsong „Neverending Story“ gefiel mir immer ganz gut).

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Quelle: amazon.de

Bereits optisch ist das Buch interessant und wertig aufbereitet, sowohl mit der zweifarbigen Schrift, um die in Phantásien spielende Geschichte (bzw. Bastians Buch) von der „Realität“ zu unterscheiden – erstere ist jadegrün, letztere fuchsiarot – als auch mit der Einleitung der Kapitel durch prächtige, detailreich illustrierte Vignetten. Auch der rote Seideneinband vermittelt das Gefühl, dass es sich um ein besonderes, fast schon magisches Buch handelt. Es beginnt mit diesen dreiteiligen, alliterativen Namen, die sich in null komma nix einprägen: Bastian Balthasar Bux, der in das Antiquariat von Karl Konrad Koreander stürmt, pitschnass vom Regen und auf der Flucht vor fiesen Mitschülern, die ihn, den stillen, unsportlichen Träumer, nur allzu leicht als Opfer ihrer Streiche auserkoren haben. Im Laden wird er von einem Buch angezogen, das den Titel „Die unendliche Geschichte“ trägt und das die begeisterte Leseratte einfach mitnehmen muss. Eine niemals endende Geschichte, in der er für immer abtauchen kann, ist zu verführerisch für ihn. Mit dem erbeuteten Schatz schleicht er sich auf den Speicher seiner Schule, macht es sich dort gemütlich und beginnt zu lesen. Der Unterricht macht ihm sowieso keinen Spaß, er ist versetzungsgefährdet, also kann er auch schwänzen – oder ganz verschwinden, denn nicht mal sein Vater kümmert sich in letzter Zeit viel um ihn, seit die Mutter verstorben ist. Bastian entflieht in eine Fantasiewelt, die passenderweise Phantásien heißt. Im ersten Kapitel (das mit A beginnt, insgesamt sind die 26 Kapitelanfänge von A bis Z in der alphabetischen Reihenfolge) treffen vier höchst unterschiedliche Wesen aufeinander: ein Felsenbeißer, ein Winzling, ein Nachtalb und ein Irrlicht. Alle stellen fest, dass sie das gleiche Ziel haben: den Elfenbeinturm, in dem die Kindliche Kaiserin wohnt. Denn alle haben das besorgniserregende Phänomen bemerkt, dass sich leere Flecken, das „Nichts“, in Phantásien ausbreiten, die alles und jeden anziehen und verschlucken, sodass das ganze Reich vom Verschwinden bedroht ist. Die vier wissen nicht, dass die Kindliche Kaiserin selbst todkrank ist und kein Arzt ihr helfen kann. Nur einer ist in der Lage, das rätselhafte Dahinschwinden sowie das Gegenmittel zu ergründen: Atréju, ein zehnjähriger Junge vom Stamm der Grünhäute. Erst auf seinem Pferd Artax, später auf dem Glücksdrachen Fuchur (den er aus den Fängen des Ungeheuers Ygramul befreit) unterwegs, reist er durch ganz Phantásien, trifft die merkwürdigsten Wesen und kommt in die seltsamsten Ecken. Im Südlichen Orakel erfährt er, dass ihm nur ein Menschenkind bei der Rettung des Landes und der Kaiserin helfen kann. Der Werwolf Gmork wiederum, der Atréju verfolgt und ihn töten soll, verrät ihm, dass die Menschen nicht mehr an Phantásien glauben, weil man ihnen von Kindesbeinen an nur die trockene Realität eintrichtert und für alles Wunderbare, Fantastische kein Platz mehr ist – deshalb breitet sich das Nichts so schnell aus. Bastian erkennt, dass er derjenige ist, der Phantásien retten muss, sonst wird es niemand tun. Doch dauert es noch einige Kapitel, bis er den Mut findet, den „Sprung“ zu wagen, der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt und ihr Reich neu erschafft. Der alte Bastian ist verschwunden, an seiner Stelle ist ein gutaussehender, furchtloser und starker Prinz getreten, der ein großes Gefolge um sich sammelt und sich schließlich zum Herrscher von Phantásien erklärt. Doch schadet dies leider nicht nur seinem Charakter (er steht unter dem Einfluss der bösen Zauberin Xayide), sondern auch seiner Erinnerung an sein Leben in der Menschenwelt. Aber ohne diese Erinnerung wird er nie mehr zurück finden…

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Quelle: http://buechersuechtig-sabine.blogspot.co.uk

Hier ein schönes Beispiel für die wunderbaren Illustrationen von Roswitha Quadflieg, wie das Buch ganz in Rot und Grün gehalten

Die Einfälle des Autoren, sowohl was die Bewohner des unglaublichen Reiches als auch die vielen Abenteuer von Atréju und Bastian betrifft, sind genauso farbenfroh und wuchernd wie Perelin, der Nachtwald, und oft genug wird ein Charakter mit den Worten „Doch dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden“ aus der Handlung verabschiedet – eine Einladung an den Leser, den Fortgang selber weiterzuspinnen. Wie in allen guten Kinder- und Jugendbüchern werden keine Schattenseiten des menschlichen Denkens und Handelns ausgespart. Es gibt Grausamkeit, Größenwahn, Neid, Verlust, Krieg und Tod. Doch genau so viele gute Eigenschaften finden sich auch in den Figuren, vor allem in Atréju und Fuchur, die Bastian treu bleiben, obwohl er sie verstößt, und ihn vor sich selbst retten wollen, als er gefährlich wird. Die letzten Kapitel beschreiben Bastians schwierigen Weg zurück nach Hause, er lernt (wieder) Gemeinschaft, Liebe, Demut; und schließlich Geduld und harte Arbeit in Yors Minroud, dem Bergwerk der Bilder, das für mich beeindruckendste Kapitel im ganzen Buch. Aber gut und spannend sind sie alle. Jüngere Leser werden vor allem die Abenteuer und die vielfältigen Wesen mit ihren lustigen oder ungewöhnlichen Namen genießen, während Ältere Anteil an Bastians Entwicklung nehmen oder sich von Endes scheinbar unerschöpflicher Fantasie begeistern lassen können. Ich habe das Buch drei Mal gelesen, einmal vermutlich um das Jahr 2000 herum, ein zweites Mal 2004 und einige Jahre später erneut in einer Taschenbuchausgabe. Und jedes Mal war es lohnenswert, fesselnd und niemals langweilig. Es erinnert uns daran, wie wichtig es ist, die Fantasie und Lebensfreude eines Kindes zu bewahren:

„Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du. Und die machen beide Welten gesund.“

Bastian Balthasar Bux ist so ein Reisender, und ein gänzlich unwahrscheinlicher. Ähnlich wie Harry Potter ist er lange Zeit ein Niemand, der sich ungeliebt und nutzlos vorkommt, und gerade er besitzt mit seinem Talent, Geschichten zu erfinden, als einziger die Gabe, Phantásien zu retten. Doch diese schnelle Wandlung zum Helden bekommt ihm nicht, er versteht die Botschaft des Amuletts AURYN – „Tu was du willst“ – falsch, denn es ist viel schwerer, seinen wahren Willen zu erkennen, als man glaubt. Weil am Ende nur eine Gabe zählt: geliebt zu werden und lieben zu können. Diese Sehnsucht trägt jeder in sich. Wer nach umfangreicheren, tieferen Interpretationen der „Unendlichen Geschichte“ sucht, sollte nur mal auf der Wikipedia-Seite nachschauen, es gibt viele davon. Der Autor Michael Ende selbst wollte sich nicht daran beteiligen, im Gegenteil:

Dieses Hinausstarren auf die Botschaft (moralisch, religiös, praktisch, sozial usw.) ist eine unselige Erfindung der Literaturprofessoren und Essayisten, die sonst nicht wüssten, worüber sie schreiben und schwätzen sollten. Die Stücke Shakespeares, die Odyssee, Tausendundeine Nacht, der Don Quixote – die größten Werke der Literatur haben keine Botschaft. Sie beweisen oder widerlegen nichts. Sie sind etwas, wie ein Berg oder ein Meer oder eine tödliche Wüste oder ein Apfelbaum.

Eigentlich habe ich niemals für irgendein Publikum geschrieben, sondern alles ist ein Gespräch mit Gott, in dem ich ihn nicht um irgendetwas bitte (da ich annehme, er weiß sowieso, was wir brauchen, und wenn er’s uns nicht gibt, dann aus gutem Grund [Anm. d. Bloggerin: Genau das glaube ich auch]), sondern um ihm zu erzählen, wie es ist, ein unzulänglicher Mensch unter unzulänglichen Menschen zu sein. Ich denke, das könnte ihn interessieren, da es eine Erfahrung ist, die er nicht gemacht haben kann.

Und man braucht zum Glück auch kein komplexes philosophisches Verständnis, um „Die unendliche Geschichte“ zu lieben. Nein, es reichen ein gemütlicher Leseplatz, Zeit und Freude daran, sich auf eine fantastische Reise einzulassen. Auf dass unsere allzu nüchterne, trostlose Welt daran ein wenig gesunden möge.

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