Lieblingsbücher

Thomas Hardy – The Return of the Native

Mein erster gelesener Roman von Hardy, „Jude the Obscure“ ist mein Lieblingswerk dieses Autors – allerdings teilt es sich diesen Platz mit „Return of the Native“(und dicht dahinter kommt wahrscheinlich „Far From The Madding Crowd“). Wie sehr ich im Frühling 2011 von guten Büchern verwöhnt wurde! Dieses fand ich ganz überraschend in unserer örtlichen Bibliothek – außer mir liest dort sicher keiner Hardy, und erst recht nicht im Original. Der Titel wirkt etwas rätselhaft, bei „native“ denke ich an Indianer, Ureinwohner; tatsächlich handelt es sich um einen „Einheimischen“, und hier um jemanden, der seine Heimat verlassen hat und nun wieder dorthin zurückkehrt.

Quelle: amazon.com

Dieser Jemand ist Clement Yeobright, Clym genannt (hier wie in anderen Büchern kommt Hardys Vorliebe für ungewöhnliche Namen zur Geltung). Er kommt aus dem glamourösen Paris, wo er als Diamantenhändler arbeitete, zurück ins ländliche Wessex, nach Egdon Heath. Der Roman beginnt mit der grandiosen Beschreibung der stürmischen, je nach Wetter ständig anders aussehenden Heide, die dem Ort ihren Namen gibt, ein einsamer, mystischer Ort und der perfekte Schauplatz für die sich entspinnende Handlung. Seine uralte, „heidnische“ Aura wird noch verstärkt, als die Menschen abends Feuer entzünden, es ist „Guy Fawks Night“ (5. November) und die Dorfbevölkerung versammelt sich, tanzt und plaudert. Nicht dabei ist Eustacia Vye, ein eigensinniges Mädchen, schön, stolz und wild wie die Heide. Sie wohnt in einem abgelegenen Haus mit ihrem Großvater, hat ihr eigenes Feuer entfacht und wartet auf ihren Geliebten, den Gastwirt Damon Wildeve. Dieser wollte eigentlich ein anderes Mädchen heiraten, Thomasin, die sogar mit ihm davongelaufen war, es sich im letzten Moment aber anders überlegt. Nun macht er seiner Verflossenen Eustacia den Hof und will sie überreden, mit ihm nach Amerika auszuwandern. Sie lehnt ab, weil sie weiß, dass ihr noch jemand besseres über den Weg laufen wird, und so kommt es auch: Als sie den heimgekehrten Clym trifft, ist es um sie beide geschehen. Das Problem ist, dass Clyms Mutter sie nicht ausstehen kann – sie hätte den Sohn lieber mit ihrer Nichte Thomasin verheiratet. Aber die muss sich ja diesen notorisch untreuen Gastwirt suchen. Obwohl sie längst das Herz einer weiteren Figur gewonnen hat, die mir das Buch besonders wert machte: des „Reddleman“ Diggory Venn. Ein „Reddleman“ war ein landwirtschaftlicher Beruf: Er kennzeichnete die Schafe mit rotem Ocker, wodurch er selbst von Kopf bis Fuß völlig eingefärbt war; dies und der Umstand, dass er für seine Arbeit ständig unterwegs war, ein Vagabund quasi, machten ihn mehr oder weniger zu einem Außenseiter. Vermutlich wollte ihn Thomasin deshalb auch nicht heiraten, als er ihr einen Antrag machte, er bleibt ihr aber trotzdem treu ergeben (er bringt sie beispielsweise zurück zu ihrer Tante, als sie ihre Hochzeit mit Wildeve beim ersten Mal platzen lässt). Er wirkt durch sein rotes Aussehen zwar unheimlich, taucht mal auf und ist wieder verschwunden, ist aber ein grundehrlicher Mensch, der die Sympathie des Lesers unwillkürlich anzieht.

Wie immer bei Hardy ist alles sehr schicksalshaft und die lokalen Bewohner dienen als moralische Instanz allen Geschehens, wie eine Art Chor. So wird Eustacia weitläufig als seltsam angesehen, manche halten sie sogar für eine Hexe (stellvertretend verbrennt eine Frau eine Puppe, die ihr ähnelt, um den „bösen Zauber“ abzuwehren). Auf diese Weise steht ihre Ehe mit Clym von Anfang an unter keinem guten Stern. Zudem hatte sie geglaubt, er würde sie mit nach Paris nehmen, weg aus der Einöde ihrer Heimat, während Clym das Landleben genießt und Dorfschullehrer werden will. Er beginnt sogar, wie andere Männer in Egdon Heath, Ginster zu schneiden (eine der wenigen Nutzpflanzen, die dort wachsen) – statt eines mondänen Lebens findet sich Eustacia in einem kleinen Cottage auf der Heide wieder, ohne Aussicht darauf, dass sich dies bald ändern wird. So verwundert es nicht, dass sie sich wieder ihrer alten Liebe Wildeve zuwendet, der unerwartet zu Geld gekommen ist. Als dieser sie an einem schwülheißen Sommertag besucht, und plötzlich auch Clyms Mutter an die Tür klopft, wagt Eustacia nicht, ihr zu öffnen – eine verhängnisvolle Entscheidung, die alte Frau stirbt an den Folgen eines Hitzschlags und eines Kreuzotterbisses. Natürlich gibt ihr Sohn seiner Frau die Schuld, sie entfremden sich, Eustacia fasst den verzweifelten Plan, mit Wildeve zu fliehen und in einer stürmischen Regennacht kulminiert alles in der unvermeidlichen, Hardy-typischen Katastrophe …

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Quelle: http://www.davidsongalleries.com/artists/leighton/leighton.php

Holzschnitt von Clare Leighton: Diggory Venn sitzt vor seinem kleinen Schäferwagen

Diese Tragik ist einer der Hauptgründe, warum ich so ein Fan von Hardys Romanen bin, wie schon in „Two On A Tower“ erwähnt, weiß man von Anfang, worauf man sich einlässt und dass es trotz allen Hoffens und Bangens nicht gut ausgehen kann. „Return of the Native“ bildet dabei aber eine gewisse Ausnahme, weil das Buch zunächst als Serienroman in einer Zeitschrift erschien und Hardy deshalb als Zugeständnis an den Publikumsgeschmack den ursprünglich geplanten Epilog – alle bleiben einsam und unglücklich – in einen positiveren umschrieb: zu meiner Freude bekommt mein Freund, der Reddleman, doch noch seine Thomasin, die Szene ist ganz zauberhaft mit dem Mond, einem Maitanz und einem Handschuh:

Venn started as if he had not seen her—artful man that he was—and said, „Yes.“

„Will you come in?“

„I am afraid that I—“

„I have seen you dancing this evening, and you had the very best of the girls for your partners. Is it that you won’t come in because you wish to stand here, and think over the past hours of enjoyment?“

„Well, that’s partly it,“ said Mr. Venn, with ostentatious sentiment. „But the main reason why I am biding here like this is that I want to wait till the moon rises.“

„To see how pretty the Maypole looks in the moonlight?“

„No. To look for a glove that was dropped by one of the maidens.“

Thomasin was speechless with surprise. That a man who had to walk some four or five miles to his home should wait here for such a reason pointed to only one conclusion—the man must be amazingly interested in that glove’s owner.

„Were you dancing with her, Diggory?“ she asked, in a voice which revealed that he had made himself considerably more interesting to her by this disclosure.

„No,“ he sighed.

„And you will not come in, then?“

„Not tonight, thank you, ma’am.“

„Shall I lend you a lantern to look for the young person’s glove, Mr. Venn?“

„O no; it is not necessary, Mrs. Wildeve, thank you. The moon will rise in a few minutes.“

Thomasin went back to the porch. „Is he coming in?“ said Clym, who had been waiting where she had left him.

„He would rather not tonight,“ she said, and then passed by him into the house; whereupon Clym too retired to his own rooms.

When Clym was gone Thomasin crept upstairs in the dark, and, just listening by the cot, to assure herself that the child was asleep, she went to the window, gently lifted the corner of the white curtain, and looked out. Venn was still there. She watched the growth of the faint radiance appearing in the sky by the eastern hill, till presently the edge of the moon burst upwards and flooded the valley with light. Diggory’s form was now distinct on the green; he was moving about in a bowed attitude, evidently scanning the grass for the precious missing article, walking in zigzags right and left till he should have passed over every foot of the ground.

„How very ridiculous!“ Thomasin murmured to herself, in a tone which was intended to be satirical. „To think that a man should be so silly as to go mooning about like that for a girl’s glove! A respectable dairyman, too, and a man of money as he is now. What a pity!“

At last Venn appeared to find it; whereupon he stood up and raised it to his lips. Then placing it in his breastpocket—the nearest receptacle to a man’s heart permitted by modern raiment—he ascended the valley in a mathematically direct line towards his distant home in the meadows.

Abgesehen von solcher Romantik ist natürlich wieder jede Menge Leidenschaft im Spiel – die angedeutete außereheliche Liebschaft von Eustacia und Wildeve kam einem Skandal in der Viktorianischen Literatur gleich – und besonders, wenn die Geschichte zum Besuch von Clyms Mutter mit tödlichem Ausgang kommt, wird man das Gefühl nicht los, dass die Figuren wie Marionetten hilflos den vorgezeichneten Weg gehen müssen, dass alles genau so kommt, wie es kommen muss und es kein Entkommen gibt. Und wenn der Ruf, wie in Eustacias Fall, erst mal ruiniert ist, kann ihn nichts mehr reinwaschen: Wer sich nicht an die Regeln hält, hat nur den Tod verdient. Anders verhält es sich mit Diggory Venn: Er gibt seinen dreckigen Beruf auf, wäscht sich rein und wird ein „respectable dairyman“, ein Milchbauer, der sogar für Thomasin akzeptabel ist. Definitiv ein Lieblingscharakter von mir und gleiches kann man von diesem Roman sagen, einer der besten aus dieser Epoche – wer noch nichts von Hardy gelesen hat, sollte schnellstens damit anfangen. Und dieses Buch ist der perfekte Einstieg dafür, man ist am Ende wenigstens nicht völlig deprimiert.

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