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Januar 2013: Thomas Hardy – Two On A Tower

In der Zeit “zwischen den Jahren” 2012/2013 las ich meinen siebenten Hardy-Roman – ich war selbst überrascht, dass sich in den drei Jahren seit „Jude the Obscure“ schon so viele auf meiner Leseliste angesammelt hatten, Hardy kann damit Dickens Konkurrenz machen (neun gelesene Werke, wenn man „Christmas Carol“ mit den anderen Weihnachts- und Silvestergeschichten zu einem zusammenfasst). „Two On A Tower“ hatte ich mir sogar gekauft, was ziemlich selten vorkommt, aber ich konnte dieser hübsch gestalteten Penguin-Taschenbuchausgabe nicht widerstehen und hatte außerdem noch nie von diesem Roman gehört – und das bei einem meiner Lieblingsautoren! Mit dem Kauf ging ich zudem kein Risiko ein, ich wusste, es würde sehr dramatisch werden und tragisch ausgehen, denn darauf kann man sich bei Hardy verlassen.

9780141199436

Quelle: penguin.com.au

Die Geschichte hat eine sehr interessante Ausgangslage: Reiche Dame, deren ungeliebter Gatte seit Jahren in Afrika verschollen ist, verliebt sich in jüngeren, armen Mann mit Hang zur Astronomie und finanziert ihm die nötige Ausrüstung für seine Forschungsarbeit. „Star-crossed love“ nennt man sowas auf Englisch: eine Liebe, die von Anfang an unter einem schlechtem Stern steht – und hier spielen die Sterne sogar noch eine wichtige Rolle, denn der im Titel genannte „tower“ ist ein Aussichtsturm, der auf Lady Constantines Landbesitz steht und in dem sie dem goldlockigen Jüngling Swithin St Cleeve (welch ein Name!) ein Observatorium einrichtet. Swithin hat bis dahin nur das Weltall im Kopf, Lady Constantine ist seine erste Liebe und dementsprechend stark ist diese.

Looking again at him, her eyes became so sentimentally fixed on his face that it seemed as if she could not withdraw them.  There lay, in the shape of an Antinous, no amoroso, no gallant, but a guileless philosopher.  His parted lips were lips which spoke, not of love, but of millions of miles; those were eyes which habitually gazed, not into the depths of other eyes, but into other worlds.  Within his temples dwelt thoughts, not of woman’s looks, but of stellar aspects and the configuration of constellations.

Thus, to his physical attractiveness was added the attractiveness of mental inaccessibility.  The ennobling influence of scientific pursuits was demonstrated by the speculative purity which expressed itself in his eyes whenever he looked at her in speaking, and in the childlike faults of manner which arose from his obtuseness to their difference of sex.  He had never, since becoming a man, looked even so low as to the level of a Lady Constantine.  His heaven at present was truly in the skies, and not in that only other place where they say it can be found, in the eyes of some daughter of Eve.

Die Todesnachricht des Ehemanns erlaubt ihnen dann, zu heiraten, doch es gibt etliche Komplikationen – so ist das tatsächliche Sterbedatum später als angenommen und die Ehe möglicherweise nicht rechtskräftig – wie auch immer, sie halten die Hochzeit jedenfalls geheim, was dazu führt, dass Lady Constantines Bruder seine Schwester mit aller Macht mit einem Bischof verkuppeln will. Swithin macht derweil eine große Erbschaft, die aber eine Bedingung hat: er darf nicht heiraten. Das Geld könnte er für seine weiteren Studien gut gebrauchen… Es gibt also einige Wendungen und Probleme, wenn auch nicht auf so breiter Ebene oder so erschütternd wie in anderen Hardy-Romanen. Tatsächlich denkt man mitunter: Oh nein, so viele dumme Zufälle/Komplikationen kann es ja gar nicht geben (siehe „star-crossed“), und manche sind auch noch selbst eingebrockt, wie eben die geheim gehaltene Ehe. Aber gut, damals waren Mesalliancen, in denen die Frau auch noch zehn Jahre älter als der Gatte ist, mehr als anrüchig, zumindest ein großes Klatschthema. Jedenfalls merkt man dem Buch durchaus an, dass Hardy an einem Serienroman schrieb, unter Zeitdruck und mit möglichst vielen Cliffhangern bzw. Spannungsmomenten.

Was ihm sehr gut gelingt, sind die astrologischen Beschreibungen bzw. das Ausdrücken der Faszination und Ehrfurcht, die die unendlichen Weiten des Nachthimmels auslösen (zumal in einer Zeit, als die Sicht noch nicht von all der Lichtverschmutzung beeinträchtigt wurde). Auch das Fieber seiner Erforschung wird deutlich spürbar: Swithin macht eine interessante, wenn auch nicht näher benannte Entdeckung, doch kommt jemand seiner wissenschaftlichen Veröffentlichung um einige Wochen zuvor – noch so ein Drama, und der Kummer darüber koster ihm fast das Leben. Hardys erklärte Absicht war „to set the emotional history of two infinitesimal lives against the stupendous background of the stellar universe“. Das All ist unendlich, und unendlich gleichgültig gegenüber menschlichen Schicksalen. So verfolgt man mit großer Spannung all die Irrungen und Wirrungen, obwohl man ja zu wissen meint, dass es nicht gut ausgehen kann bei Hardy – und wird nicht enttäuscht, im allerletzten Moment bricht alle Hoffnung zusammen. Der romantische Leser wünscht sich natürlich ein gutes Ende, aber da ist man bei diesem Autor an der falschen Adresse. Trotzdem habe ich „Two On A Tower“ sehr genossen, es hat die nötige Leidenschaft, wunderschöne Naturbeschreibungen (Wessex bei Sonnenuntergang) und Charaktere, an deren Ergehen man ehrlich interessiert ist. Man wünscht Clarence und Swithin ja alles Glück der Welt, aber ahnt, dass es nichts helfen wird.

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