Ein Monat - ein Buch

März 2002: Klaus Kordon – Die Flaschenpost

Über den Autor habe ich mich schon in einem früheren Post lobend geäußert, er wurde vielfach für seine Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet und hat sich auf die literarische Verarbeitung der jüngeren und etwas älteren deutschen Geschichte spezialisiert (von der Revolution 1848 bis zur DDR-Zeit), aber auch Erzählungen von Schauplätzen in aller Welt (v. a. Indien) veröffentlicht. „Die Flaschenpost“ bringt den heutigen Lesern auf anschauliche Weise die Zeit nah, als Deutschland noch geteilt war und eine in Ostberlin in die Spree geworfene Flaschenpost zum Problem werden konnte, wenn sie im Westteil der Stadt gefunden wurde …

Quelle: kordon.eu

Insgeheim hatte der 12-jährige Matthias, Matze genannt, gehofft, dass die Flasche mit seinem Brief bis in die weite Welt treiben und ihm einen afrikanischen Brieffreund bescheren würde. Stattdessen antwortet ihm Lika, die nur wenige Kilometer entfernt in der gleichen Stadt wohnt – und trotzdem in einem anderen, nicht minder fremden und aufregenden Land, der BRD. Schon das Briefeschreiben oder ein Telefonat sind aufgrund der staatlichen Kontrolle gar nicht so einfach, noch viel weniger ein Treffen, dass die beiden Kinder gern organisieren wollen. Die Handlung wird jeweils aus der Sicht von Matze und Lika erzählt, sodass man ihre unterschiedlichen Perspektiven und Gefühle erkennt. Schließlich wissen beide wenig über den Alltag und das Land des anderen. Ihre Eltern sind zunächst gegen die wachsende Freundschaft, denn so harmlos und spannend sie für die Kinder sein mag: zumindest für Matzes Mutter könnte sie gefährlich werden, eine Karriere ist bei „Westkontakten“ wesentlich schwerer.

„Verwandte haben wir ja drüben Gott sei Dank nicht“, fuhr der Vater fort und blickte abwechselnd mal Matze und mal Pipusch an, „und Bekannte auch nicht. Und dann schickst du nun ’ne Flaschenpost los.“ Er lächelte zu Matze.

Die Gedanken von Matze spiegeln das Unverständnis wider, das sich nicht nur bei ihm, sondern vermutlich auch beim Leser breit macht:

  „Warum sollte er keine Brieffreundin in West-Berlin haben? Es hieß doch immer, die Völkerverständigung wäre das Allerwichtigste. Durfte man sich denn nur mit Ungarn, Russen, Bulgaren, Polen und Kubanern verständigen? Mit denen war die DDR doch sowieso schon befreundet.“

 Am Ende schaffen es die beiden mit viel Geschick aber doch noch, sich zu treffen und einen schönen Tag am Müggelsee zu verbringen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens, 1988, war es noch ein Wunschtraum, dass Matze eines Tages auch die Möglichkeit hätte, Lika zu besuchen – sie vielleicht eine Dampferfahrt auf dem Wannsee machen könnten … Durch die viele aktive Handlung und (Streit-)Gespräche, in denen Kinder und Erwachsene über die Situation diskutieren, die die Eltern vielleicht schon akzeptiert haben, die neue Generation jedoch nicht, hat man keine Schwierigkeiten, diese Zeit zu begreifen, auch wenn man über wenige geschichtliche Kenntnisse verfügen sollte (das Buch richtet sich an Leser im Alter von etwa 10 Jahren). Ich hörte die Geschichte zuerst als Radiohörspiel und fand sie so interessant, dass ich mir später noch das Buch auslieh. Es ist einfach gut geschrieben und bringt die damaligen Gegebenheiten auf einfache, aber niemals verharmlosende Weise rüber. So stellt sich bald die Frage: „Wie konnten die eine solche Ungerechtigkeit begehen, einfach einen Staat zu teilen und eine Mauer zu bauen, sodass die Menschen nicht mehr zueinander konnten und die eine Hälfte quasi eingesperrt war?!“ Wie man sieht, wurden trotzdem immer Wege gefunden, um die Spaltung zu überwinden und man kann nur dankbar sein, dass sich die Zeiten geändert haben – dass wir heute in Berlin durch das Brandenburger Tor und weiter Unter den Linden entlang spazieren können, ohne auch nur daran zu denken, dass dies bis vor 25 Jahren noch unmöglich gewesen wäre.

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