Ein Monat - ein Buch

August 2011: A. S. Byatt – Possession

Hier muss wieder eine kleine Finte gebraucht werden, denn eigentlich hatte ich Stephen Kings „Die Arena“ schon als Buch für den August 2011 ausgewählt, aber da ich es auch noch im Monat September las, qualifiziert es sich für die Kategorie „Ein Buch – Mehrere Monate“. Und so habe ich die Möglichkeit, noch über „Possession“ zu schreiben, ein Buch, das v. a. im englischsprachigen Raum bei seiner Erscheinung 1990 sehr gefeiert wurde – und das zu Recht. Man kann nur den Hut ziehen vor der Leistung der Autorin, die sich die Mühe gemacht und Gedichte verfasst hat, die wie von zwei realen viktorianischen Dichtern geschrieben scheinen. Dame Antonia Susan, wie sie sich mittlerweile nennen darf, hat nicht nur etliche Romane, sondern auch diverse literarische Essays und kommentierte Ausgaben anderer Autoren publiziert, so zum Beispiel „George Eliot: Selected Essays, Poems and Other Writings“, das ich in meiner Diplomarbeit zitierte.

Quelle: http://twenty-firstcenturyhousewife.blogspot.co.uk

One of the most beautiful covers Ever Ever Ever (während meiner Lancaster-Zeit hatte ich einen Bildband von Burne-Jones in meinem Zimmer, aufgeschlagen bei diesem Gemälde)

Auf „Possession“ wurde ich, wie so häufig, durch das Cover aufmerksam: „The Beguiling of Merlin“ gehört zu meinen Lieblingsbildern eines von mir sehr verehrten englischen Künstlers, Edward Burne-Jones, und es zierte die Vorderseite der Originaltaschenbuchausgabe, die irgendwie in unserer Bücherei gelandet war. Möglicherweise bin ich die einzige, die es je ausgeliehen hat. Ich wusste nicht genau, was mich erwarten würde und war dann umso begeisterter von diesem hochintelligentem Roman, der geschickt die Spleenigkeit der Literaturforscher aufs Korn nimmt und eine Liebesgeschichte zwischen zwei viktorianischen Autoren entwirft, die in der Gegenwart von den beiden Akademikern, die ihnen ihren Tätigkeitsschwerpunkt gewidmet haben, widergespiegelt wird. Unsere zwei Helden heißen Roland Michell und Maud Bailey. Roland beschäftigt sich ausdauernd und leidenschaftlich mit dem Dichter Randolph Henry Ash (der auf Lord Alfred Tennyson basiert), sein Privatleben ist dagegen eine eher unerfreuliche Angelegenheit. Eines Nachmittags findet er in der London Library zufällig einen Brief von Ash, der bislang unentdeckt geblieben war und völlig neue Perspektiven auf den gefeierten Dichter bietet. Roland ermittelt, dass der Brief offenbar an Christabel LaMotte (die u. a. Ähnlichkeit mit Christina Rossetti aufweist) gerichtet war – sollten sich die beiden persönlich gekannt haben? Er wendet sich an die Feministin und LaMotte-Expertin Maud Bailey und ein Detektivspiel beginnt, bei dem sie noch mehr Briefe und Tagebücher ans Licht bringen und zu dem Schluss kommen, dass die beiden Poeten eine Affäre hatten. Diese Arbeit bringt sie auch persönlich näher. Auf einer zweiten Ebene wird diese Beziehung in verschiedenen Episoden beleuchtet: Erinnerungen von Ash an die erste Begegnung mit LaMotte, bei dem Gurken-Sandwiches serviert wurden, an seine Hochzeitsreise, auf der ihm seine Frau klar machte, dass sie keine sexuelle Beziehung zulassen könnte (typisches viktorianisches Drama aufgrund des Tabus, was allem Körperlichem umgab) und seine Reise mit Christabel an die Küste, bei der sie als Ehepaar auftreten und die nicht folgenlos bleiben sollte; der Suizid von Christabels Geliebter und ihre Flucht zu Verwandten in Frankreich … Ihre Liebe zeigt sich auch in versteckten Andeutungen oder Parallelen in ihren Gedichten, die mit viel Sachkenntnis, Stilgefühl und Talent von Byatt komponiert wurden und die die Illusion, es mit zwei realen Dichtern zu tun zu haben, perfekt machen. Die Entdeckungen von Roland und Maud bleiben nicht lange geheim, weitere Wissenschaftler und Erben der involvierten Parteien werden auf den Plan gerufen und alles kulminiert in einem dramatischen Finale an Ash‘ Grab, während ein gewaltiger Sturm über England hinweg zieht. Und vielleicht – hoffentlich – gibt es für Roland und Maud ein glücklicheres Ende als für Ash und LaMotte.

Gloves lie together
Limp and calm
Finger to finger
Palm to palm
With whitest tissue
To embalm
In these quiet cases
With hands creep
With supple stretchings
Out of sleep
Fingers clasp fingers
Troth to keep

(Beispiel für ein “LaMotte”-Gedicht)

Wer hätte gedacht, dass die „trockene“ Literaturforschung so spannend sein kann, wenn man erst mal wirklich neue Erkenntnisse gewinnt und nicht nur auf Spekulationen oder sehr abwegige Interpretationen angewiesen ist. Die Manie mancher Gelehrten, welche Originalmanuskripte für horrende Summen kaufen und die kleinsten Details im Werk und Leben ihres Lieblings beleuchten, ist amüsant und aufschlussreich. Wer sich ein bisschen mit viktorianischer Literatur auskennt – und wer tut das nicht! – wird noch mehr Freude an dem Roman haben. Man lernt viel über die akademische Welt, aber auch über die Sage der Melusine, Feminismus und lesbische Beziehungen im 19. Jahrhundert (LaMotte wurde immer als rein homosexuell angesehen, daher ist die Entdeckung ihrer Affäre mit Ash so erschütternd für Maud). Man fühlt sich auf intellektuelle Art wunderbar unterhalten und auch wenn ich zugeben muss, einige längere Gedichte nur überflogen zu haben (auch Chapeau an den Übersetzer, im Deutschen heißt der Roman übrigens „Besessen“), kann ich meine Bewunderung für dieses ausgeklügelte, unverhofft gute Werk nicht verhehlen. Absolut lesenswert!

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