Ein Monat - ein Buch

November 2005: Doris Lessing – Das fünfte Kind

Die britische Autorin und Nobelpreisträgerin Doris Lessing starb Ende vergangenen Jahres. Mit ihr verbinde ich immer den trivialen Wissensfakt, dass sie die angeheiratete Tante von Gregor Gysi ist. Gelesen habe ich von ihr nur zwei Bücher, eines mit dem langen Namen „Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, Griot und dem Schneehund“ und eben „Das fünfte Kind“. Allgemein interessieren mich ja eher die alten als die „modernen“ Klassiker und zeitgenössische Schriftsteller ignoriere ich ohnehin  zumeist (z. B. habe ich noch nie etwas von J. M. Coetzee gelesen, der mit Preisen überhäuft wird und angeblich nur sehr selten lacht; und mit Philip Roth bin ich seit „Portnoys Beschwerden“ durch – man sollte mit 10 keine Masturbationsszenen lesen).

Quelle: http://www.kunstundkosmos.de Kleine Kinder haben eh meist etwas Gollum-artiges…

Aber zurück zu Lessings „Fünftes Kind“, das sogar in einer von der Bild-Zeitung herausgegebenen Reihe erschien, oha. Wahrscheinlich wollten sie auf den Zug aufspringen, nachdem die Süddeutsche damit angefangen hatte, und dann die „Brigitte“ in Zusammenarbeit mit Elke Heidenreich… Die Zeitung mit den vier Buchstaben brachte natürlich eher populäre Schriften unters Volk, Simmel war dabei, auch Stephen Kings „The Shining“, sie sollten immer eine gewisse „Schlagzeileneignung“ haben und das ist bei dem „5. Kind“ zweifellos der Fall. Ein Paar wünscht sich eine große Familie und auch nach vier Kindern ist die Planung noch nicht abgeschlossen. Alle sind glücklich, obwohl das Familienmodell von Außenstehenden mitunter kritisiert wird, vor allem da die 1960er Jahre eher durch Selbstentfaltung und Ausloten von Grenzen als durch traditionelle Werte geprägt sind. Doch mit der Zeit wird ihr Haus zu einem Anziehungspunkt für ihre Verwandten und Freunde, weil die Kinder eine sehr positive Atmosphäre schaffen. Erst als Harriet zum fünften Mal schwanger ist, wird alles anders. Ihre Schwangerschaft verläuft mit vielen Komplikationen, denn bereits im Mutterleib macht der Junge seine Aggression bemerkbar, indem er viel und häufig gegen die Bauchwand tritt. Einmal zur Welt gekommen, sieht er nicht nur aus wie ein Troll (mit borstigen Haaren und einem übergroßen Kopf), sondern verhält sich auch wie ein richtiger „Wechselbalg“, schreit viel und scheint nie zufrieden zu sein. Die anderen Geschwister haben Angst vor ihm. Seine Entwicklung verläuft sehr schnell und je beweglicher er wird, desto gewalttätiger wird Ben auch, macht Spielzeug kaputt, tötet Tiere. Die Eltern lassen ihn schließlich in eine Anstalt einweisen, doch bringt Harriet dies nicht lange übers Herz und holt Ben schließlich wieder zu sich, auch wenn sie damit die Familie zerstört. Schließlich findet er einige Freunde, wird zum Anführer einer Gang und verbringt so seine Zeit immer mehr außerhalb des Hauses, wodurch sich die familiäre Situation etwas normalisieren kann.

Doris Lessing machte das Schreiben dieser Geschichte nicht unbedingt Freude, es ist wohl mit der Schwangerschaft Harriets zu vergleichen:

I hated writing it. It was sweating blood. I was very glad when it was done. It was an upsetting thing to write – obviously, it goes very deep into me somewhere.

Dieser kurze Roman – man könnte ihn sogar als Novelle bezeichnen – ist ziemlich verstörend, er hat etwas von einer modernen Horrorgeschichte, wie das Kind wie ein Alien in eine bis dahin harmonische Familie einbricht und sie von innen kaputt macht. Aber was ist eigentlich mit Bens Psyche, ist es deshalb gerechtfertigt, ihn abzuschieben und dadurch sogar zu einem langsamen Tod zu verurteilen (durch die vielen Beruhigungsmittel)? Vor allem sind die Reaktionen der Umwelt bezeichnend, die nicht nur ihn meiden, sondern auch indirekt der Mutter die Schuld geben, besonders, nachdem sie ihn zurück nach Hause holt. Der Leser wird mit Fragen konfrontiert und die Antworten sind nicht wirklich beruhigend. Eine empfehlenswerte, aber keine einfache, entspannende Lektüre.

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