Lieblingsbücher/Und dann war da noch

Astrid Lindgren – Ronja Räubertochter

Als ich heute Morgen aus dem Fenster sah, lag dichter Nebel über der Stadt und ich wurde an eine Episode aus „Ronja Räubertochter“ erinnert, als Ronja Birk im Nebel zurück zur Burg führen soll und beinahe zu den Unterirdischen hinab gelockt wird. Deshalb beschloss ich kurzerhand, über dieses Buch einen Post zu schreiben, das immerhin einen recht wichtigen Platz in meiner Lesekarriere einnimmt: Es war nicht nur das erste Buch von Astrid Lindgren, das ich las, sondern der erste „Roman“ nach all den Märchen und Geschichten, die ich vorher verschlungen hatte (natürlich ein Roman für Kinder, aber mit Kapiteln und einer stringenten Handlung über ca. 250 Seiten). „Ronja“ war ein Weihnachtsgeschenk, als ich acht Jahre alt war, und enthält vorn eine schöne Widmung von meinem Papa.

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Quelle: zvab.com

Ich glaube, dass den allermeisten der Inhalt von „Ronja Räubertochter“ gut vertraut ist, aber ich fasse ihn noch einmal kurz zusammen: Ronja lebt mit ihrem Vater Mattis, einem gefürchteten Räuberhauptmann, ihrer Mutter Lovis und zwölf Räubern in einer Burg tief im Wald. Sie liebt den Wald, streift dort den ganzen Tag umher und ist stark und furchtlos wie eine Amazone oder eine Wilddrude – dies ist eines der fantastischen Wesen, die im Mattiswald hausen, auch Trolle und Wichte und Gnomen gehören dazu, manche sind harmlos, manche grausam und gefährlich. Lange Zeit glaubt sie, sie wäre das einzige Kind, von der Welt außerhalb des Walds weiß sie nichts (und lange auch nicht von dem nicht unbedingt ehrenhaften Handwerk des Vaters). Bis sie eines Tages plötzlich ein anderes Kind trifft, einen Jungen namens Birk, der offensichtlich der Sprössling des geschmähten und verhassten Feindes von Mattis ist: Borka, ebenfalls Räuberhauptmann. Wie sich herausstellt, hat sich dieser nach heftiger Verfolgung durch Landsknechte mitsamt seiner Bande in Mattis‘ Burg einquartiert – die nach einem Gewitter in der Mitte gespalten ist, sodass die eine Hälfte leer steht und es auch keine Verbindung zum anderen Teil mehr gibt. Während sich die Väter bis aufs Blut bekämpfen, freunden sich die Kinder allmählich an, auch weil sie sich gegenseitig das Leben retten. Doch als ihre Sippen davon Wind bekommen und Mattis zu einem hinterhältigen Mittel greift, um Borkas Auszug zu erpressen, muss Ronja die schmerzliche Wahl zwischen ihrem geliebten Vater und Birk treffen. Sie entschließt sich, aus der vertrauten Burg auszuziehen und lebt mit Birk einen Sommer lang in der sogenannten Bärenhöhle. Fast müssen sie dort noch überwintern, denn ein Zurück gibt es erst, wenn die beiden dickschädligen Räuberhauptmänner Verstand angenommen haben …

Wie „Die Brüder Löwenherz“ spielt auch „Ronja Räubertochter“ in einer unbestimmten, archaischen Zeit (bestimmte Begriffe wie „Abtritt“ oder „Gemächt“ musste ich erst nachschlagen) und wenn man die seltsamen Wesen aus dem Mattiswald in Betracht zieht, könnte die Geschichte fast märchenhaft anmuten. Aber vor diesem Hintergrund wirken die Figuren sehr real und lebendig, allen voran Ronja, ein weiteres starkes und selbstbewusstes Mädchen, wie sie bei Astrid Lindgren oft zu finden sind – man denke nur an Pippi, Madita, Lotta, Tjorven, Eva-Lotta … Da ihr Vater sie vor ihrem ersten Waldausflug auf alle dort lauernden Gefahren aufmerksam gemacht hat, stellt sich Ronja diesen und übt so lange, bis sie keine Angst mehr hat.

In den Fluss zu plumpsen, davor sollte sie sich hüten, hatte Mattis gesagt, und darum sprang sie am Ufer kühn und keck von einem glatten Stein zum anderen, dort wo das Wasser am wildesten toste. Schließlich konnte sie sich ja nicht im Wald davor hüten in den Fluss zu plumpsen. Sollte das Sich-Hüten überhaupt von Nutzen sein, dann musste sie es bei den Stromschnellen und Strudeln und nirgendwo sonst üben.

Mattis ist ihr geliebtes und verehrtes Vorbild, selbst noch, nachdem sie eines Abends in seine Tätigkeit eingeweiht wird. Mit seiner handfesten, lautstarken und fröhlichen Art gibt er ihrer Welt Sicherheit und Halt. Dagegen wirkt ihre Mutter Lovis eher im Hintergrund, als ruhender Pol ist sie wie eine ausgleichende und vernünftige Gegenkraft zu Mattis‘ Ungestüm und Impulsivität. Trotzdem kann sie sich sehr gut als einzige Frau unter 13 Männern behaupten und verteilt auch mal Ohrfeigen, wenn es not tut. Ich habe mich manchmal gefragt, wie sie auf die Burg gekommen ist, ob Mattis sie auch geraubt hat oder ob sie sich abenteuerlustig ihm einfach angeschlossen hat. Und ob all den Räubern immer ganz klar ist, dass es sich um die Frau vom Chef handelt. – Solche Fragen stellen sich die jüngeren Leser natürlich nicht. Der interessanteste Charakter unter den Räubern ist zweifellos Glatzen-Per, der älteste und erfahrenste von allen. Ein schlauer Fuchs, ist er für Mattis Berater und fast eine Art Ziehvater (wie man beiläufig erfährt, war er schon unter Mattis‘ Vater aktiv) und gibt gern kluge Kommentare à la „Prahle erst, wenn du heimreitest“ ab.

Die Themen der Geschichte sind universal: Freundschaft und Feindschaft, Mut, Erwachsenwerden und das damit einhergehende Formen einer eigenen Meinung sowie Konflikte mit den Eltern und das Überwinden von Vorurteilen („Alle Borkaräuber sind Hosenschisser!“). Auch der Tod wird nicht ausgeklammert, sei es im Fall von Glatzen-Per oder als Ronja und Birk beim Baden fast ertrinken – doch auch diese Situation bestehen sie gemeinsam („Wie gut es ist, jemanden so zu lieben, dass man selbst das Schlimmste nicht zu fürchten braucht“). Überhaupt ist ihre Freundschaft unglaublich stark, sie sprechen sich als „Bruder“ und „Schwester“ an und vielleicht hat Birks Mutter Undis ja recht, wenn sie sagt: „Schwester! Ha, was daraus in ein paar Jahren wird, weiß man ja.“ Ihre Liebe zueinander ist auf jeden Fall groß genug, dass sie sich von keinen widrigen Umständen oder Eltern davon abhalten lassen, sich heimlich zu sehen. In der Nacht von Ronjas Geburt (als anscheinend auch Birk auf die Welt kam) schlägt der Blitz in die Burg ein und teilt sie mittendurch, bis in den Felsen hinunter, auf dem sie steht. Der entstandene Abgrund wird „Höllenschlund“ genannt, und hier begegnen sich Ronja und Birk zum ersten Mal.

„Ronja wusste, dass sie nicht das einzige Kind auf der Welt war. Nur auf der Mattisburg war sie es und im Mattiswald. Aber Lovis hatte ihr gesagt, dass es anderswo viele Kinder gab, und von zweierlei Art, solche, die zu Mattisen wurden, wenn sie groß waren, und solche, die zu Lovisen wurden. Ronja selbst würde eine Lovis werden. Und irgendwie spürte sie, dass der dort drüben, der die Beine über dem Höllenschlund baumeln ließ, ein Mattis werden würde. Und sie lachte leise, weil es ihn gab. Da sah er sie, und lachte auch. „Ich weiß, wer du bist. Du bist die Räubertochter, die immer im Wald herumrennt.“

Die Treffen der verfeindeten Banden finden ebenso an diesem Abgrund statt, und im Winter treffen sich die Kinder in einem Kellergewölbe, nachdem Ronja mühevoll alle Steine zur Seite geräumt hat, die den Durchgang vorher versperrten (eine schöne Metapher). Während ihrer Zeit in der Bärenhöhle streiten sich die beiden einmal so heftig, dass Ronja weg läuft, bis Birk es schließlich mit der Angst zu tun bekommt und sie im ganzen Wald sucht. Später, als es um Ronjas Rückkehr zur Mattisburg geht, ist sie fest entschlossen, Birk nicht allein zu lassen: entweder kommt er mit oder sie erfriert zusammen mit ihm in der Höhle. Nichts auf der Welt kann sie trennen, das wird nicht nur ihnen bald klar, sondern auch ihren Eltern. Übrigens wollen sie beide keine Räuber werden, Ronja hat eine bessere Idee: sie könnten im Bergwerk nach Gold graben.

Quelle: pinterest.com 

Wer mehr Illustrationen sehen möchte, sollte sich die Seite http://ivynettle.wordpress.com/2011/12/17/a-night-with-ronia/ ansehen: Die Bloggerin hat sämtliche Bilder mit großem Talent und Fleiß koloriert!

 

Abschließend möchte ich die wunderbare, herzhafte Sprache rühmen – Ronja-Fans erkennt man daran, dass sie Ausdrücke wie „Zum Donnerdrummel“ oder „Wiesu denn bluß“ verwenden – sowie die wie immer großartigen Illustrationen von Ilon Wikland, die Ronjas Welt in glorreichem Schwarz und Weiß zum Leben erwecken. Ich erinnere mich übrigens noch, wie ich das Buch zum allerersten Mal las, wie ich an einem Winternachmittag, als es langsam dunkel wurde, das Licht anknipste, zurück ins kuschelige Bett kletterte und die Freundschaft von Ronja und Birk mit dem Pferd Lia erlebte. Einige Zeit später, aus Anlass des 90. Geburtstags von Astrid Lindgren, kam die Verfilmung von 1984 im Fernsehen. Ich war irritiert, weil umgekehrt zum Buch Ronja hier glattes Haar hat und Birk krauses („sein Haar stand ihm wie ein Goldhelm um den Kopf“). Andererseits freute ich mich, endlich das Wolfslied zu hören, dass Lovis allabendlich singt. Ich habe das Buch seit dem ersten Mal so oft gelesen, dass ich die zitierten Stellen oft aus dem Gedächtnis schreiben konnte. So ist das mit den Lindgren-Büchern: Wenn man sie erst mal kennt, bleiben sie einem wie gute Freunde für immer erhalten.

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Ein Kommentar zu “Astrid Lindgren – Ronja Räubertochter

  1. Die Sache mit den Haaren ist so ziemlich das einzige an dem Film, was mich stört – aber diese eine Sache macht mich dafür wahnsinnig.

    Das ist wahrscheinlich eins von den Büchern, die ich am häufigsten zitiere – vor allem „wiesu denn bluß?“ bei jeder Gelegenheit.

    (Und kleine Korrektur: Es sind noch längst nicht alle Illustrationen, die ich ausgemalt habe. Bei weitem nicht.)

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