Ein Buch - mehrere Monate/Ein Monat - ein Buch/Lieblingsbücher

März 2007: Lew Tolstoi – Krieg und Frieden

Dass ich in meine Abiturvorbereitung nicht allzu viel Zeit und Arbeit investiert habe, wird unter anderem daran ersichtlich, dass ich gerade in diesem kritischen Zeitraum, den letzten zwei Monaten vor den schriftlichen Prüfungen, einen solchen Wälzer wie „Krieg und Frieden“ las. Und dabei ließ ich mir nicht viel Zeit: Mit eiserner Disziplin las ich jeden Tag 50 bzw. samstags/sonntags je 100 Seiten, um die 1645 Seiten in 28 Tagen zu schaffen – ich verlängere die Frist für ausgeliehene Bücher eben nicht gern. Aber es war keine Mühe, Tolstoi las sich wunderbar leicht und spannend, ob zu Hause oder im Schulpark und am Ende war ich nicht nur um eine großartige Erfahrung reicher, sondern hatte auch ein neues Lieblingsbuch. Denn neben „Catcher In The Rye“, der Beatles-Biografie und diversen Lindgren-Büchern zählt „Krieg und Frieden“ zu meinen absoluten Favoriten, ich bereitete sogar einen kurzen Vortrag zum Thema für die mündliche Polnischprüfung vor (da heißt es nicht „Война и мир“, sondern „Woina i pokój“, wobei „pokój“ auch Zimmer bedeutet …), sollte dann aber über Hobbys sprechen.

Quelle: klassiker-der-weltliteratur.de

In „Krieg und Frieden“ geht es viel weniger um ersteres als um letzteres. Natürlich werden entscheidende Schlachten, die bei Austerlitz 1805, und Borodino 1812 sowie die Belagerung und Einnahme Moskaus durch Napoleon, so detailreich beschrieben, dass der Leser fast zum Experten dazu wird, aber sie sind trotzdem nicht das Wichtigste. Mit Persönlichkeiten wie Napoleon und General Kutusow ist man quasi auf du und du, obwohl man die vielen anderen Adjutanten und militärischen Strippenzieher gern mal durcheinander bringt. Wer vorher nichts zum Verlauf der napoleonischen Kriege wusste: Hier lernt er es (wenn auch mit einer Prise russischem Patriotismus). Aber wir haben es vor allem mit den Schicksalen „normaler“ Menschen zu tun, die vielgestaltig und unterschiedlicher Herkunft (obwohl alle adlig) sind und eine lange und mühsame Entwicklung während dieses einen Jahrzehnts durchmachen. Man muss sie einfach ins Herz schließen; die schiere Seitenstärke und der dadurch gegebene längere Zeitraum, den man mit den Figuren verlebt, lassen eine enge Bindung zu ihnen entstehen und ich glaube, dass dies ein wesentlicher Faktor war, warum ich den Roman so liebte. Um drei Familien dreht sich die Handlung im Wesentlichen: Zunächst die Bolkonskijs – Andrej, seine Schwester Marja, ihr alter Vater und Andrejs Sohn, der nach dem Tod der Mutter bei seiner Geburt als Halbwaise aufwächst. Die Familie hat ein Landgut und verkörpert die klassischen Werte des „alten Russlands“. Dann Pierre Besuchow, ein unehelicher Sohn, der seinen Vater erst auf dessen Sterbebett kennenlernt – der junge Mann wurde in Paris erzogen – und zunächst sehr naiv auftritt, sich auch rasch in einer unglücklichen Heirat verfängt und nach einer Krise bei den Freimaurern eintritt. Er steht mit seinem liberalen Denken für das „neue Russland“. Und schließlich die Rostows, eine Familie mit vielen Kindern, von denen Natascha und Nikolai im Mittelpunkt stehen, später auch das Nesthäkchen Petja. Eine verarmte Cousine lebt bei ihnen, Sonja, die ich ganz besonders gern hatte und die am Ende so ungerecht behandelt wurde, dass ich bis heute nicht darüber hinweggekommen bin … Sie verlieben sich, betrügen, werden enttäuscht, kämpfen um ihr Glück und ihr Leben, kommen durch den Lauf der Geschichte unter die Räder und rappeln sich trotzdem wieder auf – meistens. Die Anzahl der vorkommenden Personen ist so groß, dass es einen Anhang mit einer Auflistung der Charaktere und knappen Erläuterungen zu ihnen gab, den ich häufig zu Rate zog (so ein Glossar wäre auch bei Harry Potter ganz nützlich).

Quelle: boerse.bz

Es gibt rauschende Bälle, Duelle, ergreifende Sterbe- und Versöhnungsszenen, Schlittenfahrten, leichtsinnige Draufgänger, neureiche Frauenhelden, intrigante und frivole Frauenzimmer … Selbst die strahlend schöne Natascha kann einer Versuchung nicht widerstehen und verletzt ihren Verlobten zutiefst. Am Ende heiratet sie einen, den ich nicht wirklich mochte, weil er mir nicht hübsch genug erschien („ein großer, plumper, junger Mann mit kurz geschorenen Haaren“), auch wenn er sich im Laufe der Geschichte auszeichnet. Und Sonja muss zugunsten einer reichen, aber unansehnlichen Erbin zurücktreten, denn plötzlich sind alle Küsse und Versprechungen vergessen.

Sonya came along, wrapped in her cloak. She was only a couple of paces away when she saw him, and to her too he was not the Nicholas she had known and always slightly feared. He was in a woman’s dress, with tousled hair and a happy smile new to Sonya. She ran rapidly toward him. „Quite different and yet the same,“ thought Nicholas, looking at her face all lit up by the moonlight. He slipped his arms under the cloak that covered her head, embraced her, pressed her to him, and kissed her on the lips that wore a mustache and had a smell of burnt cork. Sonya kissed him full on the lips, and disengaging her little hands pressed them to his cheeks. „Sonya!… Nicholas!“… was all they said. They ran to the barn and then back again, re-entering, he by the front and she by the back porch.

(Im deutschen Gutenberg-Text ist gerade das Kapitel mit diesem Lieblintgszitat auf mysteriöse Weise verschwunden, daher die englische Version.)

 Und dann versucht uns Tolstoi noch einzureden, das hätte alles seine Richtigkeit und Sonjas Herz wäre nicht gebrochen:

Sonja lebte seit Nikolais Verheiratung in seinem Hause. Noch vor der Hochzeit hatte er unter Selbstvorwürfen seiner Frau alles erzählt, was zwischen ihm und Sonja vorgegangen war, und bat die Fürstin Marie, freundlich und gut gegen seine Cousine zu sein. Die Gräfin Marie erkannte wohl die Schuld ihres Mannes gegen Sonja und glaubte, ihr Vermögen habe Einfluß auf Nikolais Wahl gehabt. Sie wünschte Sonja zu lieben, aber das gelang ihr nicht und oft fand sie in ihrem Innern feindliche Gefühle gegen sie, die sie nicht unterdrücken konnte.

Es schien wirklich, daß Sonja sich von ihrer Lage nicht gedrückt fühlte und sich ganz mit ihrem Beruf einer tauben Blüte ausgesöhnt habe. Sie schien weniger die einzelnen Mitglieder als die ganze Familie zu schätzen, und wie eine Hauskatze schmiegte sie sich weniger an die Hausbewohner als an das Haus. Sie pflegte die alte Gräfin, spielte mit den Kindern und verwöhnte sie und war immer zu kleinen Diensten bereit, deren sie fähig war. Aber das alles wurde unwillkürlich mit zu schwacher Dankbarkeit aufgenommen.

Pah, ich sollte wirklich einen „Gerechtigkeit für Sonja“-Verein gründen, das Ende ist Tolstoi leider nicht so gut gelungen wie der Rest des Buches – für die meisten Figuren scheint es „Happy Ends“ mit Hochzeit und allem zu geben, aber eben nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Das beeinträchtigt aber nicht die schönen Erinnerungen an die vielen Stunden, die ich mit Andrej, Pierre, Natascha und Nikolai verbrachte, wie ich mit ihnen mitfieberte und zitterte und mich freute und sicher auch ein paar Tränen vergoss … Von den vielen Verfilmungen habe ich die russische, siebenstündige nicht gesehen, wohl aber die amerikanische von 1956 und ich hatte beim Lesen stets Audrey Hepburn als Natascha im Kopf, selbst wenn ich damals nur ein Filmplakat kannte. Daher war meine Empörung umso größer, als in der neueren Fernsehfassung von 2007 eine blonde Schauspielerin zum Einsatz kam – nein! Natascha ist dunkelhaarig, Punkt. Vielleicht nicht sehr russisch, aber wie das Zitat und die Abbildung weiter unten zeigt, auch keine Hollywood-Erfindung.

 „Krieg und Frieden“ ist ein episches Buch, seinem Thema angemessen, und genauso episch sollte auch mein Post werden, aber ach! ich kann meiner Begeisterung nur ungenügend Ausdruck verleihen. Ich hoffe, dass dennoch offenbar wurde, wie sehr ich es liebe, wie sehr ich es jedem nur ans Herz legen kann – nehmt euch die Zeit, es muss ja nicht wie bei mir in einem Monat geschehen – und dass ich, wenn mein 10. Lesejubiläum in ein paar Jahren ansteht, dies vielleicht zum Anlass nehme und mich erneut in Tolstois Meisterwerk vertiefe.

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Quelle: Wikipedia

„Sie war noch außer Atem vom heftigen Lauf, ihre schwarzen, ganz zerzausten Haare fielen rückwärts herab…“

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2 Kommentare zu “März 2007: Lew Tolstoi – Krieg und Frieden

  1. deine persönlichen Ansichten zum Buch Krieg und Frieden sprechen mir aus dem Herzen. Ich habe lange im Internet gesucht um heraus zu finden, wen Sonja schlussendlich geheiratet hat und ob sie auch glücklich geworden ist. Diese Frau, die immer treu und fürsorglich war steht am Schluss mit leeren Händen da.

  2. Ich fürchte, sie hat nie geheiratet, da sie nur eine mittellose Verwandte ist, die in der damaligen Zeit dazu gezwungen waren, bei der wohlhabenderen Familie unterzukommen (ähnlich wie die arme blasse Klothilde in den „Buddenbrooks“). Das hat Tolstoi schon ganz realistisch dargestellt, aber Realismus ist eben meist nicht romantisch.

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