Ein Monat - ein Buch

Januar 2006: Dorothy Parker – New Yorker Geschichten

Ich übe mich jetzt in der Kunst, einen Post über ein Buch zu produzieren, an dessen Inhalt ich mich kaum mehr erinnern – ich weiß nur, dass mich Dorothy Parkers „New Yorker Geschichten“ damals begeistert haben und glaube, dass es jedem so gehen wird, der sie liest, weshalb ich hier ein bisschen Werbung dafür machen möchte.

Quelle: amazon.com

Dorothy Parker war eine geborene Rothschild und berühmt für ihre geistreichen, wunderbar ironischen Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke. Ihre scharfsinnigen und bissigen Artikel und Kritiken u. a. für die Vanity Fair und den New Yorker machten sie im Big Apple der 1920er Jahre zu einer beliebten und gefürchteten Autorin und ihre Gesellschaften waren berühmt-berüchtigt. Sie war eine selbstbewusste, zielstrebige Frau in einer von Männern dominierten Welt und setzte sich für Frauenrechte und kommunistische Ziele ein, was ihr im späteren Leben ein Berufsverbot einbrachte, sodass sie nicht mehr für Hollywood arbeiten konnte, wo sie zuvor zahlreiche Drehbücher verfasst hatte. Ihre Persönlichkeit fasziniert bis heute. Ich lernte sie zuerst durch die Hörbuchreihe „Starke Stimmen“ kennen (damals, als ich noch Zeit für und Lust auf Hörbücher hatte), wo Elke Heidenreich – ein bekennender Parker-Fan – auf „New Yorker Geschichten“ einige von Parkers Short Stories las. In der von Heidenreich herausgegebenen „Brigitte-Edition“ (damals, als angefangen von der Süddeutschen jede Zeitung glaubte, eine Art Kanon herausgeben zu müssen) erschienen diese Stories unter dem gleichen Titel, sodass ich sie noch einmal nachlesen konnte. An eine davon, „Aus dem Tagebuch einer New Yorker Lady: Von Tagen des Schreckens, der Verzweiflung und Weltveränderung“ erinnere ich mich noch heute mit dem größten Vergnügen und ich war glücklich genug, einen Auszug daraus zu finden, den ich im Folgenden einfüge – simply hilarious.

Mittwoch. In dieser Minute ist das Allerschrecklichste passiert. Mir ist ein Nagel komplett abgebrochen. Das ist ausgesprochen das Schlimmste, was mir je im Leben passiert ist. Habe Miss Rose angerufen, sie soll sofort rüberkommen und ihn mir zurechtfeilen, aber die ist den ganzen Tag unterwegs. Ich habe aber auch wirklich das größte Pech der Welt. Jetzt muß ich den ganzen Tag und die ganze Nacht so herumlaufen, aber was soll man machen? Verdammte Miss Rose. Gestern nacht sehr ausgelassen. «Never Say Good Morning» abscheulich, nie so scheußliche Kostüme auf einer Bühne gesehen. Habe Ollie zu der Party bei den Ballards mitgenommen; der Gipfel. Sie hatten diese Ungarn mit den grünen Röcken, und Stevie Hunter hat dirigiert, mit einer Fresie – zum Schreien. Er hatte Peggy Coopers Hermelinmantel und Phyllis Mintons Silberturban an; unglaublich. Habe einen Haufen göttlicher Leute für Freitag abend zu mir eingeladen; bekam die Adresse von diesen Ungarn mit den grünen Röcken von Betty Ballard. Sie sagt, man braucht sie bloß bis vier zu engagieren, wenn ihnen dann irgendwer nochmal dreihundert Dollar reicht, bleiben sie auch bis fünf. Sowas von preisgünstig. Mit Ollie auf den Heimweg, mußte ihn aber bei sich absetzen; sowas von schlecht, wie ihm war. Heute den Neuen angerufen, ob er zum Essen kommt und hinterher in die Premiere von «Everybody Up» mitgeht, aber er hatte schon was vor. Joe wird ausgehen; hatte natürlich nicht die Güte, mir zu sagen wohin. Angefangen, die Zeitungen durchzublättern, aber nichts drin, außer daß Mona Wheatley in Reno auf unzumutbare Grausamkeit klagt. Jim Wheatley angerufen, ob er heute abend schon was vor hat; er hat. Ollie Martin schließlich konnte. Kann mich nicht entscheiden, ob ich das Weiße aus Satin oder das Schwarze aus Chiffon oder das Gelbe aus Borkencrêpe anziehen soll. Dieser Fingernagel geht mir durch Mark und Pfennig. Nicht zum Aushalten. Kenne niemanden, dem solche Unglaublichkeiten passieren.

Gnadenlos entlarvt Parker die Inhaltslosigkeit und Oberflächlichkeit dieser Social Lady, deren mit Hyperbeln aufgebauschte Banalitäten nicht darüber hinwegtäuschen können, dass jeder Tag wie der andere ist – der einzige Unterschied ist das Dirigierinstrument von Stevie Hunter. Auch die übrigen Geschichten wie „Vetter Larry“, „Nach dem Feuerwerk“ oder „Du warst ganz prima“ sind absolut lesenswert, nicht immer so lustig wie die oben zitierte, sondern auch melancholisch und nachdenklich, aber stets scharf beobachtet und lebendig. Wie anfangs gesagt, sind meine Erinnerungen an das Buch nur noch nebelhaft, deshalb kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Inhalt identisch mit dem des erwähnten Hörbuchs ist, bei meiner Recherche fand ich nur deutlich mehr Einträge zu der gelesenen Fassung, die wirklich super ist. Ohne sie hätte ich mir sicher nicht das Buch ausgeliehen und wäre nie in das Vergnügen gekommen, die wunderbare Mrs Parker kennenzulernen.

Quelle: weldbham.com

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