Ein Monat - ein Buch

Februar 2003: Klaus Kordon – Der erste Frühling

Von dem sehr produktiven und renommierten Autor Klaus Kordon kannte ich damals bereits zwei Jugendbücher, auf das erste, „Die Flaschenpost“, war ich durch ein Hörspiel gekommen, das zweite, „Wie Spucke im Sand“, behandelt die Situation von Mädchen in Indien und gefiel mir trotz des traurigen Themas sehr gut. Man merkt den Büchern an, dass Kordon eine interessante, aber auch schwierige Lebensbahn hatte: 1943 in Berlin geboren, war er zunächst Halb-, dann Vollwaise, wuchs in verschiedenen DDR-Heimen auf, reiste als Exportkaufmann durch die Welt und beging versuchte Republikflucht, was ihm ein Jahr Gefängnis einbrachte, bevor ihn die BRD freikaufte. Einen kleinen Einblick erhält man in diesem ziemlich aktuellen Interview sowie auf seiner Website. Für „seine besonderen Verdienste um das Gemeinwohl und Zusammenleben“ wurde Kordon 2013 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – Hut ab.

Quelle: amazon.de

„Der erste Frühling“ ist der dritte und letzte Band seiner sogenannten „Trilogie der Wendepunkte“. Den ersten, „Die roten Matrosen“ über die Novemberrevolution 1918, habe ich nicht gelesen, aber den zweiten, „Mit dem Rücken zur Wand“, der im Weddinger Arbeitermilieu zur Zeit der Machtergreifung Hitlers spielt. Im Mittelpunkt der Trilogie steht immer die Berliner Familie Gebhardt: Vater Rudi, Mutter Marie und ihre Kinder Helle, Martha und Hans. Die politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik machen sich auch in der Familie bemerkbar, weil Helle und seine Frau, die auf der Seite der Kommunisten stehen, von den erstarkenden Nazis verfolgt und schließlich verhaftet werden – unter den Tätern ist auch der SA-Freund von Helles Schwester Martha. Das Geschehen wird aus Sicht des 15-jährigen Hans geschildert, der zwischen den Fronten steht, nicht nur, weil seine Freundin Mieze Halbjüdin ist. Der Titel „Der erste Frühling“ schließlich bezieht sich auf den ersten Friedensfrühling nach der Kapitulation 1945. Das Mädchen Änne, Tochter von Helle, die bei ihren Großeltern aufwächst, erlebt zum ersten Mal seit Jahren eine Zeit ohne Krieg, ein Zustand, an den sie sich erst gewöhnen muss. Doch zunächst gilt es, den Einmarsch der Russen und die Bombenangriffe im Berlin zu überleben und selbst im sogenannten „Frieden“ wird das Leben kaum einfacher – jedenfalls nicht für ihren Onkel Hans, der desertiert ist. Zwar kommt Ännes Vater, der im KZ war, endlich nach Hause, aber ihre Mutter wurde von den Nazis umgebracht und nur allmählich kommt das Mädchen mit der neuen Realität – und dem fremden Vater – klar.

Durch diese erlebte Geschichte wird das trockene Wissen aus dem Schulunterricht lebendig, denn hinter den bloßen Fakten erkennt man plötzlich Schicksale und welche Auswirkungen bestimmte Ereignisse auf das Leben der Menschen hatte.  Selbst wenn die Familie Gebhardt nur fiktiv und beispielhaft sein mag, kann sich der Leser sehr gut mit den Figuren identifizieren und beginnt, ihre Handlungsmotive nachzuvollziehen – niemand kann wissen, wie er selbst damals und unter bestimmten Umständen gehandelt hätte. Trotz ihrer für ein Jugendbuch recht beachtlichen Stärke von 500 Seiten (und wir reden schließlich von einem historisch-politischen Roman, nicht von „Harry Potter“) kann ich sowohl „Mit dem Rücken zur Wand“ als auch „Der erste Frühling“ wärmstens empfehlen, denn es wird nie langweilig und man fiebert mit den Gebhardts mit wie in einer gut gemachten Fernsehserie. Ich nehme an, dass auch „Die roten Matrosen“ auf dem gleichen Niveau sind; warum ich das Buch nicht gelesen habe, weiß ich nicht mehr genau, womöglich, weil ich Band 2 und 3 schon kannte und es dann komisch gewesen wäre, den ersten Teil zuletzt zu lesen. Aber vielleicht werde ich dieses Versäumnis irgendwann nachholen, wenn sich die Möglichkeit bietet.

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