Ein Buch - mehrere Monate

Charles Dickens – Bleak House

Letzte Woche war es soweit: In der Zahl der Aufrufe für jeden Beitrag überholte „Little Dorrit“ den bislang unangefochtenen Spitzenreiter „Tschick“ und liegt jetzt bei etwa 350 Klicks. Diese Entwicklung ist für mich noch immer unbegreiflich, schließlich handelt es sich um ein eher unbekanntes Buch von Dickens. Entweder werden die Besucher durch irgendein merkwürdiges Schlagwort von Google unabsichtlich dorthin geleitet oder ich bin die einzige deutsche Quelle für etwaige interessierte Leser. Wie auch immer, ich habe dieses Ereignis in meiner Statistik zum Anlass genommen, über ein weiteres Dickens-Werk zu schreiben, das allgemein zu seinen besten gezählt wird und auch von mir mit großer Freude gelesen wurde: „Bleak House“.

Quelle: special.lib.gla.ac.uk

Wie in quasi allen Romanen des Autors haben wir es auch hier mit einem sympathischen „Helden“ zu tun, der trotz widriger Ausgangslage am Ende sein Glück macht: In diesem Fall ist es sogar eine Heldin, die dazu teilweise Erzählerin der Handlung ist. Esther Summerson wird als vermeintliche Waise von ihrer bigotten, hartherzigen Patentante aufgezogen (eigentlich ist es ihre richtige Tante), die dem Kind immer wieder vor Augen hält, das es die Schuld und Schande seiner Mutter ist und eigentlich nicht auf der Welt sein dürfte; die Bedeutung dieser Worte bleiben ihr lange unklar. So wächst Esther zu einer etwas schüchternen und mit Minderwertigkeitskomplexen ausgestatteten, doch sehr liebenswürdigen jungen Frau heran. Nach dem Tod der Tante übernimmt John Jarndyce die Vormundschaft, schickt Esther zur Schule und lässt sie anschließend als eine Art Haushälterin und Gesellschafterin seines Mündels Ada in seinem Anwesen Bleak House wohnen. Um dieses Haus dreht sich ein langwieriger Erbschaftsstreit, anhand dessen Dickens den Court of Chancery kritisiert. Ich bin bei dieser Institution selbst nie ganz durchgestiegen, es handelte sich um einen Gerichtshof für alle Arten von strittigen Rechtsverfahren, dessen Mühlen äußerst langsam mahlten, sodass sich Prozesse oft generationenlang hinziehen und sehr kostenintensiv sein konnten. Dies führt zu einigen satirischen Szenen im Buch und bildet ein Hauptthema der Geschichte. Ein anderes ist die mysteriöse Herkunft von Esther und auf welche Art sie in Beziehung zu Sir Leicester und Lady Dedlock steht, einem distinguierten Adelspaar, das sich auf hohem Niveau langweilt und nebenbei ebenfalls im Jarndyce-Prozess verwickelt ist, ebenso wie Ada und ihr Cousin Richard – die beiden verbindet eine Liebe, die von ihrem Vormund zunächst nicht gebilligt wird. Lady Dedlocks Vergangenheit droht sie einzuholen, als ihr der gewiefte Anwalt Mr Tulkinghorn auf die Spur kommt. Beide versuchen, einen wichtigen Zeugen ausfindig zu machen, den Straßenkehrer Jo, ein obdachloser Junge, der stets beteuert: „I don’t know nothink.“ Und das sind noch längst nicht alle Charaktere und Erzählstränge im „Bleak House“-Universum, das wie bei ursprünglich als Fortsetzungsroman erschienenen Werken üblich sehr umfangreich ist, aber auch viel Spannung und liebenswert-komische Figuren wie den Anwaltsgehilfen Mr Guppy oder die in allen Chancery-Prozessen anwesende Miss Flite enthält. Esther soll eigentlich Mr Jarndyce heiraten, verliebt sich aber in den Arzt Allan Woodcourt, den sie immer nur wie beiläufig als „somebody“ erwähnt, weil sie ihre eigenen Gefühle und Vorkommnisse in ihren Aufzeichnungen ganz hinten anstellt. Im Wechsel mit ihrem Bericht haben wir den eines auktorialen Erzähler, der alles sieht und weiß und dessen scharfzüngige Kritik im Kontrast zu Esthers milderer Sichtweise steht.

London. Michaelmas term lately over, and the Lord Chancellor sitting in Lincoln’s Inn Hall. Implacable November weather. As much mud in the streets as if the waters had but newly retired from the face of the earth, and it would not be wonderful to meet a Megalosaurus, forty feet long or so, waddling like an elephantine lizard up Holborn Hill. Smoke lowering down from chimney-pots, making a soft black drizzle, with flakes of soot in it as big as full-grown snowflakes—gone into mourning, one might imagine, for the death of the sun. Dogs, undistinguishable in mire. Horses, scarcely better; splashed to their very blinkers. Foot passengers, jostling one another’s umbrellas in a general infection of ill temper, and losing their foot-hold at street-corners, where tens of thousands of other foot passengers have been slipping and sliding since the day broke (if this day ever broke), adding new deposits to the crust upon crust of mud, sticking at those points tenaciously to the pavement, and accumulating at compound interest.

Fog everywhere. Fog up the river, where it flows among green aits and meadows; fog down the river, where it rolls defiled among the tiers of shipping and the waterside pollutions of a great (and dirty) city. Fog on the Essex marshes, fog on the Kentish heights. Fog creeping into the cabooses of collier-brigs; fog lying out on the yards and hovering in the rigging of great ships; fog drooping on the gunwales of barges and small boats. Fog in the eyes and throats of ancient Greenwich pensioners, wheezing by the firesides of their wards; fog in the stem and bowl of the afternoon pipe of the wrathful skipper, down in his close cabin; fog cruelly pinching the toes and fingers of his shivering little ‚prentice boy on deck. Chance people on the bridges peeping over the parapets into a nether sky of fog, with fog all round them, as if they were up in a balloon and hanging in the misty clouds.

Wie man schon am Romananfang sieht, spielt auch die Stadt London selbst eine wichtige Rolle darin. Die düsteren, schmutzigen Straßen, die von Jungen wie Jo gekehrt werden, die vielen kleinen Straßen und Hintergassen, in denen man sich verlaufen kann und vor allem das Elend eines großen Teils seiner Bevölkerung treten in „Bleak House“ offen zutage. Ebenso, dass nur die wenigsten versuchen, daran etwas zu ändern oder sich in die Slumbezirke vorwagen (wie Lady Dedlock auf der Suche nach Jo). Eher gibt es Damen wie Mrs Jellyby – deren Tochter Caddy eine Freundin von Esther ist –, die sich um ein Missionsprojekt in „Borrioboola-Gha“ am Ufer des Niger kümmert, in einem solchen Ausmaß, dass ihr ganzer Haushalt völlig im Chaos versinkt, weil sie für nichts anderes mehr Zeit hat:

Peepy (so self-named) was the unfortunate child who had fallen downstairs, who now interrupted the correspondence by presenting himself, with a strip of plaster on his forehead, to exhibit his wounded knees, in which Ada and I did not know which to pity most—the bruises or the dirt. Mrs. Jellyby merely added, with the serene composure with which she said everything, „Go along, you naughty Peepy!“ and fixed her fine eyes on Africa again.

However, as she at once proceeded with her dictation, and as I interrupted nothing by doing it, I ventured quietly to stop poor Peepy as he was going out and to take him up to nurse. He looked very much astonished at it and at Ada’s kissing him, but soon fell fast asleep in my arms, sobbing at longer and longer intervals, until he was quiet. I was so occupied with Peepy that I lost the letter in detail, though I derived such a general impression from it of the momentous importance of Africa, and the utter insignificance of all other places and things, that I felt quite ashamed to have thought so little about it.

Die Dialekte in „Bleak House“ sind ebenfalls sehr interessant, und wer das Original lesen kann, wird bald auf den typischen Cockney-Akzent stoßen (etwa wenn Mr Guppy dauernd von dem „image imprinted on his ‚eart“ spricht) oder wenn an Jos Sprache das Ausmaß seines elenden Lebens ohne Fürsorge oder Bildung deutlich wird: Er versteht nichts von der Welt und keiner glaubt ihm bzw. wird er lediglich als potenzieller Krimineller angesehen, als Bedrohung für die ehrenwerte Gesellschaft.

„You are very poor, ain’t you?“ says the constable.

„Yes, I am indeed, sir, wery poor in gin’ral,“ replies Jo. „I leave you to judge now! I shook these two half-crowns out of him,“ says the constable, producing them to the company, „in only putting my hand upon him!“

„They’re wot’s left, Mr. Snagsby,“ says Jo, „out of a sov-ring as wos give me by a lady in a wale as sed she wos a servant and as come to my crossin one night and asked to be showd this ‚ere ouse and the ouse wot him as you giv the writin to died at, and the berrin-ground wot he’s berrid in. She ses to me she ses ‚are you the boy at the inkwhich?‘ she ses. I ses ‚yes‘ I ses. She ses to me she ses ‚can you show me all them places?‘ I ses ‚yes I can‘ I ses. And she ses to me ‚do it‘ and I dun it and she giv me a sov’ring and hooked it. And I an’t had much of the sov’ring neither,“ says Jo, with dirty tears, „fur I had to pay five bob, down in Tom-all-Alone’s, afore they’d square it fur to give me change, and then a young man he thieved another five while I was asleep and another boy he thieved ninepence and the landlord he stood drains round with a lot more on it.“

„You don’t expect anybody to believe this, about the lady and the sovereign, do you?“ says the constable, eyeing him aside with ineffable disdain.

„I don’t know as I do, sir,“ replies Jo. „I don’t expect nothink at all, sir, much, but that’s the true hist’ry on it.“

Im Roman hat einer der ersten Detektive der Literaturgeschichte seinen Auftritt, Inspector Bucket, der Modell für viele seiner Nachfolger stand. Ihm gelingt es am Ende, alle Wirrungen und Rätsel um Esthers Herkunft aufzuklären. Doch wichtiger für das Mädchen ist, dass sie nach allem Leid glücklich mit ihrem Allan vereint wird, der sie trotz ihrer von einer schweren Krankheit zurückgebliebenen Pockennarben liebt. Der Chancery-Prozess findet seinen Abschluss, doch der Sinn, das Ergebnis und die dafür aufgebrauchten Mittel bleiben fraglich.

Quelle: kingscollections.org 
Jo zeigt der geheimnisvollen Dame den Ort, wo ihre Vergangenheit begraben liegt
 

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