Ein Monat - ein Buch

Februar 2004: George Orwell – 1984

„Es war ein strahlend kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn.“ Der erste Satz aus „1984“ ist wahrscheinlich einer der bekanntesten Einleitungssätze der Literaturgeschichte. Der Leser wird sofort gewahr, dass hier etwas faul ist im Staate Ozeanien, dass in dieser Welt die Uhren anders gehen. Sie sind noch das kleinste Problem in der anschließend geschilderten Dystopie, wo der sprichwörtlich gewordene „Big Brother“ alles sieht und selbst das Denken mithilfe des „Neusprech“ manipuliert werden soll: Das Ministerium für Frieden steuert den Krieg (gegen den jeweiligen Feind in den wechselnden Bündnissen zwischen den Reichen Ozeanien, Eurasien und Ostasien), das Ministerium für Wahrheit ist für Propaganda zuständig und wenn man etwas toller, schöner, fantastischer findet, ist es „plusgut“ oder sogar „doppelplusgut“ (das von mir gern verwendete „minusgut“ als Äquivalent für „schlecht“ kommt dagegen im Buch nicht vor, es heißt „ungut“). Die von der Partei vorgegebenen Wahrheiten und Fakten müssen verinnerlicht und exakt wiedergegeben werden, denn jeder Zweifel daran wäre ein Gedankenverbrechen. Das Neusprech soll die Sprache dahingehend ändern, dass solche gegen die Partei gerichteten Gedanken schließlich nicht mehr möglich sind – wenn es keine Worte dafür gibt, kann der Mensch sie auch nicht ausdrücken, nicht einmal in seinem Kopf.

Im erwähnten Ministerium für Wahrheit arbeitet die Hauptfigur des Romans, Winston Smith. Zu dessen Aufgaben gehört z. B. das Retuschieren der Vergangenheit, weil eine Person zur „Unperson“ erklärt wurde oder sich die Kriegsallianz geändert hat. Winstons Leben ist wie das aller anderen möglichst gleichgeschaltet und ereignisarm, geprägt von Versorgungsengpässen und der Angst, durch eine unbedachte Handlung oder Äußerung aufzufallen und denunziert zu werden, was furchtbare Konsequenzen hätte. Die Überwachung erfolgt über immer präsente Spitzel und Fernsehbildschirme, die in jeder Wohnung stehen, sich nicht abschalten lassen und nicht nur Bilder senden, sondern auch aufnehmen können. Sie erfüllen gleichzeitig die praktische Aufgabe der Dauerberieselung durch Propaganda und Aufhetzung gegen den angeblichen Staatsfeind Emmanuel Goldstein, der im Untergrund eine Gegenbewegung organisieren soll. Winston ist dem ganzen zunehmend überdrüssig und beginnt, manche Dinge zu hinterfragen (beispielsweise den dauerhaften Kriegszustand – die Bomben könnten auch von Staat selbst abgefeuert worden zu sein, um die Bewohner gefügig zu machen). Weil er mit niemanden darüber reden kann, beginnt er, ein Tagebuch zu führen. Eine junge Frau erregt seine Aufmerksamkeit und er glaubt zunächst, sie sei von der Gedankenpolizei und wolle ihn ausspionieren. Stattdessen nimmt Julia verstohlen Kontakt mit ihm auf und sie beginnen eine Affäre, ein Schwerverbrechen in diesem System, wo Liebe und Sex nur bei Ehepaaren erlaubt sind und auch dann höchst subversiv wirken (Kinder sollen zunehmend durch künstliche Befruchtung entstehen). Ihre heimlichen Treffen finden in einem altmodisch eingerichteten Raum ohne Überwachungsbildschirm statt, den sie von einem scheinbar harmlosen Ladenbesitzer mieten. Doch ihre geplante Rebellion wird bereits im Keim erstickt, die Gedankenpolizei weiß längst Bescheid und verhaftet das Paar. Im Ministerium für Liebe wird Winston nicht nur gefoltert, sondern auch völlig gebrochen – u. a., indem er mit seiner schlimmsten Angst, der vor Ratten, konfrontiert wird – und umerzogen. Er opfert seine Würde, seine Überzeugungen und schließlich seine Liebe zu Julia. Der letzte Satz des Romans lautet dementsprechend: „Er liebte den Großen Bruder.“

Als düstere Zukunftsversion über die Auswirkungen eines dritten, atomaren Weltkriegs zwischen den Supermächten liest sich „1984“ heute noch immer erschreckend real, und wird ja in aktuellen Debatten gern einmal als warnendes Beispiel oder längst wahrgewordene Fiktion zitiert. Selbst wenn Orwell über die perfiden Foltermethoden diverser Systeme nur wenig wissen konnte, kommt er der Wahrheit vermutlich näher, als einem lieb sein kann. Ganz zu schweigen vom modernen „Überwachungsstaat“ – die Menschen im Roman wissen zumindest, dass sie unablässig beobachtet und abgehört werden, wir dagegen sind uns dessen oft nicht bewusst, verdrängen es oder gehen davon aus, dass unsere Privatsphäre durch Gesetze und Regulierungen geschützt sei. Die Mehrheit der Bevölkerung von Ozeanien machen die „Proles“ aus, eine arme Unterschicht, die durch Dauerberieselung von Musik und Fernsehen sowie Lotteriespielen bewusst verdummt und klein gehalten werden soll, damit sie auf keine aufrührerischen Ideen kommt – etwa, dass es ihnen vor der Revolution besser ging. Und natürlich sind Luxusartikel wie Kaffee, Tee und Zucker ausschließlich den Mitgliedern der Inneren Partei vorbehalten. Kein Wunder, dass der Roman in kommunistischen Staaten verhasst war …  „1984“ ist ein sehr deprimierendes Buch, das ich nur einmal lesen mochte (obwohl ich später eine Ausgabe davon in der Schule geschenkt bekam, die ich der Bibliothek gespendet habe, glaube ich). Es gehört sicher zu den wichtigsten Werken des 20. Jahrhunderts, wäre aber beinahe nicht fertig geworden, weil Orwell zum Zeitpunkt des Schreibens schon schwer an Tbc litt. Zusammen mit „Animal Farm“ hat er ein bemerkenswertes Vermächtnis hinterlassen: eine Warnung vor allen totalitären, diktatorischen Systemen, die nichts von ihrer Deutlichkeit verloren hat.

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