Inspirationsquellen

Rolf Vollmann – Der Roman-Navigator

Nach Vollmanns „Roman-Verführer“ kam noch der „Roman-Navigator“. Weniger umfangreich als erstgenannter, basiert dieser auf eine Kolumne in der FAZ mit dem Titel „Durchs Jahrhundert des Romans“, in der Vollmann für jedes Jahr zwischen 1759 und 1930 ein im jeweiligen Jahr erschienenes Buch auswählte und vorstellte. Die Buchausgabe erweiterte die Spanne auf 1959, um glatte zwei Jahrhunderte daraus zu machen. „200 Lieblingsromane von der ‘Blechtrommel’ bis ‘Tristram Shandy’” lautet der Untertitel und wie dies bei Lieblingsbüchern so ist, finden sich einige Klassiker darunter, aber auch Werke, von denen ich noch nie gehört hatte. Wieder mal ein klarer Fall für das Anlegen einer To-Read-Liste. Manche hatte ich mir bereits aus dem „Roman-Verführer“ notiert, Sarah Orne Jewetts „Land der spitzen Tannen“ zum Beispiel, andere wie „Marianna Sirca“ von Grazia Deledda und „Glastonbury Romance“ von John Cowper Powys kamen neu hinzu. Die genannten „Tristram Shandy“ und „Die Blechtrommel“ oder Faulkners „Als ich im Sterben lag“ kannte ich wiederum schon längst und fand es interessant, was Vollmann dazu zu sagen hat. Manchmal greift er nämlich nur eine Szene heraus und als Eingeweihter kann man dann wissend nicken. Und natürlich gräbt er auch Schätze aus, die heute keiner mehr liest: „Luise“ von Johann Heinrich Voß ist ein gutes Beispiel, „Undine“ von Motte-Fouqué oder „Hermann und Ulrike“ und „Belphegor“ von Johann Karl Wezel.

Quelle: raimundsamsonkreativ.blogspot.com

Handsigniert von Goethe, Hoffmann, Eliot etc.

Oft verliert er sich in Plaudereien und Abschweifungen, wie es seine Art ist, das muss man mögen. Außerdem sind nicht nur Lobpreisungen darin, so manches Werk wird scharf kritisiert und manche Autoren, Thomas Mann oder Franz Kafka etwa, werden (fast) vollständig ignoriert. Vollmann gibt im Vorwort zu, dass es nicht immer einfach war, für jedes Jahr ein gutes Buch zu finden, für 1763 gibt es wirklich keines, und manchmal wird ein wenig gemogelt (Jahr des Schreibens statt Jahr des Erscheinens, z. B.), um noch ein paar Lieblinge mehr – vor allem Balzac, seinen Leib- und Magenautoren – reinzuschmuggeln. Aber jedes Werk erhält nur eine Seite und auf dieser Seite versucht Vollmann, uns den Roman schmackhaft zu machen, wenn es dieser denn verdient hat. Manfred Papst von der NZZ urteilt dazu:

Ohne Wertungen kommt ein Unterfangen wie der «Roman-Navigator» nicht aus; doch Vollmann ist nicht primär ein Herr der Zensuren. Ihm geht es ums Mitteilen, ums Teilen der eigenen Begeisterung im geneigten Gespräch, um die Erweiterung und Steigerung, auch Überprüfung des eigenen Erlebens auf imaginären Reisen durch fremde Zeiten, Gegenden, Schicksale und Identitäten; um die Vielfalt der Welt, die sich in der Seele des Lesers aufspannt und ihn vielleicht zu einem besseren Menschen macht – und sei es nur, indem sie ihn für eine Weile von seinem schlechteren Selbst ablenkt. Denn niemand liest ohne Not, und niemand schreibt ohne Not: auch wenn es vordergründig um Verfeinerungen des Vergnügens geht.

Ich bin Vollmann dankbar, weil er selbst einem langjährigen und leidenschaftlichen Leser wie mir, der schon einigermaßen in der Literaturwelt herumgekommen ist, noch die vielen weißen Flecken auf seiner Karte aufzeigt, wenn er seine eigenwilligen, aber immer guten Empfehlungen gibt und so dafür sorgt, dass die Reise noch lange nicht zu Ende ist.

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2 Kommentare zu “Rolf Vollmann – Der Roman-Navigator

  1. Zum Einstieg finde ich den Navigator passender als Verführer, da er kompakter ist und man eine Chance hat, die Bücher zu lesen, die Vollmann erfolgreich schmackhaft macht. Bei der Menge der Büchner im Verführer ist mir das im restlichen Leben sicher nicht mehr möglich.

    • Allerdings, beim Verführer hilft nur aussieben und dann will man ja auch nicht die ganze Zeit nur die „alten“ Sachen lesen bei all den vielen guten Neuerscheinungen. Die damals angelegten To-read-Listen habe ich mittlerweile vielleicht zu 2/3 abgearbeitet, ich hatte mir einfach Bücher notiert, deren Inhalt interessant klang oder die Vollmann wirklich in den höchsten Tönen lobte.

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