Ein Monat - ein Buch

Oktober 2012: E. T. A. Hoffmann – Lebensansichten des Katers Murr

Mit diesem Buch ging es mir wie mit manch anderem: Erst denke ich, es wäre schwer zu lesen und wenn ich ihm dann eine Chance gebe, bin ich positiv überrascht, weil es doch recht unterhaltsam ist. Dies erlebte ich beispielsweise bei Puschkins „Eugen Onegin“. Von Hoffmann kannte ich bis dato „Der Sandmann“ und „Die Elixiere des Teufels“, beides klassische Vertreter der um 1800 sehr beliebten Gothic Fiction, die ihn auch über außerhalb Deutschlands bekannt machten, während er in seiner Heimat lange verkannt oder wenig geachtet war. Besonders in Frankreich erfreute sich sein Werk großer Beliebtheit, wie sich u. a. an Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ erkennen lässt. Und nicht zuletzt wurde Edgar Allan Poe von den oft fantastisch-unheimlichen Geschichten inspiriert.

Quelle: molochronik.antville.org

Hoffmann konnte aber auch anders, wie sein „Kater Murr“ beweist: Hier glänzt er mit satirischen Seitenhieben und selbstironischen Anspielungen auf seine eigene, nicht immer glückliche Lebensgeschichte. Der vollständige Titel lautet „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ und beides findet sich dann, wild durcheinander geworfen, in diesem Buch. Wie der „Herausgeber“ E. T. A. Hoffmann in einem Vorwort erklärt, hätte der Kater beim Niederschreiben seiner Memoiren Papier benutzt, auf dessen Rückseite bereits die des Komponisten Kreislers standen, die der unachtsame Setzer dummerweise mitdruckte. So liest man einige Episoden aus Murrs Weg hin zu einem „großen Kater“ (sein stetiges Bestreben – das Ganze ist eine Parodie auf die damals verbreiteten Bildungsromane) wie seine kurzlebige Freundschaft mit dem Pudel Ponto, seine Liebe zum Kätzchen Miesmies, die nach Katzenart nicht von Treue geprägt ist, und ehrenhaften Duellen mit den Katern der Nachbarschaft; doch werden diese plötzlich unterbrochen durch die zufällig eingeschobenen Berichte von Johannes Kreisler, die ebenso willkürlich wieder abbrechen, um mit Murrs Geschichte fortzufahren:

Fürs erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden können, wenn er die eingeklammerten Bemerkungen, Mak. Bl. (Makulatur-Blatt) und M. f. f. (Murr fährt fort) gütigst beachten will, dann ist aber das zerrissene Buch höchst wahrscheinlich gar nicht in den Buchhandel gekommen, da niemand auch nur das mindeste davon weiß. Den Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein, daß sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art nicht unmerkwürdigen Mannes kommen.

Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung.

Murr fehlt es freilich nicht an Stolz angesichts seiner schriftstellerischen Kenntnisse und er sieht sein Dasein als Exempel für jeden Artgenossen an:

Vorrede des Autors Kater Murr

Schüchtern – mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter des Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in süßen Stunden der Muße, der dichterischen Begeisterung meinem innersten Wesen entströmten. Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch ihr seid es, ihr fühlenden Seelen, ihr rein kindlichen Gemüter, ihr mir verwandten treuen Herzen, ja, ihr seid es, für die ich schrieb, und eine einzige schöne Träne in eurem Auge wird mich trösten, wird die Wunde heilen, die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!

Berlin, im Mai (18–). Murr (Etudiant en belles lettres)

Unterdrücktes Vorwort des Autors

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete.

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen.

Berlin, im Mai (18–). Murr (Homme de lettres très renommé)

Nicht weniger amüsant und gleichermaßen satirisch sind die Aufzeichnungen Kreislers, dessen Natur und Erleben etliche autobiografische Züge Hoffmanns tragen und dessen Name er zuvor bereits als Pseudonym sowie in den als „Kreisleriana“ genannten Texten verwendete, die noch vor dem „Murr“ in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ erschienen (siehe Wiki). Der Komponist versinnbildlicht den romantischen Künstler schlechthin, ein schöner aber zerrissener Geist, der mit der Welt im Allgemeinen und den Zwängen des Hoflebens beim Fürsten Irenäus, seinem Brotgeber, im Besonderen nicht klar kommt und daran zerbricht. Hier erinnerte mich manches an „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“, der ebenfalls mit spitzer Zunge die starre und alberne Etikette am Hofe kleiner, sich unmäßig wichtig nehmender Landesherren von „Duodezstaaten“ kommentierte. Kreisler ist mit dem weisen Meister Abraham befreundet, der zufällig der Besitzer von Murr ist: So kommt der Kater an die Makulaturblätter. Im Gegensatz zum verachtenden und verkannten Komponisten steht das Tier für den zufriedenen Spießbürger, der in verwöhnter Selbstherrlichkeit seine Werke preist und dessen lyrische Versuche mehr komisch als veröffentlichungswürdig sind: Man lese nur die Beschreibung seiner ersten Begegnung mit Miesmies:

Doch es ist Zeit, daß ich euch, mir verwandte Seelen einer schönern Nachwelt – oh, ich wollte, diese Nachwelt befände sich schon mitten in der Gegenwart und hätte gescheite Gedanken über Murrs Größe und spräche diese Gedanken laut aus mit so heller Stimme, daß man nichts anderes vernehmen könnte vor dem lauten Geschrei –, ja, daß ihr etwas Weiteres davon erfahrt, was sich mit eurem Murr zutrug in seinen Jünglingsjahren. – Paßt auf, gute Seelen, ein merkwürdiger Lebenspunkt tritt ein. –

Des Märzen Idus waren angebrochen, die schönen milden Strahlen der Frühlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchglühte mein Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche Unruhe, eine unbekannte wunderbare Sehnsucht geplagt, – jetzt wurde ich ruhiger, doch nur um bald in einen Zustand zu geraten, den ich niemals geahnt! –

Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschöpf heraus – o daß ich es vermöchte, die Holdeste zu malen! – Sie war ganz weiß gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkäppchen bedeckte die niedliche Stirn, sowie sie auch schwarze Strümpfchen an den zarten Beinen trug. Aus dem lieblichsten Grasgrün, der schönsten Augen funkelte ein süßes Feuer, die sanften Bewegungen der feingespitzten Ohren ließen ahnen, daß Tugend in ihr wohne und Verstand, sowie das wellenförmige Ringeln des Schweifs hohe Anmut aussprach und weiblichen Zartsinn! – Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne, blinzelte und nieste. – Oh, der Ton durchbebte mein Innerstes mit süßen Schauern, meine Pulse schlugen – mein Blut wallte siedend durch alle Adern, – mein Herz wollte zerspringen, – alles unnennbar schmerzliche Entzücken, das mich außer mir selbst setzte, strömte heraus in dem lang gehaltenen Miau! das ich ausstieß. – Schnell wandte die Kleine den Kopf nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche süße Scheu in den Augen.

Wie zu Beginn erwähnt, ist der ganze Roman auch heute noch sehr unterhaltsam, sicher noch mehr, wenn man ein wenig mit Hoffmanns Biografie vertraut ist, weil man dann die Parallelen zwischen ihm und Kreisler erkennt. Aber auch ohne Vorkenntnisse kann man sich an diesem Werk erfreuen, das nach dem 2. Teil (in der der Leser von Murrs Ableben in Kenntnis gesetzt wird; das gleiche Schicksal ereilte dem realen Vorbild selben Namens, das bei Hoffmann lebte) abrupt abbricht – der Autor hatte eine Fortsetzung im Sinn, doch kam es nicht mehr dazu.

Quelle: xlibris.de 

Zeichnung des Autors für den Roman mit dem Titel „Kreisler im Wahnsinn“

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