Ein Monat - ein Buch

November 2008: Alina Bronsky – Scherbenpark

Als ich damals den ersten Roman von Alina Bronsky, „Scherbenpark“, las, war ich hinterher sehr gespannt, wie ihre nächsten Bücher werden würden, weil das erste so vielversprechend war. Doch ihre Folgewerke erregten nicht mehr solches Aufsehen wie das Debüt, das vor einiger Zeit sogar verfilmt wurde, und so kam es, dass es bisher das einzige blieb, was ich von ihr gelesen habe. Ich musste sogar bei Wiki erst einmal schauen, was die Autorin sonst noch so geschrieben hat (und lernte nebenbei, dass sie mit Ulrich Noethen zusammen ist) und erfuhr von Titeln wie „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“, das sehr gute Bewertungen erhalten hat, oder „Nenn mich einfach Superheld“ über das Opfer eines Kampfhund-Angriffs in einer Selbsthilfegruppe.

„Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen.
Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Ich habe auch schon einen Titel: ‚Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte‘. Vielleicht ist das nur ein Untertitel. Ich habe Zeit, es mir genau zu überlegen, denn ich habe noch nicht angefangen zu schreiben.“

„Scherbenpark“ ist der freche, unverblümte Bericht eines Mädchens aus dem „Ghetto“. Die 17-jährige Sascha wohnt in einem typischen Neubaublock unweit des titelgebenden Parks und ist genau wie die meisten anderen hier ein Spätaussiedler (die allgemein gern als „Russen“ bezeichnet werden), geboren wurde sie in Moskau. Entgegen der üblichen Klischees hat sie in der Schule die besten Noten und kann perfekt Deutsch und Russisch, sie steht also über ihrem Umfeld und kann doch nicht daraus weg. Tough und nie um eine Antwort – oder eine Prügelei, wenn’s sein muss – verlegen, muss sie jetzt noch stärker sein als zuvor: Ihre Mutter und deren Liebhaber wurde von Saschas Stiefvater vor ihren Augen ermordet. Deshalb ihre Aussage in obigem Zitat, dass sie als Rache Vadim töten will.

Quelle: buchhexe.com 

 

In einer Buchkritik schrieb der Rezensent, dass Sascha wohl eher Turnschuhe statt hoher Lederstiefel tragen würde – mir gefällt das Cover trotzdem, es versprüht Energie und Dynamik

Dummerweise sitzt dieser außerhalb ihrer Reichweite im Gefängnis, und als er in einem Artikel als „reumütiger Straftäter“ präsentiert wird, richtet sich ihre blinde Wut gegen die Zeitung. Sie knöpft sich den Chefredakteur vor, der ihr als Wiedergutmachung seine Hilfe anbietet, falls sie sie brauchen sollte. Und das kommt schneller als gedacht, ist doch Saschas Leben alles andere als einfach. Sie hat jetzt mehr denn je die Verantwortung für ihre kleinen Geschwister, die sie schon früher vor Vadims Wutausbrüchen schützen musste (und sie gibt sich die Schuld, dass sie nicht auch ihre Mutter retten konnte). Ihre Tante, die mit in der Wohnung lebt und sich um die Kinder kümmert, kann kein Deutsch und kommt somit bei Einkäufen und Behördenkram ohne Sascha nicht zurecht. Da kommt ihr das wohlbehütete Zuhause in einer schicken Villa, das ihr Volker als Zuflucht anbietet, gerade recht, und so zieht sie für ein paar Tage zu ihm und seinem Sohn Felix. Selbstbewusst, wie Sascha ist, macht sie auf Vater und Sohn gleichermaßen Eindruck und flirtet auch mit beiden. Felix vermisst ebenfalls seine Mutter, die für die Karriere nach Berlin gezogen ist, und er wurde mit einer kranken Lunge geboren – sein Leben wird von Sascha ganz schön durcheinander geworfen und sie bringt dem verwöhnten, noch recht kindlichen Jungen ein oder zwei Dinge über die Liebe bei. Doch die sich anbahnende Dreierbeziehung ist nicht das, was sie will, dieses neue Gefühl des Verliebtseins wächst ihr über den Kopf, und so haut sie überstürzt wieder ab, zurück ins Ghetto, wo sie einen Neonazi kennenlernt, der ebenfalls Volker heißt und der es toll findet, dass sie „so dünn“ ist. Das emotionale Chaos erreicht seinen Höhepunkt, als sie von Vadims Selbstmord in der Zelle erfährt, wodurch all ihre Rachepläne auf einen Schlag zunichte gemacht werden …

Manchmal denke ich, dass ich nie wieder neue Menschen kennenlernen will, weil ich es satt habe, jedem das Gleiche von vorn zu erklären. Warum ich Sascha heiße und wie lange ich schon in Deutschland lebe und warum ich so gut Deutsch kann, ungefähr elfmal besser als alle anderen Russlanddeutschen zusammen. Ich kann Deutsch, weil mein Kopf voll ist mit grauer Substanz, die wie eine Walnuss aussieht und makroskopisch viele Windungen hat, mikroskopisch dagegen eine stolze Menge Synapsen.

Nicht alle können mit Saschas schnoddrigem, pubertätstypischem Stil und ihrer vulgären Sprache etwas anfangen, so schrieb der Kritiker der Zeit: Was es nicht gibt, ist ein Erzählbogen. Die hineingeächzte Liebesgeschichte verendet genauso wie der Roman, den Sascha für ihre Mutter schreiben will. Wir begegnen Hochhäusern, Hartz IV, Alkohol, schreienden Kindern, erstem Sex, fiesen Russenbanden, stotternden Neonazis, Mord und Totschlag, aber das Ganze bleibt requisitenhaft. Formale Unebenheiten werden niedergequasselt.

Ich dagegen fand es gerade toll, dass jemand so schreibt, ohne Schnörkel, wie es den rauen Szenen des Romans angemessen ist. Und man ist unmittelbar im Geschehen, ständig passiert etwas und mittendrin ist Sascha, überfordert und eigentlich therapiebedürftig, was sie aber ablehnt. Ich habe sie sofort ins Herz geschlossen, selbst wenn ich ihr Verhalten nicht immer verstanden habe (wie ihr Verhältnis mit dem Neonazi), aber extreme Situationen/Lebensumstände führen eben zu extremen Reaktionen. Vielleicht sind manche Schilderungen oder Charaktere zu sehr in Schwarz und Weiß gemalt, das Buch polarisiert auf jeden Fall, man kann es nicht gefühlskalt lesen. Mich zog die Geschichte sofort in den Bann, vielleicht weil ich in einem ähnlichen – wenn auch längst nicht so krassen – Milieu wie Sascha aufgewachsen bin, wo ich ebenso auffällig von den übrigen Leuten herausstach. Ich kann den Roman vorbehaltlos empfehlen, und nicht nur Jugendlichen. Übrigens erinnere ich mich, wenn ich an „Scherbenpark“ zurückdenke, zuerst an eine Szene, in der Sascha den Hip-Hop-Song „Cleanin‘ Out My Closet“ hört und sich mit dem Text identifizieren kann („I’m sorry Mama, I never meant to hurt you …“) bis sie über „tonight I’m cleaning out my closet“ stolpert – was machst du da sauber, Eminem? Genau so ging es mir beim ersten Hören auch, bis ich darauf kam, dass er eben nicht das Klo putzt, sondern seinen Kleiderschrank ausräumt. Und dabei mit seiner Mutter und Vergangenheit abrechnet. Durchaus der passende Soundtrack für das Buch.

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