Ein Monat - ein Buch

April 2006: Italo Calvino – Wenn ein Reisender in einer Winternacht

An dieses Buch wurde ich kürzlich erinnert, als mich vor meiner Romreise ein Kollege bat, ihm ein Buch von Italo Calvino mitzubringen; welches, überlasse er mir. Da ich nur „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ kannte (schwer genug, das italienische Original in einer Buchhandlung ausfindig zu machen, wenn man der Sprache nicht mächtig ist) und wusste, dass es gut ist, entschied ich mich dafür. Ich kaufe nicht gern Bücher, und erst recht nicht für andere, wenn ich nicht weiß, ob sie des Lesens wert ist. Bei Calvino handelt es sich übrigens um einen der bedeutendsten italienischen Nachkriegsautoren, von dem man wahrscheinlich noch mehr lesen sollte…

Quelle: lady8jane.wordpress.com

Der Roman faszinierte und amüsierte mich gleichermaßen. Ich erinnere mich, wie ich ihn in einer Freistunde im Schulpark las und völlig in eine in Japan spielende Geschichte versunken war – bis sie mal wieder abrupt abbrach und eine andere begann.

Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Lass deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen […] (Quelle)

Der Leser wird gleich am Anfang direkt angesprochen, ihm wird verdeutlicht, dass er im Mittelpunkt steht und das Nachfolgende nichts ist als reine Fiktion, der neue Roman von Italo Calvino eben. Der Italiener spielt mit den Erwartungshaltungen des Lesers. Jener wird nach einigen Seiten plötzlich aus dem Geschehen gerissen, weil das Buch angeblich beschädigt wäre (so sagt der Text) und er jetzt in den Buchladen zurückläuft, um sich zu beschweren. Stattdessen erfährt er dort, dass es sich bei dem Roman gar nicht um einen von Calvino, sondern um ein versehentlich in den Druck geratenes anderes Werk handelt… Und so läuft es weiter, insgesamt zehn Anfänge für Romane verschiedenster Genre (Anklänge an existierende Geschichten/Autoren nicht zufällig) folgen, die zur Frustration des Lesers alle an einer spannenden Stelle einfach aufhören. In der Metageschichte – der um den Leser auf seiner Couch, der verzweifelt die Fortsetzungen der Romane sucht – verliebt sich der Leser (also „du“, obwohl „ich“ kein Mann bin, wie stillschweigend angenommen, es sei denn, Calvino beabsichtigt einen lesbischen Unterton) in eine Dame namens Ludmilla, die ebenfalls immer an die falschen Bücher gerät, sodass man sich gemeinsam auf die Jagd nach den richtigen macht, eine wahre Odyssee.  Schuld an dem Kuddelmuddel ist natürlich ein Übersetzer, der absichtlich für Verwirrung sorgt, wenn auch nur aus Liebe…

Leser und Leserin, nun seid ihr Mann und Frau. Ein großes Ehebett empfängt eure parallelen Lektüren. Ludmilla klappt ihr Buch zu, macht ihr Licht aus, legt ihren Kopf auf das Kissen, sagt: „Mach du auch aus. Bist du nicht lesemüde?“ Und du: „Einen Moment noch. Ich beende grad Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino.

Der originelle Stil und die überraschenden Wendungen samt der unkonventionellen Einbindung des Lesers machen „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ zu einem postmodernen Klassiker. Trotz seines intelligenten, raffinierten Aufbaus lässt sich das Buch mühelos lesen – wenn ich mit 17 meinen Spaß daran hatte, kann es nicht allzu anstrengend gewesen sein, denn als geborener Schnellleser hatte ich nie viel Geduld mit „schwierigen“ Texten (siehe „Ulysses“). Die Übersetzung stammt übrigens von Burkhart Kroeber, der auch die Bücher von Umberto Eco meisterhaft ins Deutsche gebracht hat. Ein vergnügliches Leseabenteuer über das Abenteuer und Vergnügen des Lesens – was will man mehr. Ich glaube, mein Kollege war ebenfalls begeistert.

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