Ein Monat - ein Buch/Lieblingsbücher

Januar 2007: Sven Regener – Herr Lehmann

Allgemein bin ich kein großer Fan von Hörbüchern. Für mich ist es schwieriger, stundenlang einer Stimme zuzuhören als selber zu lesen, und ich habe im Gegensatz zum Lesen auch nicht das Gefühl, dabei etwas sinnvolles oder intellektuell forderndes zu tun. Außerdem sind die meisten Hörbücher ohnehin gekürzt, sodass sie nicht einmal als Ersatz zur Lektüre taugen. Doch wie immer gibt es Ausnahmen und zwei davon werden mir immer in bester Erinnerung bleiben: Zum einen die ungekürzte Lesung der „Buddenbrooks“ von Gerd Westphal, die mich zwei Mal durch meine Sommerferien begleitet haben, und zum anderen „Herr Lehmann“, gelesen vom Autor Sven Regener selbst. Seine Vortragsweise macht viele Szenen und Dialoge noch amüsanter, es ist einfach einmalig. Bekannt wurde ich damit wahrscheinlich Anfang 2004 herum, als einzelne Folgen in der „Lesezeit“ bei MDR Figaro liefen, ein unvergesslicher Spaß. Mittlerweile habe ich die Audio-CDs auf meinem Computer und höre mir einzelne Kapitel von Zeit zu Zeit an, wenn ich etwas zum Lachen brauche. Herrn Lehmanns Begegnung mit dem Hund auf dem Lausitzer Platz – es ist spät in der Nacht und das gefährlich wirkende Tier lässt ihn nicht vorbei – finde ich auch beim 10. Hören noch komisch.

Vielleicht sollten wir mal feststellen, wie du heißt“, sagte Herr Lehmann, der das für eine gute Idee hielt. Ich muss bloß wissen, wie er heißt, dachte er, dann hört er mit dem Scheiß auf, dann wird er friedlich, mit seinem Namen ist er vertraut, er hat ja ein Halsband, also hat er ein Herrchen, also hat er einen Namen, ich brauche bloß seinen Namen zu sage, dann fühlt er sich heimisch, dann ist Autorität da, dachte Herr Lehmann. „Bello“, schlug er vor. Der Hund rührte sich nicht. „Hasso?“ Nichts.

[…]

Harro?“ Auch dieser Name bewirkte nichts. „Bello, Rüdiger, Fiffi – nein, wie ein Fiffi siehst du eigentlich nicht aus – Kuddel, Saftsack – wie gehen denn jetzt diese Hundenamen noch mal – Otsche?“ Otsche, so hatte der Hund einer lange verstorbenen Großtante von ihm geheißen, es war ein kleiner Langhaardackel gewesen, den am Ende ein Lieferwagen überfahren hatte, Herr Lehmann hatte ihn damals, als er noch ein Kind war, aus tiefstem Herzen gehasst. „Wastl, Hansi, Lassie, Wauwau, Watschel, Spinnebein …“ Der Hund zeigte kein Interesse. „Watzmann, Bootsmann, Boxi, Boskop …“

Aber an dieser Stelle soll es um das Buch gehen, und das las ich erst drei Jahre später, wodurch ich sogar feststellte, dass die Lesung (natürlich) nicht vollständig war, einzelne Kapitel fehlten – der Besuch seiner Eltern und sein Besuch in Ostberlin mit anschließender Verhaftung –, aber das fiel nicht sehr auf. Wie der Titel schon verrät, ist der (Anti-)Held der Handlung Herr Lehmann, der eigentlich Frank heißt und dessen Freunde ihn zum Gag plötzlich mit Nachnamen anreden, weil er demnächst 30 wird [mir fällt gerade auf, dass mir das damals als recht alt vorkam, und nun nähere ich mich langsam aber sicher selber dieser Zahl an…]. Der Roman hat keine richtige Handlung, er enthält eher Episoden aus Herrn Lehmanns Leben im Sommer und Herbst 1989. Er lebt in Berlin-Kreuzberg, die Mauer steht noch und Westberlin ist wie eine kleine, abgeschottete Insel inmitten der DDR, wo die schrägsten Typen rumlaufen und eine ganz besondere Atmosphäre herrscht – dies wird noch besser in einem anderen Buch beleuchtet, „Der kleine Bruder“. Herr Lehmann arbeitet in einer Kneipe namens „Einfall“ in der Wiener Straße, am liebsten mit seinem besten Freund Karl. Sein Boss Erwin nervt manchmal, ist aber im großen und ganzen okay (vor allem ist er als Schwabe VfB Stuttgart-Fan!), so wie sein ganzes Leben. Nur geht nach und nach plötzlich alles in die Brüche, sein Dasein wird in Frage gestellt und nicht nur angesichts des nahenden runden Geburtstags. Besonders Karl, sonst sein zuverlässiger Fels in der Brandung und ein Kerl wie ein Baum, beginnt sich plötzlich merkwürdig zu verhalten, wie Frank feststellt, als er mal wieder mit ihm eine Kneipenschicht macht.

Oben angekommen, verkaufte er das Bier direkt aus dem Kasten an die Leute weiter, auch wenn einige Klugscheißer sich natürlich gleich darüber beschwerten, dass es nicht richtig kalt sei. „Bier will nicht kalt sein, Bier will getrunken sein“, hielt er ihnen den alten Ruf aus jenen Tagen entgegen, als er und Karl noch im Schrot und Korn gearbeitet hatten, wo Erwin auf den Luxus von Kühlschränken und dergleichen von vornherein verzichtet hatte. Das heiterte ihn zwar ein wenig auf, aber er war trotzdem sehr beunruhigt. Karl putzte immer noch manisch an der Kaffeemaschine herum und machte mit seinem dicken Hintern die Räume eng. Früher war es immer Karl gewesen, der sich um den Nachschub kümmerte, das hatte ihm immer gelegen. […] Es läuft nicht mehr rund mit uns beiden, dachte Herr Lehmann, und dieser Gedanke machte ihn traurig. Wir waren ein gutes Team, dachte er, aber das war einmal, wir waren ein perfektes Team, dachte er, so wie Bonnie und Clyde, wie Dick und Doof, wie Simon und Garfunkel, wie Sacco und Vanzetti oder, dachte er, und musste sich eingestehen, dass dies der Wahrheit am nächsten kam, wie Bud Spencer und Terence Hill. Es ist scheiße, 30 Jahre alt zu werden, ging es ihm durch den Kopf, man beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß.

Es gibt Leute, die sein Dasein als gescheitert ansehen würden – ich unterhielt mich mal mit jemandem, der dieser Meinung war –, weil er keine Pläne schmiedet, von einem Tag zum nächsten lebt und eben mit fast 30 in einer Kneipe arbeitet statt Karriere zu machen, aber Frank gefällt seine Arbeit, selbst wenn er seinen Eltern lieber erzählt, er wäre Restaurantleiter. Auch mit Beziehungen hat er kein großes Glück: Er verliebt sich in „Katrin, die schöne Köchin“ und schafft es auch, etwas mit ihr anzufangen, doch scheint sie nicht das gleiche zu empfinden.

Quelle: amazon.de

Der Roman zeichnet sich durch zahlreiche, nicht immer im nüchternen Zustand hervorgebrachte „philosophische“ Betrachtungen und innere Monologe Herrn Lehmanns aus (siehe oben, „dachte er“ kommt sehr oft im Text vor), vielleicht haben sie nicht das gleiche Niveau wie bei James Joyce, aber komisch und lebensnah sind sie auf jeden Fall. Frappierend ist, wie wenig das Geschehen auf der anderen Seite der Mauer Lehmann und seine Kumpels beschäftigt, mal bekommt er beiläufig was von Demos mit und versteht nicht, wieso Katrin ihn bei seinem Ausflug über die Grenze begleiten will („so spannend wie Spandau am Sonntag“), als er einer Kusine Westgeld überbringen soll. Und am Schluss ist plötzlich die Mauer offen, just an seinem Geburtstag, als er sich alleine besäuft. Doch ansonsten läuft er mit ziemlichen Scheuklappen herum, schon Kreuzberg 61 ist ihm zu weit draußen, sein Leben spielt sich in den wenigen Straßen zwischen dem „Einfall“ und seiner Wohnung ab. So ist es kein Wunder, dass er quasi als Letzter mitbekommt, dass Karl eine manisch-depressive Erkrankung hat, oder dass Katrin mit einem anderen anbandelt, den Herr Lehmann immer als Loser-Typ betrachtet hat (aber vielleicht ist er das ja selbst in Wirklichkeit). Trotzdem muss man ihn einfach mögen, genauso wie Sven Regeners einmaligen Stil, der voll trockenem, typisch norddeutschem Humor ist.

Erwin meint, der Typ da am Tresen wäre ein Zivilbulle“, sagte Herr Lehmann boshaft. „Erwin meint, die spionieren seine Läden aus und wollen Drogenrazzien machen und so.“ „Der da? Der sitzt doch immer nur rum und trinkt Kristallweizen“, sagte Karl. „In der Markthalle ist der auch manchmal.“

Genau, das meine ich ja!“, rief Erwin. „Also ich weiß nicht“, sagte Jürgen und drehte sich zu dem Mann um. „Bei uns ist der auch oft. Erinnert mich irgendwie an Schneider-Jürgen. Außer, dass er Kristall trinkt statt Hefe. Wo ist der eigentlich abgeblieben?“

Wer?“ fragte Karl. „Schneider-Jürgen.“ „Der ist tot“, sagte Erwin. „Echt? Wieso das denn?“ „Keine Ahnung.“

Hm … – also – Zivilbulle … Dann muss der aber ein fettes Spesenkonto haben. Und der will nie eine Quittung.“ „Dürfen die überhaupt im Dienst saufen?“ fragte Karl. „Als Zivilbulle? Klar.“ „Komischer Typ. Verstehe ich nicht. Wieso wird so einer Zivilbulle?“

Also Moment mal“, warf Herr Lehmann ein, „woher wollt ihr denn jetzt alle wissen, dass das ein Zivilbulle ist?“

Ich weiß nicht“, sagte Karl, „irgendwie ist das ein komischer Typ. Kristallweizen ohne Zitrone trinkt der immer.“ „Aber wegen Drogen …“, sagte Jürgen zweifelnd. „Die haben schon zwei Läden in Schöneberg zugemacht. Da geht irgendwas ab“, raunte Erwin in eine Musikpause hinein.

Ich dachte, nur das Loch“, widersprach Herr Lehmann. „Wie, nur das Loch?“ „Erwin, vor ein paar Stunden hast du noch gesagt, die hätten das Loch zugemacht. Jetzt sind es schon zwei Läden, die in Schöneberg zugemacht wurden.“

Ist doch egal. Guck da nicht so rüber, Herr Lehmann.“ „Erwin, die Kombination aus Duzen und Herr Lehmann sagen in ein und demselben Satz ist wirklich das Übelste, was es gibt.“

Regener, der als Sänger und Trompeter der Band „Element of Crime“ bekannt wurde, hat zwei „Prequels“ zu dem Buch geschrieben: zuerst „Neue Vahr Süd“ (ein Stadtteil von Bremen) über Herrn Lehmanns Jugend und Armeezeit, und dann „Der kleine Bruder“ über seine ersten Wochen in Berlin. Ersteres gefiel mir irgendwie nicht so gut, aber im zweiten fand ich dann wieder die herrlich absurd-schrägen Dialoge und Charaktere, durch die mir „Herr Lehmann“ so ans Herz gewachsen ist. Es ist eines der wenigen Bücher, das ich immer wieder lesen könnte – wie ich gerade merke, weil ich ein Exemplar für einen Bekannten als Geschenk gekauft habe, ich selbst besitze ja kaum Bücher –, nicht an einem Stück, aber einzelne Kapitel, und ich habe auch zehn Jahre nach unserem Kennenlernen noch die größte Sympathie für den Kerl und Freude an seinen gewundenen Gedankengängen. Und selbst wenn der Autor nicht über das spätere Leben von Herrn Lehmann schreibt, nur einen Roman über Karl in der Technoszene der frühen 90er veröffentlicht hat („Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“), so ist es ja nicht ausgeschlossen, dass er noch eine „ordentliche“, bürgerlich-spießige Existenz aufgebaut hat. Selbst wenn das irgendwie enttäuschend wäre.

Herr Lehmann stand da, verkehrsumtost, und fühlte sich leer. Er wollte nicht nach Hause, da erwartete ihn nichts außer ein paar Büchern und einem leeren Bett. Vielleicht sollte ich mir doch mal wieder einen Fernseher anschaffen, dachte er. Oder mal Urlaub machen. Mit Heidi nach Bali. Oder nach Polen. Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.

Ich gehe erst einmal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

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