Ein Monat - ein Buch

Dezember 2007: Franz Kafka – Das Schloss

Als ich daran dachte, einen Beitrag zu Kafkas „Schloss“ zu schreiben, habe ich mich innerlich gefreut und bin gleichzeitig zusammengezuckt. Der Roman ist einfach so merkwürdig – gut, das muss bei Werken dieses Autors eigentlich nicht extra erwähnt werden – und endet total unbefriedigend, weil Kafka anscheinend selbst nicht wusste, wie die Geschichte ausgehen soll, er schrieb sie jedenfalls nicht zu Ende. Typisch für diesen Zauderer, der selten etwas zu Ende brachte, vielleicht waren deshalb Novellen bzw. Kurzgeschichten die geeignetere Form für ihn, die konnte er in einem Rutsch niederschreiben. Aber ich habe auch gute Erinnerungen an die Lektüre, oder vielmehr nostalgische, wie ich im Winter 2007 morgens viertel sieben mit diesem Buch im Bus saß, die Füße an der hoffentlich warmen Heizung, und durch die dunkle Oberlausitz fuhr. Ich habe während des Studiums eigentlich hauptsächlich im Bus gelesen, sonst blieb ja kaum Zeit, wenn man oft genug dreiviertel sechs aufstehen musste und erst nach 17 Uhr wieder zu Hause war – an ganz schlimmen Tagen sogar erst nach 19 Uhr. Früher wurde mir vom Lesen während der Bus- oder Autofahrt schlecht, aber da er nicht allzu schnell fuhr und es auch nicht viele Kurven gab (außer in dem einen Dorf, wo ich dann pausierte), gewöhnte ich mich schnell daran.

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Quelle: kettererkunst.de

Erstausgabe von 1926

Also „Das Schloss“. Der Protagonist des Romans, ein gewisser Landvermesser K. – der Name kommt uns aus dem „Prozess“ bekannt vor, nicht? Und alle Ähnlichkeiten mit dem Autor sind natürlich rein zufällig – kommt in ein Dorf, angeblich im Auftrag der Herrschaft auf dem nahen Schloss. Diese Bestellung kann aber nie richtig verifiziert werden und auch die eigentliche Aufgabe von K. bleibt im Dunkeln. Das Schloss kann man zwar in der Ferne sehen, es bleibt jedoch unerreichbar und unzugänglich. Eine seltsame Macht geht von den Beamten des Schlosses aus, die den Dorfbewohnern schlimme, aber nicht spezifizierte Sanktionen bei gewissen Überschreitungen androhen, sodass eine unheimliche, unterdrückte Atmosphäre herrscht. Anstatt wieder zu gehen, wie andere Leute es vielleicht tun würden, bleibt K. im winterlichen Dorf, arbeitet als Schuldiener, bandelt mit einem Mädchen aus dem lokalen Wirtshaus an und ärgert sich mit zwei „Gehilfen“ herum, die ihn offenbar bewachen sollen. Alles ist sehr verwirrend, der Landvermesser sieht sich einer undurchdringlichen, chaotischen Bürokratie gegenüber, in der die Mühlen langsam mahlen. Auch die Handlung selbst wird zunehmend unbestimmter, es gibt eher Szenen oder „Versuchsordnungen“, Gespräche zwischen K. und diversen Figuren als eine zielgerichtete, stringente Geschichte, als hätte Kafka verschiedene Episoden aufgeschrieben, wie sie ihm gerade einfielen, um vielleicht später einen „richtigen“ Roman daraus zu basteln. Er schrieb daran während seiner Erholungsurlaube 1922; zurück in Prag und mit wachsenden gesundheitlichen Problemen blieb das Manuskript unvollendet bis zu seinem Tod 1924. Die Unfertigkeit des Ganzen führt auch zu einigen logischen Fehlern oder Inkonsistenzen im Text, da Kafka das Manuskript nie richtig überarbeitete. Wie  ein Großteil seines Werks wurde „Das Schloss“ posthum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht.

Die angedeuteten Themen – entrückte Bürokratie, unerreichbares und verschlossenes Ziel, Im-Kreis-Laufen, allmähliches Verzweifeln des Protagonisten und zunehmende Einsicht in die Sinnlosigkeit des Unterfangens bei gleichzeitig sturem Beharren – machen den Roman zu einem typisch „kafkaesken“ Werk, deprimierend und verwirrend. Etwaige Interpretationen und Herleitungen (die Vorlage des Schlosses könnte z. B. der Hradschin sein, aber auch das Schloss Nosferatus aus Murnaus berühmten Stummfilm) überlasse ich Personen, die sich damit besser auskennen bzw. dafür bezahlt werden. Es soll im Übrigen auch nicht so klingen, als würde ich mich über Kafkas Stil bzw. seine Neurosen lustig machen, er weckt eher Mitleid bei mir, weil er so viele Probleme hatte und so früh sterben musste, just als er mit Dora Diamant endlich die richtige Frau gefunden zu haben schien. Seine Kurzgeschichten wie „Das Urteil“ oder „In der Strafkolonie“ übten eine ziemlich starke Wirkung auf mich aus, sie sind einfach ungeheuerlich. Und eine Postkarte mit seinem Porträt klebt an meinem Schrank, die ich im Prager Kafka-Museum kaufte (das Museum selbst besuchte ich nicht, hatte ein sehr kleines Reisebudget damals). Er fasziniert mich und wird das immer tun, weil das Lesen seiner Werke immer ein merkwürdiges Erlebnis ist, mitunter anstrengend – beim „Schloss“ z. B., weil die Handlung nicht voran kommt –, aber unvergesslich.

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