Ein Monat - ein Buch

April 2013: Wolfgang Herrndorf – Sand

Noch immer ist mein Post zu „Tschick“, dem Überraschungserfolg von Wolfgang Herrndorf, einer der meistgelesenen Artikel in meinem Blog und nicht unverdient, denn das Buch ist wirklich grandios. Wahrscheinlich suchen Schüler nach Zusammenfassungen oder Interpretationshilfen, weil es verstärkt im Unterricht gelesen wird: um eine solche Schullektüre hätte ich mich damals gerissen.

Wie am Ende meiner „Tschick“-Rezension angemerkt, nahm sich der an einem Gehirntumor erkrankte Autor angesichts des aussichtslosen Kampfes gegen die Krankheit im August 2013 das Leben. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“, der Ende des Jahres auch in Buchform erschien, hielt er den Verlauf seiner Krankheit mit allen Höhen und Tiefen, Hoffnungsschimmern und Rückschlägen fest. Sein Tod ist ein wirklich großer Verlust für die deutsche Literaturlandschaft, denn angesichts von „Tschick“ und dem 2011 erschienenen „Sand“ hatte man auf weitere so wunderbare, gut geschriebene Romane gehofft. Aber das Schicksal wollte es anders.

Ich wollte „Sand“, das 2012 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, seit dem Erscheinen unbedingt lesen und war ein Jahr später glücklich, es in der Bibliothek zu finden, gerade noch rechtzeitig vor meiner Abreise nach England. Wer „Tschick“ kennt und etwas Ähnliches erwartet, ist bei Herrndorf an der falschen Adresse: „Sand“ ist kein Jugendbuch, kein verrückter und abenteuerlicher Road-Trip, sondern einer der raffiniertesten, verdrehtesten und deprimierendsten Romane, der mir je untergekommen ist. Oder wie es der Merkur-Blog formuliert: „Herrndorf hat den größten, grausigsten, komischsten und klügsten Roman der letzten Dekade geschrieben. Er ist aimable; und sein Werk wird bleiben.“  Ein definitiver Höhepunkt meines Literaturjahres 2013.

Auf der Lehmziegelmauer stand ein Mann mit nacktem Oberkörper und seitlich ausgestreckten Armen, wie gekreuzigt. Er hatte einen verrosteten Schraubenschlüssel in der einen Hand und einen blauen Plastikkanister in der anderen. Sein Blick fiel über Zelte und Baracken, Müllberge und Plastikplanen und die endlose Wüste hinweg auf einen Punkt am Horizont, über dem in Kürze die Sonne aufgehen musste.

Als es so weit warm schlug er Schraubenschlüssel und Plastikkanister gegeneinander und rief: „Meine Kinder! Meine Kinder!“

Die östlichen Wände der Baracken flammten hellorange auf. Der hohle, schleppende Rhythmus sank in die bleigrauen Gassen hinab. In Kuhlen und Gräben wie Mumien liegende verschleierte Gestalten erwachten, rissige Lippen formten Worte zu Lob und Preis des alleinigen Gottes. Drei Hunde tauchten ihre Zungen in eine schlammige Pfütze. Die ganze Nacht über war die Temperatur nicht unter dreißig Grad gesunken.

Wie der Titel und der zitierte Anfang des Romans andeutet, spielt „Sand“ zu großen Teilen in einem fiktiven Wüstenstaat in Nordafrika während der 1970er Jahre. Der Palästinakonflikt hat mit dem Terroranschlag während der Olympischen Spiele 1972 einen neuen traurigen Höhepunkt erreicht. In einer Hippiekommune im besagten Land werden mehrere Menschen ermordet. Ein verpeilter Atomspion gibt sein brisantes Mitbringsel an den Falschen weiter. Und in einer Scheune in der Wüste erwacht ein Mann mit einer schmerzenden Kopfwunde und ohne jedes Erinnerungsvermögen, wer er ist und wie er dorthin gekommen ist.

Es schien nicht der richtige Moment, dem Mann etwas von Amnesie zu erzählen. Eine frische Leiche, vier bewaffnete Männer in einem Jeep, ein irr blickender Fellache mit Mistgabel: Die Situation war unübersichtlich.

Rein zufällig wird er von Helen, einer schönen amerikanischen Touristin, aufgegabelt, die sich um ihn kümmert und in ihrem Bungalow einquartiert, deren Absichten in diesem Land aber nicht völlig unschuldig sind. Sie mag dem gutaussehenden Mann, der sich wegen eines Etiketts in seinem Hemd Carl nennt und dessen einziger Anhaltspunkt auf seine Identität ein paar Papierfetzen mit dem Namen „Cetrois“ sind, seine komplette Amnesie nicht ganz glauben. Er muss um sein Leben fürchten, denn anscheinend hat er etwas, worauf mehrere Leute, vom Geheimdienst bis zum lokalen Gangsterboss (der ihm mit dem Tod von Frau und Kind droht; schlecht, wenn sich Carl gar nicht bewusst ist, eine Familie zu haben), scharf sind, und die einzige, der er Vertrauen schenkt, ist Helen. Doch am Ende ist ausgerechnet sie es, die eiskalt seine Entführung und Folterung beauftragt – und leitet. Nur leider kann er sich wirklich an nichts erinnern und wenn er kurzzeitig das Gewünschte tatsächlich hatte, ist es ihm durch einen dummen Zwischenfall wieder abhanden gekommen.

Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein, überfällt die meisten Menschen einmal in ihrem Leben, nicht selten gegen Ende der Schulzeit oder zu Beginn der Berufsausbildung, und die intelligenteren eher als die unintelligenten. Aber nicht alle leiden gleich stark darunter. Wer mit den Idealen des persönlichen Verdienstes, der Leistung, des Herausragens als Kind nicht ausreichend vertraut gemacht worden ist, wird das Bewusstsein blasser Durchschnittlichkeit vielleicht hinnehmen wie eine zu große Nase oder zu dünnes Haar. Andere wieder reagieren darauf mit den bekannten Fluchtbewegungen, die von exzentrischer Kleidung über exzentrisches Leben bis hin zur ehrgeizigen Suche nach einem Selbst reichen können, das im eigenen Innern vermutet wird wie ein prächtiger verborgener Schatz, welchen die gnädige Psychoanalyse auch dem letzten Trottel zugesteht. Und die Sensiblen reagieren mit einer Depression.

Was ich dem Autor hoch anrechne, ist sein Plot, der manchmal, vor allem am Anfang, sehr verwirrend ist, aber am Ende fügen sich alle Puzzleteile zusammen – aber auch erst dann, bis dahin hat der Leser (zumindest ich, vielleicht war ich auch nur zu unaufmerksam oder blöd) keine Ahnung, wer der Mann ohne Gedächtnis ist, obwohl er gleich zu Beginn des Buches in seiner alten Identität vorkommt. Dann treten relativ viele Charaktere auf, bei manchen erkennt man ihre Funktion nicht wirklich, zum Beispiel bei der etwas dümmlichen Freundin von Helen aus der Hippiekommune, die ständig Tarotkarten legt und auf dem langen Heimflug in die USA ein neues System dafür findet sowie ihren künftigen Ehemann im Sitz nebenan. Solche Abschweifungen spielen für die eigentliche Handlung keine große Rolle, dienen aber dazu, den Leser nur weiter von der richtigen Spur abzulenken. Für Zartbesaitete sind die letzten Kapitel mit den Folterszenen nicht geeignet und das Ende ist, wie erwähnt, unglaublich deprimierend, weil alles, wirklich alles Vorgefallene sowie Carls verzweifelter Kampf ums Überleben umsonst und sinnlos waren. Dieser finale Twist wirkt wie ein Faustschlag und macht das Buch noch bemerkenswerter und unvergesslicher. Bis dahin schlägt die Geschichte viele Haken, man hat Angst, die Übersicht zu verlieren, aber selbst wenn der Leser es mitunter tut: Herrndorf hält zuverlässig alle Fäden in der Hand und webt daraus einen aberwitzigen Agententhriller, bei dem es kein Gut und Böse gibt, nur diverse Interessen, die mitunter kollidieren. Und kleine Kinder in Slums kommen dabei erbarmungslos unter die (Bagger-)Räder.

“Er hob seine Schaufel hoch wie ein Priester die Bundeslade, zeigte sie den Ungläubigen und schob den ganzen Schamott den Hügel hinab.”

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